Universitätsbibliothek Bern |

Die Zentralbibliothek der Universität Bern beherbergt in ihren reichen Buchbeständen einige ehemalige Privatbibliotheken.
Weniger bekannt dürfte sicher die Tatsache sein, dass auch eine umfangreiche ornithologische Bibliothek zu diesen Sammlungen zählt.
Im Jahre 1964 hatte die Zentralbibliothek der Universität Bern das ausserordentliche Glück, die ornithologische Fachbibliothek von Dr. med. Erwin Holzer (1895-1972) erwerben zu können. Die ZB gelangte damit in den Besitz einer einmaligen Sammlung, deren Umfang, Geschlossenheit und Auswahl an wertvollen Einzelwerken den Ornithologen und Bücherliebhaber gleichermassen beeindrucken und erfreuen.
Während Jahrzehnten hat der in Neuenegg praktizierende Arzt Dr. E. Holzer diese Sammlung systematisch aufgebaut und mit kostbaren, teils sehr seltenen Werken vermehrt.
In den Jahren 1964-65, nach dem Erwerb durch die ZB, wurde die 1550 Bände zählende ornithologische Bibliothek inventarisiert und katalogisiert. Ihren endgültigen Standort erhielt die "Sammlung Holzer", wie sie fortan hiess, nach dem Umbau der ZB (1967-74) im Kulturgüterschutzraum der Bibliothek, wo sie sich würdig anschliesst an andere bedeutende Privatsammlungen, wie die bereits erwähnte Bongarsiana.
Die Bibliothek Holzer vereinigt einen ganz aussergewöhnlichen, weit über die Schweizergrenzen hinaus einmaligen Reichtum aus der systematisch tier-geographischen ornithologischen Literatur. Zugleich repräsentiert die Sammlung über zwei Jahrhunderte ornithologischer Buchillustration. Sie gibt Einblick in den Wandel der Illustrationstechnik, von der handkolorierten Vorlage und dem japanischen Farbenholzschnitt bis zum modernen Vierfarbendruck und von der Zeichnung bis zu den photomechanischen Vervielfältigungsverfahren, wie auch vom Kleinbild im Taschenbuch bis zum "Elefantenformat" der sehr grossen Farbtafeln von Shield.
Zwei oder drei Namen seien stellvertretend für viele genannt:
François Levaillant (1753-1824), einer der besten Ornithologen seiner Zeit; er besass, an damaligen Verhältnissen gemessen, eine umfassende Artenkenntnis und schuf einige ornithologische Prachtwerke, z.B. die "Histoire naturelle des oiseaux de paradis et des rolliers, suivie de celle des toucans et des barbus", Paris, 1806. Bei der Auswahl zu diesem Werk war er offensichtlich nach ästhetischen Gesichtspunkten vorgegangen. Im ganzen ist das Werk ein pompöses Fest der Farben, in aufwendigster Art gefertigt und gebunden, ein Abbild eines vorzüglichen damaligen Naturalienkabinetts. Ausgestattet ist das Werk mit 114 Tafeln in mehrfarbigem Kupferstich, teils lasierend, teils kräftig deckend gedruckt. Als Zeichner wirkten mit Barraband, Aubusson u.a.
William Charles Beebe (1877-1962) war u.a. Curator of Birds of the New York Zoological Park. Er forschte und veröffentlichte über Rassen- und Artbildung der Vögel. Von 1904-11 war er in Asien unterwegs und sammelte das Material für das Werk "A Monograph of the Pheasants", London, 1918-22. Das Werk erschien in einer Auflage von nur 600 Exemplaren; es wurde illustriert von Archibald Thorburn (1860-1935), einem hochbegabten Tiermaler, der viele Vogelbücher illustriert hat. Der Bildinhalt und die Gewichtung von Vogel, Landschaft, Pflanzenwelt und Wetterstimmung im Bildganzen sind Ausdruck einer neuen Betrachtungsweise in der zoologischen Forschung: Es kommt in diesen Tafeln ein ökologisches Denken zum Vorschein. Die Bände "A Monograph of the Pheasants" gehören zu den schönsten ornithologischen Werken der Gegenwart.
1)
Bloesch, Hans. Die Stadt- und Hochschulbibliothek Bern. Zur Erinnerung an ihr 400 jähriges Bestehen und an die Schenkung der Bongarsiana im Jahr 1632. Im Auftrag der Bibliothekskommission hrsg. von Hans Bloesch. Bern, 1932.
Bibliotheca Bernensis 1974: Festgabe zur Einweihung des umgebauten und erweiterten Gebäudes der Stadt- u. Universitätsbibliothek Bern am 29. und 30. August 1974. Hrsg. von der Burgergemeinde Bern. Bern, 1974.
Bilder von George Shield (1804-1880):