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Und noch etwas gilt es in diesem Zusammenhang als Exkurs nachzutragen. Die Lesetechnik ist zu diesem Zeitpunkt wie auch für annähernd noch weitere 1500 Jahre eine andere, als wir uns das gewohnt sind:
Folgendes Zitat aus Grimmelshausens Simplizissimus erläutert dies (Buch I, Kap. 10): "Als ich das erstemal den Einsiedel in der Bibel lesen sahe, konnte ich mir nicht einbilden, mit wem der doch ein solch heimlich und meinem Bedünken nach sehr ernstlich Gespräch haben müsste. Ich sahe wohl die Bewegungen seiner Lippen, hörte auch das Gebrummel, hingegen sahe und hörte ich niemand, der mit ihm redete."
Oder wir finden in Cervantes' Don Quijote (1605-1616) die folgende vertrackte, aber witzige Kapitelüberschrift: "Que trata de lo que vera', el que lo leyere, o lo oira' el que lo escuchare leer" ("Handelt von dem, welches der sehen wird, der es liest, oder der hören, der es sich vorlesen lässt"). (Goetsch 35)
Wir können aber auch auf die Apostelgeschichte (8,28) zurückgehen, wo es heisst: "Philippus ging hin und hörte ihn [den Kämmerer aus dem Mohrenland] den Propheten Jesaja lesen."
Und schliesslich schreibt Augustin in den Confessiones (VI 3) erstaunt, dass Ambrosius las, ohne dass man irgend etwas vernahm und ohne dass er die Zunge bewegte.
Begründet wird dieses laute Lesen meist mit dem Umstand, dass man "in continua" schrieb. "Auf Wachstäfelchen, Papyrus und Pergament war jede Zeile eine ununterbrochene Folge von Buchstaben." Der Leser, die Leserin horchte gleichsam ihrer Stimme nach, ob das, was sie artikulierte einen Sinn ergab. (Goetsch 30) In Griechenland beginnt man seit dem 3. Jh. v. Chr. Lesehilfen z.B. mit Akzenten zu bieten. (Raible)
Da die labiale Lesetechnik auch in der Neuzeit angewandt wurde, dürfte die Ursache m. M. nach aber eher am Unterrichtsstil gelegen haben, der aus Nachsprechen bestand. (Weiteres dazu siehe bei Raible)
Es scheint, dass unsere Art des Lesens (Überfliegen) erst seit dem 19. Jh. verbreitet ist. Quellentexte aus dem Mittelalter, dem 16. und 17. Jh. zeigen immer wieder, dass selbst Vielleser wie die Reformatoren "labial" gelesen haben, d.h. die Worte mitsprechen. Die Ursache dazu dürfte in der Technik des Leseunterrichts liegen: Bis ins 19. Jh. lernten die Schüler nicht verstandesmässig - d.h. analytisch - lesen, sondern durch Nachsprechen. Die Schüler sprachen also Sätze nach, die sie anfangs überhaupt nicht verstanden, und brachten nach und nach das graphische Wortbild und allenfalls das Buchstabenbild mit dem gesprochenen Wort in Verbindung (eine Art synthetische Methode). Erschwerend wirkte noch, dass die Lernvorlagen (Bibel, Kirchenlieder, Katechismen) oft für einen ersten Leseunterricht ungeeignet waren.