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Im 17. Jahrhundert vor allem in Deutschland (30jähriger Krieg), z.T. aber auch in der Schweiz, vorübergehend wieder ein Rückgang der Lesefähigkeit. - Die Zahlen für England sehen besser aus: Von 1600 bis 1642 ging die Zahl der Analphabeten von 75 auf höchstens 60% zurück. (Engelsing 45) Wichtig ist folgendes: Das Analphabetentum wurde "zu einer Erscheinung des öffentlichen Lebens, die man erörterte. Zeitgenössische Hinweise auf den Mangel an Lese- und Schreibfertigkeiten zeigen, dass das Analphabetentum mehr als bisher aufzufallen begann."
Die daraus folgende allgemeine Schulpflicht darf man allerdings nicht überschätzen: Sie wurde zwar in Sachsen-Coburg-Gotha 1642, in Württemberg 1649, in Brandenburg 1662, in Preussen 1717 und 1736 eingeführt. Frankreich lag dazwischen: 1698. Solche Beschlüsse hatten nicht unbedingt sofortige praktische Konsequenzen - dies gilt namentlich für die ländlichen Gebiete. (Engelsing 45f)
In Klammer sei noch erwähnt, dass man in Bayern die Schulpflicht erst 1802 einführte, nachdem man sich 1614 noch ausdrücklich dagegen gewehrt hatte mit der Begründung, dadurch würden die Bauernsöhne und -töchter nur vom Dienen abgehalten.
Man kann deshalb für Deutschland sagen, dass auch im 18. Jh. kein allgemeiner Schulbesuch vorherrscht, und als Resultat davon waren z.B. "1800 in Bayern noch 75% der Bevölkerung nicht in der Lage zu lesen und zu schreiben". (Schmutz 103)
Das Auseinanderklaffen zwischen Anspruch und Realität mag auf den ersten Blick erstaunen, doch ist es auch heute noch in vielen Entwicklungs- und sog. Schwellenländern so, dass sie zwar eine Schulpflicht kennen, aber nicht realisieren können, sei es dass die Versorgung mit Lehrern und Schulhäusern in ländlichen Gebieten oder Slums nicht gewährleistet ist, sei es dass die Bevölkerung der Pflicht nicht nachgekommen kann, weil Lehrmittel, Schuluniformen oder Schuhe nicht erschwinglich sind.
(Weitere Angaben über Prozentzahlen in bezug auf die Lesefähigkeit finden sich bei Rolf Engelsing. Analphabetentum und Lektüre. Zur Sozialgeschichte des Lesens in Deutschland zwischen feudaler und industrieller Gesellschaft, Stuttgart 1973. - Die Literatur zur Thematik des Buches, der Leser und des Lesestoffes im 18. und frühen 19. Jh. ist übrigens sehr reich.)
Wir konzentrieren uns nun kurz auf eine einzige Fallstudie aus der Schweiz, die uns vertieften Einblick in die Alphabetisierung um 1700 gibt, und wenden uns dann nur noch im Überblick der Lage im 19. Jh. zu.
Exkurs: Lesefähigkeit, Schreibfähigkeit und Buchbestand in Haushalten im Kanton Zürich um 1700
(Marie-Louise von Wartburg-Ambühl: Alphabetisierung und Lektüre. Untersuchung am Beispiel einer ländlichen Region im 17. und 18. Jahrhundert. Bern 1981)
Grundlagen:
Die im Dienste des Staates stehenden Zürcher Pfarrherren hatten den Auftrag,
in regelmässigen Abständen ein "Verzeichnis aller ihr anvertrauten
Haushaltungen" anzulegen, eine Art Bevölkerungszählung, die Angaben
über Alter, Geschlecht, Herkunft, Familiengrösse und z.T. Kenntnisse
(vor allem Lesefähigkeit, Schreibfähigkeit) enthielten.
Die Angaben sind sicher subjektiv gefärbt, geben uns aber doch wichtige Hinweise auf den ungefähren Stand der Alphabetisierung um 1700.
Qualität der Lesefähigkeit:
Aus der Sicht der Obrigkeit und der Kirche war primär die Lesefähigkeit
wichtig. Als Folge der Reformation wird vom Gläubigen erwartet, dass er
die massgebenden religiösen Bücher selber lesen kann (Bibel, Gebetssammlungen,
Psalmen, Lieder, Katechismus).
In den Quellen sind manchmal Lesen und Beten beinahe identisch. Die Lesetätigkeit beschränkt sich in sehr vielen Fällen auf religiöse Lesestoffe, die durch häufiges Repetieren weitgehend ins Gedächtnis eingeprägt werden. Es handelt sich dabei um ein intensives Lesen: Ein langsames Buchstabieren, bei dem mehr oder weniger verhalten der Text mitgesprochen wird.
Allgemein kann man feststellen, dass in den rund 150 Jahren etwa zwischen 1625 und 1775 ein deutlicher Trend zur Verbesserung der Lesefähigkeit festzustellen ist.
Es wäre noch zu unterscheiden zwischen geographischen Regionen: So weisen die Gemeinden in Stadtnähe die grösste Verbesserung in der Lesefähigkeit auf, während abgelegene Gebiete wie das Zürcher Oberland, ursprünglich auf einer tiefen Alphabetisierungsstufe stehen, dann aber im Zusammenhang mit der Industrialisierung aufholen und die Ackerbaugemeinden des Unterlandes überholen.
Interessant ist, dass ein starkes Bevölkerungswachstum auf die Alphabetisierung keinen negativen Einfluss hat.
Grundsätzlich gibt es mehr Alphabeten unter der männlichen Bevölkerung als unter der weiblichen. "Die Unterschiede im Alphabetisierungsstand zwischen den beiden Geschlechtsgruppen treten im 17. Jh. sehr deutlich hervor, verringern sich aber im Laufe des 18. Jh. zusehends." (S. 98)
Qualität der Schreibfähigkeit:
Im Vergleich zur Lesefähigkeit bleibt die Schreibfähigkeit weit zurück.
"Der prozentuale Anteil der Schreibfähigen in verschiedenen Gemeinden
[des Kantons Zürich] liegt mehrheitlich zwischen 5 und 20%. Im 18. Jh.
erreichte er in einzelnen Pfarreien 30-40%." (S. 81)
"Die Schreibfähigkeit ist unter der männlichen Bevölkerung wesentlich weiter verbreitet als unter der weiblichen." (S. 98)
Bücherbesitz:
Insgesamt sind im 17. und 18. Jh. nur gerade 340 verschiedene Buchtitel in den
Haushaltungen festzustellen. Davon liessen sich 223 Werke genau bestimmen. Man
kann nach 4 Buchtypen unterscheiden:
Wichtigste Untergattung der weltlichen Literatur sind die häufig anzutreffenden historischen Werke. Die übrige Literatur zeichnet sich weitgehend durch Zweckgebundenheit aus: z.B. medizinisch- pharmazeutische Werke. Einigermassen Unterhaltungscharakter haben eigentlich nur die Kalender.
Bucherwerb:
Die wichtigste Art der Bücherbeschaffung war - der Erbgang. Die Bücher
blieben oft jahrhundertelang im gemeinsamen Familienbesitz. Die wenigen vorhandenen
Bücher gehörten also häufig zum Inventar des Hauses wie irgendwelche
Geräte oder Möbel. Als Vermittler oder Anreger zum Buchkauf wirkt
häufig der Pfarrer.
Für den grössten Teil der Zürcher Bevölkerung war es im 18. Jh. unmöglich, über Leihbibliotheken oder Lesegesellschaften Bücher zu beziehen. "Die Lesegesellschaft am See (Wädenswil, Stäfa), eine weitere am Pfäffikersee, die am Ende des 18. Jhs. zum Treffpunkt aufgeweckter Untertanen wurde, blieben Ausnahmeerscheinungen." (S. 160)
Sehr oft fehlte das Geld zur Anschaffung von Lesestoff, und vereinzelt wurde von der Obrigkeit Gebets-, Schul- und Andachtsliteratur gratis an die Bevölkerung abgegeben. Für eine Bibel, deren Preis allerdings die meisten übrigen Bücher um ein Mehrfaches übertraf, musste ein Hilfsarbeiter fast den Gegenwert von 5 Tagen Arbeit aufwenden, und selbst ein Zimmermann muss 3 Tage dafür arbeiten. "Mit dem Geldbetrag, der für die Bibel aufzubringen war, erhielt man vergleichsweise 72 Liter Wein, bzw. 56 Liter Getreide oder 7,2 Kilogramm Rindfleisch." (S. 165).
Für ein durchschnittlich teures Werk musste ein Zimmermann (Meister) 0,7 Tage arbeiten, ein Hilfsarbeiter 1,2 Tage.
Schädlichkeit der Lektüre:
Pfarrer und Obrigkeit haben immer auch wieder auf schädliche Literatur
und "Lesesucht" hingewiesen, die zu Müssiggang führen. Demgegenüber
stand selbstverständlich die Zensur zur Verfügung. Die Kritik richtete
sich aber keineswegs nur gegen politisch aufklärerische Literatur, wie
sie in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. vor allem in den Seegemeinden festzustellen
ist. Es wird vielmehr auch berichtet, dass durch einen verbesserten Unterricht
in den Landschulen "mancher Schüler für seinen künftigen
landwirtschaftlichen Beruf verloren gehen [wird]. Er wird ohne eben ausgezeichnete
Anlagen zu haben, dennoch Geschmack an Leserey finden, und einst seinem Beruf
die gehörige Aufmerksamkeit entziehen und nachlässig und verdrossen
in der Arbeit werden... Einen Landmann vor Halbwisserey, vor Wortkram verwahren,
heisst ein Wohltäter an ihm werden..." (S. 187) "Noch am Ende
des 18. Jhs. sollte die Landbevölkerung aus ihren Lesestoffen vorwiegend
lernen, fromm zu denken, praktisch zu handeln, mit ihrem Los zufrieden zu sein
und Befehle auszuführen. Lektüre, die zum Nachdenken anregte, war
ebenso verpönt wie Lesen zur reinen Unterhaltung." (S. 190)
Vergleich mit anderen Kantonen und mit dem Ausland:
Die vorgefunden Werte dürften etwas über dem schweizerischen Durchschnitt
gelegen haben. Unter dem Durchschnitt liegen im allgemeinen die katholischen
Kantone, die bei den pädagogischen Rekrutenprüfungen auch noch zu
Ende des 19. Jhs. tendenziell schlechter abschneiden. Die Rivalität zwischen
den beiden Konfessionen hat aber auf beiden Seiten die Alphabetisierung gefördert.