Jacques Bongars und seine Bibliothek

Jacques Bongars wurde im Jahre 1554 geboren; die Familie, protestantischer Konfession, ursprünglich aus der Picardie stammend, besass die Güter Boudry und Chesnaye bei Orléans. 1564-1571 besuchte er die Schulen von Jena, Marburg und Strassburg. Von 1571 an finden wir ihn in Orléans, 1576 in Bourges (bei Cujas) mit philologischen und juristischen Studien beschäftigt. Gegen 1580 unternahm er eine Reise nach Rom; in der Bibliothek des Fulvio Orsini und in der Vaticana arbeitete er über die Autoren der Historiae Augustae und über Eusebius von Caesarea. 1581 publizierte Bongars eine Edition der "Epitome Pompeii Trogi" des Justinus samt den Prologen und Fragmenten des Trogus (für letztere ist seine Ausgabe die editio princeps). Die Sorgfalt seiner Textherstellung, für die er zehn Handschriften sowie vier ältere Editionen mit Randkollationen benützte, fand unter den hervorragendsten Philologen jener Zeit lebhafte Anerkennung. 1584 besuchte Bongars den berühmten Gelehrten Justus Lipsius in Leiden und gewann dessen Freundschaft. Ins Jahr 1585 fiel eine Reise durch Ungarn und die Walachei nach Konstantinopel; sie bot Bongars Gelegenheit zu Studien über die römischen Inscriptionen der alten Provinzen Pannonien und Dacien.

Unmittelbar darauf trat Bongars in den diplomatischen Dienst, zunächst als Sekretär des französischen Botschafters in Frankfurt. Es war dies die entscheidende Wende seines Lebens; dem Staate brachte er nun, aus hohem Pflichtgefühl heraus, seine Kraft zum Opfer dar. 1593 erfolgte seine Ernennung zum "Résident pour le Roi de France auprès des Princes allemands", mit Sitz in Strassburg und Frankfurt. 25 Jahre lang unterzog sich Bongars den schwierigsten, durch zahllose Dienstreisen aufreibenden Amtsgeschäften; Krankheiten zermürbten, finanzielle Nöte und ungerechte Behandlung verbitterten ihn; wehmütig gedachte er oft des Lebens stiller Gelehrsamkeit, zu dem Neigung und Fähigkeiten ihn so sehr hingezogen hätten.

1610 konnte er endlich seinen Abschied nehmen, doch allzu bald schon, im Juli 1612, ereilte ihn der Tod. Auf dem Hugenottenfriedhof von St-Germain zu Paris liegt er mit seinen Glaubensbrüdern vereint.

Es war Bongars nicht vergönnt, den mit der Justinus-Ausgabe so hoffnungsvoll betretenen Weg weiter zu beschreiten. Immerhin erschienen unter seinem Namen noch zwei historische Quellensammlungen von bleibendem Wert: Im Jahre 1600 die "Rerum hungaricum scriptores varii" (mit einem Anhang: "Inscriptiones Romanae Hungariae et Transsylvaniae"), und 1611 die "Dei Gesta per Francos" in zwei Bänden, enthaltend 20 chronikale Texte zur Geschichte der Kreuzzüge; der Titel ist der bekannten Chronik des Guibert de Nogent entnommen. Vor allem aber war er in seltener Grosszügigkeit einem weiten Kreis von Gelehrten bei ihren Arbeiten behilflich. Dies geschah in mannigfacher Weise: Durch Vermittlung von eigenen Handschriften oder solchen aus den Sammlungen seiner Freunde; durch Überlassung von Vorstudien, Auszügen, Kollationen und Materialsammlungen; durch Mitarbeit an den Anmerkungen, Registern oder Druckkorrekturen; oder auch einfach durch Anregungen, Ratschläge und Ermutigungen. In hunderten von Briefen widerspiegelt sich dieser fruchtbare wissenschaftliche Gedankenaustausch, und überaus zahlreich sind die Werke (hauptsächlich Editionen), die Bongars gewidmet sind, oder in denen seine Mithilfe mit warmen Dankesworten erwähnt wird.

Auf welche Weise hat nun Bongars seine reichassortierte Bibliothek, insbesondere seine Handschriftensammlung aufgebaut? Hierüber wissen wir im Grunde recht wenig, trotz der eingehenden Forschungen Hermann Hagens, der unter Ausschöpfung aller ihm erreichbaren Quellen ein lebendiges, besonders die wissenschaftliche Tätigkeit beleuchtendes Lebensbild Bongars' entworfen hat. Dieser Mangel liegt - wenigstens teilweise - in der Natur Bongars' begründet. Er war vor allem Philologe, also Textsucher und Textforscher, nicht aber Handschriftenforscher ("Codicologe") im heutigen Sinn, und offensichtlich auch nicht Bibliophile. Das Buch interessierte ihn nicht an sich, d.h. als eigenwertiges, sozusagen archäologisches Objekt, sondern fast ausschliesslich durch seinen Inhalt; das Büchersammeln war ihm nicht Liebhaberei, sondern Vorbereitung und Grundlage seiner philologisch-historischen Studien. So finden wir denn in seinen Briefen und Aufzeichnungen nur wenige Angaben, die sich etwa auf das Alter, die Herkunft, die Vorbesitzer seiner Codices beziehen, und ebenso selten äussert er sich darüber, von wem und auf welche Art er seine Bücher erhalten hat. Zudem hat es ihm - darüber beklagt er sich oft - stets an der Musse gefehlt, die nötig gewesen wäre, sich mit seiner Sammlung in Ruhe zu beschäftigen.

Immerhin haben wir einige Vorstellungen von den wichtigsten Meilensteinen in der Entstehungsgeschichte der Bongarsiana. An erster Stelle ist zu nennen der Ankauf der berühmten Handschriftensammlung des Pierre Daniel von Orléans, in die sich Jacques Bongars und Paul Petau nach dem Tode des Sammlers (1604) teilten. Daniel hat sich als Herausgeber der spätantiken Komödie "Querolus" (1564) und des Vergilkommentars des Servius (1600) einen guten Namen unter den Philologen gemacht.

Den Grundstock zu seiner Bibliothek legte er im Jahre 1562, als die Benediktinerabtei Saint-Benoît-sur-Loire ( "Fleury" ) bei Orléans durch hugenottische Söldner geplündert wurde - ein Schicksal, dem viele französische Klöster in jenen Jahren anheimgefallen sind . Daniel gelang es, von den Soldaten, die mit alten Büchern nicht viel anzufangen wussten, eine Anzahl wertvollster Codices zu erwerben, die er dem Kloster nie zurückgab. Offensichtlich hat er sich auch vor und nach diesem Ereignis aus der damals schlecht behüteten Bücherei von Fleury bereichern können. - Die von Petau gekauften Danielenses haben übrigens in der Folge noch mannigfache Wanderungen durchgemacht und finden sich heute in Paris, Rom, Stockholm, Leiden und Genf verstreut.

Im folgenden Jahre kaufte Bongars die Reste der Bibliothek des berühmten Rechtslehrers der Universität Bourges, Jacques Cujas, deren Hauptmasse freilich vorher schon an Pierre Pithou gegangen war.

Weiter konnte er Nutzen aus der Strassburger Bischofsfehde und dem Karthausenstreit ziehen, welche Händel während seiner Gesandtenzeit im Elsass und in Süddeutschland die Zersprengung der reichen alten Bibliotheken jener Gegenden förderten.

Zahlreiche Bücher müssen sodann aus kleineren Gelegenheitskäufen stammen; jedenfalls begünstigten die politisch-kirchlichen Erschütterungen und Umbrüche damals die Entstehung neuer Sammlungen ganz ausserordentlich, wie durch viele Beispiele gezeigt werden könnte.

Auch hat Bongars selten verfehlt, die grosse Frankfurter Büchermesse zu besuchen; von daher stammen sicher viele seiner gedruckten Bücher. Nicht zuletzt finden wir in seiner Bibliothek zahlreiche Dedikations- und Geschenkexemplare seiner gelehrten Freunde; diese sind oft mit handschriftlichen Anmerkungen versehen. Die genaue Untersuchung der Impressa seiner Sammlung wird bestimmt noch viel Neues zu Tage fördern.

Nun noch ein Wort zur Geschichte der Bongarsiana nach dem Tode ihres Schöpfers (1612): Bongars vermachte seine Bibliothek testamentarisch dem Jakob Graviseth, dem Sohne des Strassburger Bankiers René Graviseth (oder Gravisset), eines seiner besten Freunde, der ihm auch in seinen Geldnöten unter schweren persönlichen Opfern geholfen hatte. Bei Hagen und in den darauf basierenden Darstellungen steht nun zu lesen, dass die Bongarsiana bis zur Mehrjährigkeit des jungen Graviseth, der damals erst 14 Jahre alt war, dem Heidelberger Gelehrten Georg Michael Lingelsheim zur Aufbewahrung übergeben worden sei.

Dies scheint ein Irrtum zu sein, schreibt doch Lingelsheim im Jahre 1616 dem französischen Historiker Jacques-Auguste de Thou: "Wegen der Handschrift des Ordoricus Vitalis - (es handelt sich offenbar um Cod. 555) - habe ich an Graviseth geschrieben, dessen Sohn der treffliche Bongars seine Bibliothek vermacht hat; doch dieser liegt auf der Bibliothek wie ein Drache auf seinem Schatze und lässt niemanden hinzu, so sehr fürchtet er, dass etwas abhanden kommen könnte; und dabei war es doch der Wille des Verstorbenen, dass er - (Graviseth) -jenen gesammelten Schatz einem guten Publikum zugänglich mache."

Im Jahre 1624 heiratete dann Jakob Graviseth, dessen Vater schon 1615 die Herrschaft Liebegg im bernischen Aargau gekauft hatte, Salome von Erlach, die Tochter des Berner Schultheissen Franz Ludwig von Erlach. Er erhielt das bernische Burgerrecht geschenkt, und trat zum Dank dafür die Bongarsische Bibliothek der Stadt Bern ab. Erst acht Jahre später aber, also 1632, nach Überwindung verschiedener Schwierigkeiten mit anderen Ansprechern, traf die kostbare Sammlung in Bern ein, wo sie mit rund 500 Handschriften und über 3000 gedruckten Bänden (mit über 6000 Titeln) die Bestände der alten Burgerbibliothek mehr als verdoppelte. Dass man in Bern diesen hochbedeutsamen Zuwachs sehr wohl zu würdigen wusste, zeigt die Anweisung an die Kanzlei im Ratsmanual vom 16. Februar 1632:

"Dem Herrn Graviset, Herrn zuo Liebegg,
wägen sys herrliches praesents, Herrn
Bongartii Bibliothec halber dancken!"

Die dem "herrlichen Präsent" entgegengebrachte Wertschätzung beweist noch eindrücklicher der voluminöse, mit grösster Sorgfalt geschriebene Katalog "Clavis Bibliothecae Bongarsianae' ("Schlüssel zur Bongars-Bibliothek"), den der gelehrte Pfarrer Samuel Hortin binnen zwei Jahren erstellte: ein für uns besonders wertvolles Arbeitsinstrument, hält es doch den ursprünglichen Bestand der Bongarsiana fest und ermöglicht die Wieder-Zusammenführung der gedruckten Bücher, die später auf die verschiedenen Abteilungen der Bibliothek verteilt worden waren.

Jedoch geriet nun die Bongarsiana während längerer Zeit etwas in Vergessenheit, bis Johann Rudolf Sinner 1760-72 den ersten gedruckten Katalog der Codices publizierte. Dadurch wurde die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt wiederum auf ihre z.T. einzigartigen Quellen gelenkt und diese - wie zu Bongars' Lebzeiten - von da an für mannigfache Studien, Editionen etc. ausgeschöpft.

Hundert Jahre später erteilte der kenntnisreiche und bienenfleissige Hermann Hagen insbesondere der philologischen Erforschung der Bongarsiana nachhaltige Impulse, nicht nur durch den vorzüglichen "Catalogus Codicum Bernensium" von 1875, sondern auch durch viele Einzeluntersuchungen. Ihm verdanken wir zudem die heute noch massgeblichen Biographien Jacques Bongars', Pierre Daniels und Jakob Graviseths.

1951 gingen, im Zuge der Neuordnung des bernischen Bibliothekswesens, die Handschriften an die Burgerbibliothek Bern über, während die Drucke in der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern blieben. Letztere sind heute wieder zu einem geschlossenen Bestand zusammengezogen und werden gegenwärtig völlig neu katalogisiert. Die Burgerbibliothek ihrerseits hat mit dem Katalogband "Die illustrierten Handschriften der Burgerbibliothek Bern (Die vorkarolingischen und karolingischen Handschriften)", von Otto Homburger (1962) die kunsthistorische Erschliessung ihrer Codices begonnen. Ein Folgeband "Romanik, Gotik und Renaissance" ist in Arbeit.

Christoph v. Steiger im Ausstellungskatalog "Ein herrliches Präsent", Die Bongars-Bibliothek seit 350 Jahren in Bern. 1983

Universität Bern | Universitätsbibliothek | Münstergasse 61/63 | CH-3000 Bern 8 | Tel +41 (0)31 631 92 11 | Fax +41 (0)31 631 92 99
© Universität Bern 08.01.2007 | Impressum