Es ist schon viel geschrieben worden über die gesellschaftliche Bedeutung
der Schriftkultur. Die Extreme reichen von der Behauptung, dass sie die Voraussetzung
von Sklavenhalterstaaten waren einerseits, bis zur Auffassung, dass eine wirklich
freie Gesellschaft nur eine alphabetisierte Gesellschaft sein könne.
Zweifellos wurde die Lesefähigkeit bzw. ihre Behinderung immer wieder
zu solchen Zwecken missbraucht.
- Lese- und Schreibfähigkeit sind als "Fähigkeit" differenziert
zu beurteilen, indem es verschiedene Stufen der Kompetenz gibt. (Die Fähigkeit
kann übrigens im Verlauf eines Lebens mangels Anwendung auch wieder weitgehend
verlernt werden.)
- Analphabetentum und Alphabetentum ist auch in dem Sinne differenziert zu
beurteilen, als in verschiedenen Zivilisationen und verschiedenen Phasen der
Geschichte Analphabetentum nicht als Ausschluss von der Bildung zu verstehen
ist.
- Lese- und Schreibfähigkeit ist im Lauf der Geschichte nicht eine Entwicklung,
die konstant zunimmt, sondern es gibt mehrere "Einbrüche",
so im frühen Mittelalter im Vergleich zur Antike oder im Dreissigjährigen
Krieg im Vergleich zum 16. Jh. im Deutschen Reich.
- "Ideologiewechsel" haben meistens zu einer Steigerung der Lesefähigkeit
geführt. Das gilt für den Übergang zum Christentum, die Reformation
(z.T. auch den Pietismus und die Aufklärung), das Aufkommen des Sozialismus
(Arbeiterbildungsvereine) oder des Marxismus (Alphabetisierungskampagnen in
der Sowjetunion, Kuba oder in Nicaragua). (Vgl. auch Engelsing. Analphabetentum
und Lektüre, X - XIII)
Was hat uns dieser sehr grobe Überblick nun für unsere eigentlichen
Zwecke, die Bibliotheksgeschichte, gebracht?
- Er sollte vorab einen ersten Eindruck vermitteln über das "Potential"
der Benutzer und Benutzerinnen fü???°c?;r die Bibliotheken, die wir im
folgenden ansehen werden. - Ich verwende bewusst den Ausdruck Potential, denn
das Vorhandensein von Bibliotheken schliesst nicht immer auch eine adäquate
Nutzung ein.
- Er gibt uns Aufschlüsse über die Grösse, den Charakter und
die Zahl von Bibliotheken, die unter den jeweiligen Bedingungen notwendig
sind.
Der letzte Punkt ist allerdings in dem Sinne einzuschränken, dass keineswegs
immer die dem Lesepublikum entsprechende Zahl und Art von Bibliotheken zur Verfügung
standen, die nötig gewesen wäre. Oder anders gesagt, man hat ihm nicht
die Institutionen gegeben, die es verdient hätte. Die Benutzerinnen und
Benutzer haben deshalb vor allem seit der Aufklärung immer wieder aus eigener
Initiative ihre Bedürfnisse befriedigt und Institutionen geschaffen, die
über das hinausgingen, was ihnen der Staat bot. Dies gilt für die
Lesezirkel mit eigenem Literaturbestand im 18. Jh. genauso wie das neue Phänomen,
das wir seit fünf Jahren erleben: die Schaffung einer weltweiten virtuellen
Bibliothek im Internet. Hunderttausende von Personen stellen auf Home pages
Informationen kostenlos zur Verfügung, von denen sie glauben, dass sich
andere irgendwo auf der Welt dafür interessieren.