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Festzuhalten, dass Schriftlichkeit in irgendeiner Form Voraussetzung für Bibliotheken ist, ist gewiss ein banaler Befund.
Dennoch: Hier genügt die mündliche Rede oder die Erinnerungsfähigkeit aus irgend einem Grund nicht mehr, und man speichert das flüchtige Wort.
So gesehen, ist der Akt der Niederschrift im Sinne einer "Sicherung" aber doch eine wichtige Vorstufe zum Bemühen, das einmal Gesicherte systematisch zusammenzutragen, in einen Zusammenhang zu stellen und ihm vor allem durch die Lokalisierung an einem bestimmten Ort und für eine bestimmte Zeit einen Schutz zu geben, der sich über mehrere Generationen erstrecken kann.
Da in den letzten Jahren in bezug auf die Anfänge der Schriftlichkeit einige neue Arbeiten und Theorien erschienen sind, möchte ich den Beginn der Schriftlichkeit wenigstens im Ueberblick streifen.
Zentraler ist für uns dann aber die Frage, wann und weshalb Schriftliches zusammengetragen und an einem bestimmten Orte aufbewahrt wird. Konkreter:
- Welches sind die Textarten, die dazu für würdig befunden wurden?
- Welches sind die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für die Anlegung von Textsammlungen?
- Wie weit ist der Charakter einer Schrift ein Faktor für die Lese- und Schreibfähigkeit der Bevölkerung?
(In Klammer sei in diesem Zusammenhang vermerkt, dass die Verwendung des Ausdrucks "Bibliothek" für diesen Zeitpunkt noch problematisch ist.
- Mehr am Rande werde ich noch über die Folgen der Schriftkultur sprechen.
Beim folgenden Ueberblick konzentriere ich mich auf die Entwicklung in Aegypten und Mesopotamien (inkl. Kleinasien und der Levante), den Kulturräumen also, die für Europa im Bereich der Schriften die entscheidenden Voraussetzungen schufen. Wir tun dies durchaus im Wissen, dass u.a. auch in Iran (z.B. Proto-Elamitische Schrift), Indien, China und in Amerika vergleichbare interessante Schriftschöpfungen stattfinden, die aber auch allesamt jünger sind als diejenigen in Mesopotamien und Aegypten, die man grob ums Jahr 3000 vor Chr. festlegen kann.
Doch auch innerhalb dieser beiden Gebiete muss ich für unseren Zusammenhang einige wenige Beispiele auswählen.
Auszugehen ist von Vorformen, wie Zählsteinen und Rollsiegeln, die die meisten Kulturen vor der Verwendung von Schriften kennen. Eine Sonderform sind die Hohlkugeln, die in Uruk und Susa gefunden wurden. Die tennisballgrossen Tonkugeln sind aussen mit Rollsiegelabdrücken versehen und enthalten im Inneren Zählsteine. Die deutschen Forscher geben sich überzeugt, dass am Zweck dieser Kugeln nicht zu zweifeln ist: "Die Menge eines bestimmten wirtschaftlichen Gutes wurde durch Zusammenführen der entsprechenden Menge von Tonstücken festgehalten und diese Zahl durch gemeinsame Deponierung mit Gut selbst gespeichert. Das Anbringen von Siegelabrollungen am Verschluss schützte die Kugel zudem vor unrechtmässigen Veränderungen." (Damerow, Entstehung, S. 84; s. auch Postgate S. 53). Dieser Hinweis soll klar machen, dass die Fixierung von differenzierten Informationen nicht allein an die Schrift gebunden ist. Ein anderes Beispiel ist die Knoten-"Schrift" der Inkas.
Bei den frühesten Formen (Uruk IV - gegen 3200 vor Christus) herrscht bei den Forschern allerdings noch keine Einigkeit, ob es sich schon um eine eigentliche Schrift handelt - oder eben nur um isolierte Piktogramme ("écriture des choses et non une écriture des mots") (Margueron 164).
Für annähernd drei Jahrtausende sollte in Mesopotamien die Tontafel zum wichtigsten Informationsträger werden. In den noch feuchten Ton werden die Schriftzeichen mit einem Griffel eingegraben. Dabei bestimmt das Material den Charakter der Schrift zunehmend mit, wie sich aus der Entwicklung der ursprünglich piktographischen zu immer abstrakteren, gleichsam flüchtigeren Keilschriftzeichen ersehen lässt. Rundformen fehlen dementsprechend fast ganz. Die Tafel wird anschliessend getrocknet oder gebrannt.
Die Keilschrift ist rechtssläufig, doch zeigen die frühen piktographischen Zeichen noch eine Drehung um 90 Grad. Man begann ursprünglich oben rechts von einer Seite. Selbst die berühmte Stele von Hammurapi zeigt noch diese Ausrichtung. (Postgate, S. 63)
Weitere Entwicklungsschritte waren der Verzicht auf die charakteristischen Kästchen, in die die Zeichen ursprünglich eingefügt waren und namentlich die deutliche Reduktion der Zahl der Zeichen von rund 2000 auf ca. 1000 in der Zeit von Uruk (3000) bis in Altbabylonischer Zeit (1700). Und von letzteren waren erst noch verhältnismässig wenige in regelmässigem Gebrauch. (Postgate 64).
Schon am Beispiel des Sumerischen lässt sich ein typisches Entwicklungselement vieler Schriftarten aufzeigen:
Die Zeichen hatten ursprünglich stark pyktographischen Charakter. Damit liessen sich abstrakte Begriffe aber schlecht ausdrücken.
Man ging deshalb dazu über, bestimmte Begriffe auch aufgrund ihres Lautwerts einzusetzen. Postgate (S. 64) nennt dazu das Beispiel des Begriffs "geben" im Sumerischen, für den es kein Zeichen gab. Man verwendete deshalb das Zeichen für "Knoblauch", das wahrscheinlich ähnlich tönte. Man phonetisierte die Schrift also teilweise. Damit stellte sich aber das Problem der Unterscheidung, denn es entstanden Homonyme, was wieder mit einem Zeichen auseinandergehalten werden musste. Dies führte zu drei Ebenen:
- Ein Zeichen steht direkt für eine Idee (ein ideographisches Zeichen oder Logogramm) oder
- für einen Lautwert
- oder es handelt sich um ein Determinativ, sagt also aus, ob ein bestimmter Begriff zum Lautwert oder einer Idee genommen werden musste, der dann - wie etwa im Aegyptischen - stumm war, d.h. nicht ausgesprochen wurde.
Auch wenn wir bis zum Altassyrischen, das mit rund 70 Zeichen auskam, eine deutliche Tendenz zur Lautschrift haben, so waren die Schreibschüler in Mesopotamien, die hunderte von Zeichen lernen mussten, während Jahrhunderten nicht zu beneiden.
Es ist auch klar, dass ein solches Schriftsystem - unabhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen - eine hohe Hürde für eine allgemeine Lesefähigkeit darstellt.
Den eigentlichen Uebergang zum Alphabet wird von Margueron (174) ins 16./15. Jh. v. Chr. angesetzt. (Kanaanäisches lineares Alphabet). Eine ähnliche Entwicklung macht die Schrift von Ugarit, von wo man ein "Alphabet" mit 30 Zeichen für jeden Konsonanten kennt. (Schlott S. 23) (Ugarit wurde kurz nach 1200 zerstört. Die Schrift wird nicht mehr weiterverwendet).
Innerhalb der anfangs noch unterschiedlichen kanaanäischen Schriften setzte sich diejenige der Phönizier durch.
Im Grunde handelt es sich um eine weitere Vertiefung der phonetischen Analyse.
Damit ist annähernd die kleinste Einheit der Sprache erreicht.
In der Literatur findet man übrigens verschiedene Auffassungen betr. "Erfindung" dieser Neuerung, d.h. ob es sich um die bewusste Schöpfung einer Einzelperson handelt oder um eine langsame Entwicklung, die z.B. über die Schreibweise von Fremdwörtern verlief.
Die ersten Beispiele stammen aus dem überlappenden Einflussgebiet von Mesopotamien und Aegypten, nämlich an der östlichen Mittelmeerküste (Syrien, Libanon, Israel). So basiert die Schrift von Ugarit auf der Keilschrift Mesopotamiens, die altkanaanäischen/phönizischen Schriften auf einer der altägyptischen Schriften. (Schlott 24)
Schrift in Aegypten
Zur Entzifferung der Hieroglyphen: Diese Schrift war in Vergessenheit geraten, als die Ägypter im Zuge der Christianisierung dazu übergegangen waren, ihre Sprache mit griechischen Buchstaben wiederzugeben. Die späteste bekannte, demotisch (kursiv) geschriebene Urkunde, stammt aus der Zeit des Kaiser Zeno um 470 n. Chr. Anschliessend geht die Kenntnis der Hieroglyphenschrift für über 1300 Jahre völlig vergessen. Die ersten Interpretationsversuche scheiterten vor allem daran, dass man glaubte, die Hieroglyphenschrift sei eine reine Symbolschrift.
Die Entzifferung der Hieroglyphenschrift beruht auf einem doppelten Zufall:
1. Eine wichtige Voraussetzung wurde geschaffen durch den Fund des Steins von Rosette in Unterägypten 1799 durch Soldaten des napoleonischen Expeditionskorps. Der Stein befindet sich heute im British Museum in London, stammt aus dem Jahre 196 v. Chr. und hält den gleichen Text in der hieratischen, demotischen und griechischen Schrift (Wolf, 277f).
2. Innerhalb des Textes befanden sich sog. Kartuschen, eingerahmte Begriffe, bei denen es sich um Königsnamen handelte. Dadurch konnte abgeleitet werden, welche Konsonantenverbindung (nur diese wurden geschrieben) mit welchem Symbol der Namensschreibung assoziiert ist.
François Champollion konnte 1822 eine Uebersetzung vorlegen.
Die Schriftrichtung ist übrigens frei (also links- wie rechtsläufig).
Wir wissen nicht, wie die altägyptische Schrift zustande gekommen ist - ob durch eine Erfindung oder eine längere Entwicklung. (Schlott 30) Diese Schrift benutzt zwar Bilder aus der Umwelt des Menschen als Zeichen, es ist aber umstritten, ob sie jemals eine reine Bilderschrift gewesen ist, oder von Anfang an ein gemischtes System von Laut- und Bildzeichen darstellte.
Man kann, grob gesagt, drei Schrifttypen in Ägypten festhalten:
1. den Typus für die Inschriften auf Stein
2. eine flüssigere, die hieratische, d.h. Priesterschrift
3. die demotische, die im frühen ersten Jahrtausend auftaucht und für den täglichen Gebrauch verwendet wird. Die hieratische wird nur anschliessend noch von den Priestern für religiöse Texte verwendet. (Földes, Seite 50f)
Schliesslich sei noch darauf hingewiesen, dass die alphabetische Schrift über das Phönizische und das Griechische nach Europa kam. Während allerdings die erstere noch eine Konsonantenschrift war, verfügten die Griechen auch über Vokale. (Schlott, S. 18)
Die üblichen Entwicklungsschritte waren die folgenden:
1. Ideenschrift (Darstellung eines Begriffs durch ein Bild)
2. Wort-Lautschrift (Das Bild gibt nicht mehr einen Begriff, sondern einen Laut wieder, d.h. der Zeichenwert verschiebt sich vom optischen auf das akustische Gebiet. Damit war der Weg zur Silbenschrift frei.)
3. Buchstabenschrift (entweder als blosse phonetische Konsonantenschrift, wie bei vielen semitischen Schriften - vgl. Hebräisch - oder dann als alphabetisch phonetische Schrift, wie im Griechischen).
Das griechische Alphabet schliesslich, der direkte Vorgänger unserer lateinischen Schrift, ist eine Weiterentwicklung aus einer altphönikischen Schrift und tritt im 8. Jahrhundert v. Chr. auf.
Unschätzbare Bedeutung dieser Stufe: "Das Alphabet folgt der Sprache" d.h., wir sind auf einer Stufe angelangt, wo ca. 30 Zeichen die wichtigsten Lautwerte menschlicher Sprache wiedergeben können. Die gleichen Symbole können deshalb in verschiedenen Sprachen verwendet werden.
In einem gewissen Sinne schliesst sich der Kreis damit: Waren Bildzeichen ursprünglich universell einsetzbar, ja im Grunde sogar universell verständlich, so war sie im Stadium einer Wort-Lautschrift stark an eine bestimmte Sprache gebunden. Erst in der alphabetischen Schrift wurden die Zeichen wieder universell einsetzbar - auch wenn sie als Einzelzeichen nun nicht mehr selbständig sinngebend sind.