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Zuerst eine Vorbemerkung: Die Angaben über den Grad der Alphabetisierung in Griechenland und im Römischen Reich gehen selbst in der wissenschaftlichen Literatur so weit auseinander, dass eine sichere Aussage im Rahmen einer solchen Vorlesung, in der diese Thematik nur ein Randgebiet ist, fast nicht mehr gewagt werden kann. Die Spannbreite reicht von maximal etwa 15% bis zu 80% Alphabeten. - Eigentlich ein erstaunlicher Befund für zwei Zivilisationen, die nun seit Jahrzehnten systematisch erforscht werden.
Vertreter einer sehr hohen Alphabetisierungsquote ist z.B. Horst Blanck (Das Buch in der Antike. München 1992, S. 22-39).
Vertreter eines viel tieferen Grades an Schriftlichkeit sind William V. Harris. Ancient Literacy. Cambridge MA 1989 und Michel Dubuisson. Lettrés et illettrés dans la Rome antique. L'importance sociale, politique et culturelle de l'écriture. In: Phoinikeia Grammata. Lire et écrire en Méditerranée. Hg. von Cl. Baurain, C. Bonnet, V. Krings. Namur 1991, S. 633-647
Letzterer erklärt auch sehr genau, weshalb er zu dieser viel zurückhaltenderen Wertung kommt. Sie ist überzeugender, und ich halte mich im folgenden an diese Linie, ohne dass wir diesen Wissenschaftsstreit ausbreiten oder lösen können.
Vorhellenistische Lesekultur (bis 400 v. Chr.)
Eine gewisse Skepsis gegenüber der Schriftkultur wurde schon in der letzten Stunde angedeutet. Sie soll hier noch knapp begründet werden: Bildungsziel in Griechenland war nicht in erster Linie die Lektüre, sondern der Vortrag im grösseren oder kleineren Kreis. Die Lesefertigkeit stand damit ganz im Dienste des gesprochenen Wortes; es kam ihr also nur Hilfsfunktion im Rahmen des Memorierens zu. Dem entspricht auch der Charakter der Literatur dieser Epoche, die zum Vortrag und nicht zur stillen Lektüre bestimmt war. (Goetsch 28)
Im 8. und 7. Jh. war die Lese- und Schreibfähigkeit in Griechenland reduziert auf eine ganz kleine Gruppe von Wohlhabenden, einigen wenigen Spezialisten und Handwerkern.
Im 6. Jh. - und besonders an dessen Ende - gibt es Anzeichen dafür, dass neben der sozialen Elite auch unter den Handwerkern die Lese- und Schreibfertigkeit verbreitet ist, während die Masse der Bevölkerung und namentlich die Frauen diese Fähigkeit nicht haben. William Harris schätzt, dass 15% der erwachsenen männlichen Bevölkerung mindestens einen Zustand von "semi-literacy" erreichte und dass ein beträchtlicher Teil von diesen 15% auch schreiben konnte; insgesamt aber doch wohl nur gut 5%.
Für die Zeit der Perserkriege (500-448) setzt er eine obere Grenze von 10% der erwachsenen Gesamtbevölkerung in Attika, die wirklich schreiben konnte. Für die folgenden 150 Jahre nimmt er eine weitere Steigerung an, doch glaubt er nicht, dass die eigentliche Alphabetisierungsquote 15% der Erwachsenen überstieg. Dabei waren die Unterschiede zwischen den Städten beträchtlich. (Harris 327f)
Dies ändert sich in der
Hellenistisch-römische Lesekultur (400 v. Chr. bis 500 n. Chr.) (inkl. Rom)
in der das individuelle Lesen zu einem eigentlichen Bildungsmittel wird. Es ist auch als "Lesekultur des einzelnen Lesers" bezeichnet worden. (Dies schliesst nicht aus, dass das Vorlesen eine viel grössere Bedeutung hatte, als dies seit dem 20. Jh. der Fall ist.)
Aristophanes (um 400 v. Chr.) spottete über eine "Lesewut", die die Athener erfasst hatte, dass sogar ein "Wursthändler" lesen konnte. (Földes 156)
Für das republikanische und v.a. das kaiserliche Rom gilt im wesentlichend das gleiche wie für die Entwicklung in Griechenland. Hans Martin Gauger (in: Goetsch 31) hält dazu die Bedingungen fest: "Voraussetzungen waren für Lektüre als Musse-Tätigkeit, otium, Wohlstand und Bildung. Es lasen somit gebildete Adlige oder andere Gebildete... Sogleich ist hier auf die bedeutsame Rolle der Frauen hinzweisen. Leser sind von früh an und durch die Jahrhunderte hindurch wesentlich Leserinnen. Es lasen aber auch Sklaven und Freigelassene... Erich Schön geht wo weit, im Blick auf die römische Kaiserzeit, was das Lesen angeht, von einer 'Alltagskompetenz' zu reden. Sodann ist hinzuweisen auf die Verbreitung von Geschriebenem durch Schreibstuben, auch auf eine Art Buchhandel." (Durch Diktat wurde ein bestimmter Text gleich dutzendfach vervielfältigt. Römische Politiker und Tribunen haben u.a. auf diese Weise ihre Werbung betrieben.)
Im Zeitalter des Hellenismus (323 v. Chr. bis etwa zur Zeitenwende) war dann die Schriftlichkeit v.a. im ptolemäischen Herrschaftsgebiet weit verbreitet. In einigen Städten werden die Knaben und z.T. die Mädchen systematisch im Lesen und Schreiben geschult. (Harris 325)
Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, dass gerne mit dem logischen Argument gefochten wird, die Lesefähigkeit sei in der Antike gegenüber der mesopotamischen und ägyptischen Welt deutlich höher gewesen, weil die Schrift - reduziert auf wenige Zeichen - einfacher geworden sei. Man muss allerdings auch sagen, dass die Griechen von der byzantinischen Zeit bis ins 19. Jh. dann aber wieder weitgehend Analphabeten waren. (Harris 331)
Es braucht also auch bestimmte gesellschaftliche Voraussetzungen, um die Schriftkultur zu fördern.
Auch die oft zitierten Scherbengerichte, durch die seit dem 5. Jh. missliebige Athener aus der Stadt verbannt wurden, sind noch keineswegs ein Beweis für die allgemeine Schreibfähigkeit unter den Männern, wie von einzelnen Forschern behauptet worden ist. Die ostraka (Scherben) zeigen zum einen ziemlich hilflose Schriftzeichen, zum andern stammen die 190 ostraka, die den Namen Themistokles tragen - sie wurden auf der Akropolis gefunden und datieren möglicherweise aus dem Jahr 471 oder etwas früher - von nur 14 Händen!
Dies lässt freilich auch wieder zwei Interpretationen zu: Entweder konnten tatsächlich deutlich weniger als 10% schreiben und nahmen die Dienste eines Schreibers in Anspruch oder die Feinde des Themistokles hatten die Scherben entsprechend präpariert und sie unter die Leseunkundigen gebracht. (Cole 222)
Weniger gut informiert sind wir über die Frühphasen im römischen Herrschaftsgebiet. Erst vom 4. Jh. an finden wir verbreiterter Inschriften. In der späten Republik ist nochmals eine Ausweitung festzustellen, sowohl gesellschaftlich wie geographisch. (Harris 325)
Interessant sind die leges tabellariae gut 130 v. Chr., die von den Wählenden die Lektüre einfachster Texte verlangten. 100 v. Chr. dürfte der Anteil der Lese- und Schreibfähigen nur wenig mehr als 10% betragen haben. (Harris 329)
Für die späte Republik haben Forscher eine mit der heutigen Zeit vergleichbare Schriftlichkeit postuliert, was zweifellos übertrieben ist. Immerhin ist die Verwendung von Texten sehr breit: "Die Römer verwendeten schriftliche Quittungen, unterhielten Buchhaltungen, verbreiteten politische Slogans, organisierten ihre Armeen mit Massen von Dokumenten, hielten auf Listen fest, wer Bürger geworden war, verbreiteten Texte mit magischem Inhalt, verfochten religiöse Ideen in Büchern, verunglimpften sich in öffentlichen Graffiti und schworen sich auf gleiche Weise ihre Liebe." (Harris 326)
In der Spätantike dann, etwa in der Zeit von 250-500 n. Chr., ist ein deutlicher Rückgang der Schriftlichkeit festzustellen, allerdings mit sehr grossen Unterschieden zwischen den Regionen. Die Schriftlichkeit konzentriert sich wieder stärker auf die Staatstätigkeit. Ein zweiter Bereich der Lese- und Schreibtätigkeit bildete die Religiosität, auch wenn das Christentum von seinen Angehörigen keine Lesefähigkeit erwartete und vorerst eher negative Auswirkungen darauf hatte. (Harris 326)
Allgemein ist man in der Forschung wieder zurückhaltender geworden, was die Beurteilung der Alphabetisierung anbetrifft. Die Meinung, dass systematisch geschult wurde und eine eigentliche Massen-alphabetisierung vorgeherrscht hat, ist übertrieben. An der Schriftkultur hat in der Antike eine kleine Minderheit und in bestimmten Phasen und Orten eine grosse Minderheit teil. (Harris 327, 337)
Exkurs: Alphabetisierung bei Frauen in Griechenland
Anhand dieses Beispiels möchte ich ganz kurz zeigen, wie diffizil es ist, wirklich konkrete Angaben zu machen, aber auch wie verschieden Belege interpretiert werden können. Ich stütze mich dabei hauptsächlich auf Susan G. Cole. Could Greek women read and write? In: Reflections of women in antiquity. Hg. von Helene P. Foley, New York 1981.
Es gibt grundsätzlich nicht viele Hinweise auf die Lesefähigkeit von Frauen in der griechischen Kultur. Lesende Frauen erscheinen auf athenischen Vasen; es sind auch Widmungen an Frauen zu finden. Schriftsteller aus dem 4. Jh. diskutieren verhältnismässig oft die Frage der Ausbildung von Frauen, und es gibt in der späten Literatur Hinweise auf lesende oder schreibende Frauen. Aber beim genaueren Hinsehen stellen sich viele Zweifel ein:
Ein Frauenname auf einer Vase heisst noch lange nicht, dass er von ihr selber geschrieben wurde.
Auch die Darstellung einer lesenden Frau bedeutet nicht zwingend einen realen Sachverhalt. Von den insgesamt 32 entsprechenden Vasen (aus der Zeit 450-360 v. Chr.) stellen 19 mit Sicherheit Musen dar und nur 13 geben Frauen in häuslichen Szenen wieder - und selbst hier stellt sich die Frage, wie weit es sich nicht um Idealisierungen handelt. Schliesslich gilt festzuhalten, dass es keine Darstellung von schreibenden Frauen gibt.
In allen griechischen Tragödien gibt es nur eine einzige Frau, die schreiben kann: Euripides' Phädra. Agamemnon schreibt zwar an Klytämnestra in einem anderen Stück zwei Briefe, doch liest sie diese nicht auf der Bühne. Wir sind nicht einmal sicher, ob die berühmteste Frau von Athen im 5. Jh., Aspasia, lesen und schreiben kann.
Alles in allem kann angenommen werden, dass einige wenige Frauen im 5. Jh. lesen konnten. Eine weitere Verbreitung dieser Fähigkeit gibt es nur schon deshalb nicht, weil keine Schulen für Mädchen bestanden.
Im 4. Jh. dann wird die Mädchenerziehung in der Literatur mehrmals erörtert. Die Resultate sind unterschiedlich. Sie reichen von der Gleichbehandlung von Knaben und Mädchen bis zur Auffassung, dass die Lesefähigkeit für Mädchen schädlich sei. Die Beweislage für lesende und schreibende Frauen in Athen ist auch hier noch dünn, und noch weniger Hinweise sind aus anderen Städten vorhanden.
Es gibt einige wenige späte Beispiele von Frauen, die als Schülerinnen bei Philosophen weilten, und es bestehen einige wenige archäologische Hinweise aus dem 4./3. Jh., dass Frauen Alphabetinnen waren.
Eindeutige Zeugnisse über Unterricht von Mädchen sind erst aus hellenistischer Zeit überliefert, wobei den Mädchen meist nicht der ganze damals übliche Fächerkanon angeboten wurde (z.B. keine Rhethorik und Mathematik). In dieser Epoche lassen sich auch in der Literatur, namentlich in Anekdoten, vermehrt Hinweise auf schreibende Frauen finden.
Interessant sind die recht zahlreichen privaten Briefe aus dem hellenistischen Ägypten; aber auch da sind wir nicht immer sicher, ob nicht die Dienste von Schreibern bzw. Vorlesern in Anspruch genommen wurden. Eine Auswertung zeigt auf jeden Fall, dass Frauen eher Empfängerinnen als Absenderinnen sind.