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Universitätsbibliothek Bern

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Es ist schon viel geschrieben worden über die gesellschaftliche Bedeutung der Schriftkultur. Die Extreme reichen von der Behauptung, dass sie die Voraussetzung von Sklavenhalterstaaten waren einerseits, bis zur Auffassung, dass eine wirklich freie Gesellschaft nur eine alphabetisierte Gesellschaft sein könne.

Zweifellos wurde die Lesefähigkeit bzw. ihre Behinderung immer wieder zu solchen Zwecken missbraucht.

  1. Lese- und Schreibfähigkeit sind als "Fähigkeit" differenziert zu beurteilen, indem es verschiedene Stufen der Kompetenz gibt. (Die Fähigkeit kann übrigens im Verlauf eines Lebens mangels Anwendung auch wieder weitgehend verlernt werden.)
  2. Analphabetentum und Alphabetentum ist auch in dem Sinne differenziert zu beurteilen, als in verschiedenen Zivilisationen und verschiedenen Phasen der Geschichte Analphabetentum nicht als Ausschluss von der Bildung zu verstehen ist.
  3. Lese- und Schreibfähigkeit ist im Lauf der Geschichte nicht eine Entwicklung, die konstant zunimmt, sondern es gibt mehrere "Einbrüche", so im frühen Mittelalter im Vergleich zur Antike oder im Dreissigjährigen Krieg im Vergleich zum 16. Jh. im Deutschen Reich.
  4. "Ideologiewechsel" haben meistens zu einer Steigerung der Lesefähigkeit geführt. Das gilt für den Übergang zum Christentum, die Reformation (z.T. auch den Pietismus und die Aufklärung), das Aufkommen des Sozialismus (Arbeiterbildungsvereine) oder des Marxismus (Alphabetisierungskampagnen in der Sowjetunion, Kuba oder in Nicaragua). (Vgl. auch Engelsing. Analphabetentum und Lektüre, X - XIII)

Was hat uns dieser sehr grobe Überblick nun für unsere eigentlichen Zwecke, die Bibliotheksgeschichte, gebracht?

  1. Er sollte vorab einen ersten Eindruck vermitteln über das "Potential" der Benutzer und Benutzerinnen fü???°c?;r die Bibliotheken, die wir im folgenden ansehen werden. - Ich verwende bewusst den Ausdruck Potential, denn das Vorhandensein von Bibliotheken schliesst nicht immer auch eine adäquate Nutzung ein.
  2. Er gibt uns Aufschlüsse über die Grösse, den Charakter und die Zahl von Bibliotheken, die unter den jeweiligen Bedingungen notwendig sind.

Der letzte Punkt ist allerdings in dem Sinne einzuschränken, dass keineswegs immer die dem Lesepublikum entsprechende Zahl und Art von Bibliotheken zur Verfügung standen, die nötig gewesen wäre. Oder anders gesagt, man hat ihm nicht die Institutionen gegeben, die es verdient hätte. Die Benutzerinnen und Benutzer haben deshalb vor allem seit der Aufklärung immer wieder aus eigener Initiative ihre Bedürfnisse befriedigt und Institutionen geschaffen, die über das hinausgingen, was ihnen der Staat bot. Dies gilt für die Lesezirkel mit eigenem Literaturbestand im 18. Jh. genauso wie das neue Phänomen, das wir seit fünf Jahren erleben: die Schaffung einer weltweiten virtuellen Bibliothek im Internet. Hunderttausende von Personen stellen auf Home pages Informationen kostenlos zur Verfügung, von denen sie glauben, dass sich andere irgendwo auf der Welt dafür interessieren.

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