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(nach: Heinz Schlaffer, in Jack Goody, Entstehung und Folgen der Schriftkultur)
Voraussetzung für eine präliterale Gesellschaft ist eine ausgefeilte Mnemotechnik, die es ermöglicht, dass Genealogien, Gesetze, Gebete und Zaubersprüche etc. in unveränderter Form über Generationen weitergegeben werden.
Dazu dienen Rhythmisierungen, repetitive Forme(l)n, musikalische Untermalungen, Gesang oder ein besonderer Berufsstand der Sänger (vgl. Mittelalter, Maghreb, Märchenerzähler in China heute). In schriftlosen afrikanischen Kulturen gilt nach wie vor ein gutes Gedächtnis als Zeichen von Intelligenz. An Königshöfen schwarzer Herrschertümer rezitierten einst Sänger tagelang und riskierten den Kopf, wenn sie einige der vielen tausend Verse vergassen.
Vermutliche gesellschaftliche Voraussetzungen für die Schrift:
- Sesshaftigkeit und damit engeres Zusammenleben (im Vgl. zum Nomadentum) -> Bedürfnis nach rechtlich gegliederter Gesellschaft.
- Klare Göttergestalten in den Stadtstaaten mit Geboten und Verboten.
- Wirtschaftliche Beziehungen und Abmachungen
- Aus dem Gefühl der Gemeinschaft das Bedürfnis, erlebte Geschichte festzuhalten
Diese vier Bedingungen sind übrigens geradezu beispielhaft in der Geschichte des Volkes Israel, wie sie uns im alten Testament begegnet, gegeben.
Trotz der raschen und vergleichsweise breiten Einführung der Schrift im griechischen Kulturraum seit Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. blieb die mündliche Tradition daneben bestehen. Ja, die Schriftlichkeit wurde auch kritisiert: Plato trägt vier Vorbehalte dagegen vor (Phaidros (274c-277a):
1. Die Schrift schwächt das Gedächtnis
2. Sie bietet nur einen stummen Text (im Gegensatz zum lebendigen Erzähler)
3. Sie ist nicht auf einen mit Bedacht ausgewählten Kreis von Adressaten einzugrenzen
4. In Abwesenheit des Autors "ist vieles nur Spiel", weil dieser nicht mit seiner ganzen Person für die vorgebrachte Lehre einstehen kann.
(Bedenklich schien griechischen Kritikern auch die Einschränkung des öffentlichen Charakters des Lebens, der Griechen und Römern wichtig war; sowie des merkwürdigen Umstands, dass das geschriebene "ich" nicht mehr greifbar, haftbar ist im Gegensatz zu demjenigen, der "ich" sagt. Das "ich" kann zur Fiktion werden.)
Ex negativo erhält man aber gerade die wichtigen Leistungen der Schrift:
1. Sie entlastet das Gedächtnis
2. Sie ist nicht zeit- und ortsgebunden
3. Sie ist - zumal in der alphabetisch-phonetischen Form - leicht zu lernen
4. "Sie ist ein Produkt des einsam konzipierenden Schriftstellers, dem sich die Chance zum ungestörten Verfolgen neuer Ideen eröffnet und der sich zugleich dem Risiko des verantwortungslosen Einfalls und der bezaubernden Fiktion aussetzt." (S. 11)
Solcher Skepsis werden wir mit anderen Begründungen übrigens noch bis ins 19. Jh. begegnen.
Es ist schon auf den bemerkenswerten Unterschied von der griechischen zur biblischen Welt hingewiesen worden.
Dazu ein kleiner Exkurs: "Altes und neues Testament zeichnen sich gegenüber der griechischen Welt in gleicher Weise durch ein ungebrochenes Vertrauen sowohl in die Sprache als auch in die Schrift aus. Schrift- und Sprachskepsis treten im Judentum wie auch im Christentum erst nachbiblisch, etwa in der jüdischen und christlichen Mystik auf. ... Ein aufgeschriebenes Gesetz ist ein ständig bereitliegender Massstab für das Verhalten und seine Beurteilung. Zu erinnern ist hier namentlich auch daran, dass es Jahwe selbst ist, der den Dekalog ... schrieb ... Mose übergibt das Aufgeschriebene zur sicheren Verwahrung den Leviten, ordnet zusätzlich an, dass das Aufgeschriebene alle sieben Jahre bei der Zusammenkunft im Laubhüttenfest laut vorgetragen werde, schliesslich soll die Weisung auswendig gelernt werden. Also: Sicherung 1. durch schriftliche Niederlegung, 2. durch sichere Aufbewahrung des Geschriebenen, 3. durch lauten mündlichen Vortrag, schliesslich 4. die Sicherung durch Auswendiglernen... Es geht (also) um Mündlichkeit, aber um eine schriftgestützte, immer wieder auf die Schrift rekurrierende, eine lesende Mündlichkeit. Die griechische Welt kennt solchen Buchrekurs nicht. Natürlich hängt dieser Buchrekurs der biblischen Welt mit der ausserordentlichen Bedeutung des Geschichtlichen zusammen, die dem Griechentum ebenfalls fremd ist: dem eminenten Geschichtsbezug, der dem Judentum eignet und den das Christentum fortsetzt in anderer und radikalisierter Weise." (Goetsch 29f)
(Es ist klar, dass gerade diese starke Fixierung auf die Schriftkultur für die Bibliotheken des Abendlandes fördernd wirkte.)
Ende des Exkurses und zurück zu unserem eigentlichen Thema:
Gerade die Einführung des im Vergleich zur Umgebung einfachen griechischen Schriftsystems zeigt die positiven Folgen der Schriftkultur: Das logische, rationale System mit wenigen zu lernenden Zeichen ermöglichte
a) die Teilnahme vieler an der Schriftkultur und bedeutete
b) eine Entlastung des Gedächtnisses, und ist so möglicherweise die Ursache für das Aufblühen der griechischen Philosophie und anderer Wissenschaftszweige.
Dass die Auswirkungen der Schriftkultur so lange begrenzt ist, als sie auf einen kleinen Benutzerkreis eingeschränkt ist, zeigt der Vergleich der griechisch/römischen Zivilisation einerseits mit der ägyptischen (Beschränkung auf Inschriften und kultische Zwecke), mit China (gesellschaftliche Elite) oder Indien und dem mittelalterlichen Europa (religiöse Zwecke) andrerseits.
Ein zusätzliches Hemmnis bedeutet in Europa bis ins 18. Jahrhundert die Verwendung des "toten" elitären Latein als Wissenschaftssprache. Daher kam die volle Wirkung des Buchdrucks erst mit Verspätung zur vollen Geltung.
Beispiele dafür, dass die Verschiebung von der oralen zur schriftlichen Kultur weitergeht:
- "Soll Gesprochenes bedeutungsvoll sein, etwa in politischen Reden oder bei Aussagen vor Gericht, so geht ihm Schrift als Konzept voraus oder folgt ihm als Protokoll nach. Mündliche Mitteilung, wie sie uns geläufig ist, bleibt daher von sozialer Verantwortung weitgehend befreit." (S. 14) Wir telephonieren zwar ungeheuer viel; wenn eine Abmachung aber wichtig ist, etwas gelten soll, dann wird sie schriftlich "bestätigt".
- Selbst im wichtigen religiösen Bereich schwindet die Macht des unmittelbar gesprochenen Wortes: Predigten werden nun abgelesen.
- Literaturgeschichtlich ist eine Umwertung der Gattungen festzustellen: von den sprechbaren Dramen und vor allem der Lyrik zum Roman.
- Innerhalb des Romans wurde lange Zeit auf die Tradition des mündlichen Erzählers Rücksicht genommen, indem ein Erzähler vorkommt oder die Erzählweise mindestens auktorial (d.h. der Autor "weiss alles") ist. Erst das frühe 20. Jahrhundert (z.B. Joyce) räumt mit dieser Tradition auf.
Das heisst nun nicht unbedingt, dass wir uneingeschränkt auf eine immer stärkere Schriftkultur zulaufen, wie der "neue Analphabetismus" Symbole) beweist.
Sie ist auch nicht in allen Sprachkulturen gleich intensiv: "In Nordamerika hat die bäuerliche Herkunft der meisten Einwanderer, die ideologische Opposition gegen das gebildete Europa und die unmittelbare Anschauung der vollständig nicht-literarischen Indianer und Afroamerikaner ein Klima der ersten Mündlichkeit bewahrt, das die Durchdringung mit der zweiten Mündlichkeit von Grammophon, Telefon, Rundfunk und Fernsehen erleichterte."
Neil Postman ("Wir amüsieren uns zu Tode", 1985) vertritt allerdings eine gegensätzliche Auffassung. Nämlich, dass die Amerikaner erst durch das Fernsehen eine ausgesprochene Schriftgläubigkeit aufgegeben hätten.
(nach: - Heinz Schlaffer, Einleitung, S. 7-23, in: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, von Jack Goody u.a. 1986)