| Kontakt | Lageplan | A-Z Index | Sitemap | Drucken 

Universitätsbibliothek Bern

Titelbild

Mesopotamien

Im Falle von Mesopotamien und Ägypten sind die Aussagen der Literatur in bezug auf die Verbreitung der Lese- und Schreibfähigkeit besonders widersprüchlich. Während ein Teil der Autoren diese Kompetenz auf eine sehr kleine Gruppe von Spezialisten im Dienste von Hof und Tempeln beschränkt wissen will, vermitteln andere ein differenzierteres Bild.

Vor allem die ältere Literatur entwirft noch das Bild eines ausgesprochenen Spezialistentums. Ich zitiere vorerst eine Stimme der ersteren Gruppe:
(Brief aus Mari. Oates 197, ohne Zeitangabe!)

"Obwohl die Schule offensichtlich häufig mit Tempel oder Palast verbunden gewesen ist, gehörten die Schreiber dem Laienstande an (allerdings gab es durchaus Abweichungen von dieser Regel). Die Priester und auch die Könige waren durchwegs, von einigen wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, ebenso wie die Statthalter und sogar die Richter des Lesens und Schreibens unkundig." (Oates 196 ) Daraus ergibt sich natürlich eine Machtposition für die schriftkundigen Beamten.

(Nach Veenhof 5 wurden aber in altbabylonischer Zeit die Schulen in Privathäusern von Schreibern geführt und waren nicht mit einem Tempel oder Palast verbunden.)

Nach Postgate hingegen (Early Mesopotamia, 1992, 69f) erreichte die Lesefähigkeit einen ersten Höhepunkt bereits in der Altbabylonischen Zeit (2000-1600 v. Chr.). Er vermutet, dass die meisten Mitglieder der Handelshäuser - Frauen und Männer - in Assur Alphabeten waren. Er vermag aber nicht anzugeben, wie weit der Durchschnittsbürger lese- und schreibfähig war und wie Schreiber in die Gesellschaft eingeordnet waren, da wir kaum Angaben aus Quellen besitzen. König Sulgi (2095-2047) behauptete nicht ohne Stolz von sich, schreiben zu können. Aber wir wissen beispielsweise vom bekannteren Hammurapi (1792-1749) nicht, ob er auch dazu fähig war. Der Schreiberberuf wurde nicht selten vom Vater auf den Sohn übertragen; aber auch einzelne Frauen waren Schreiberinnen.

Postgates Beweise sind Briefe, die im Süden Mesoptamiens unter Familienmitgliedern gefunden wurden, in denen auch einfache Alltagsprobleme erwähnt werden.

Nicht unwichtig sind auch Anschriften an Behältnissen wie z.B. Körben, die deren Inhalt beschrieben ("Korb für aromatische Pflanzen"), ja die sogar Tieren und Menschen umgehängt wurden.

Schreiber in Mesopotamien

Schreiber in Mesopotamien waren Spezialisten, professionelle Verwaltungsfachleute aufgrund ihrer Schreibkenntnisse innerhalb einer zum grössten Teil des Lesens und Schreibens unkundigen Gesellschaft. Sie genossen hohes Ansehen dank der Verbindung von Schreibkunst und staatlichen und privaten Kontrollfunktionen, stammten deshalb normalerweise aus den obersten Familien des Landes, als Söhne von hohen Funktionären, Priestern, reichen Geschäftsleuten. Häufig waren sie auch Söhne von Schreibern.

(Seit Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. sind die Namen von Tausenden von Schreibern bekannt, da im Kolophon der Name des Redaktors eines Textes angegeben wurde; sonst aber ist nichts über die Persönlichkeit bekannt, ausser wenn etwa ein Priester gleichzeitig auch Schreiber war.)

DieAusbildung zum Schreiber dauerte lang, vom Kindesalter (5-7 Jahre) bis ins frühe Mannesalter; Tontafeln und Tonstücke wurden gefunden mit Hinweisen auf Schreibübungen: Griffeleindrücke zeigen, dass offenbar zuerst die verschiedenen Elemente der Schriftzeichen einzeln geübt wurden, erst dann erfolgte ihre Kombination zu Schriftzeichen durch Kopieren von Modellen auf runden Übungstäfelchen. Fortgeschrittenen vorbehalten war dann das Kopieren und Auswendiglernen literarischer Texte und das Erstellen sog. "Lexikalischer Listen” = Lexikonartige Auflistungen von Begriffen einer semantischen Gruppe (z.B. Baum- oder Strauchnamen, Ortsnamen, Gefässbezeichnungen). Diese wurden unzählige Male abgeschrieben, über Jahrhunderte hinweg noch genau kopiert, auch als sie kaum mehr verstanden wurden, da das Sumerische als Handels- und Diplomatensprache vom Akkadischen abgelöst worden war und nur noch als religiöse und literarische Sprache verwendet wurde.

Signifikant für die Schreiber-Ausbildung Ende 3./Anfang 2. Jahrtausend ist besonders die altbabylonische Edubba-Literatur (é-dub-ba = Tafelhaus, Schule), im Dienst der Schule angesiedelte Lehrstücke, häufig mit dem Thema "Sumerischunterricht”. Die Ausbildung erfolgte daneben vor allem in Mathematik (Grundrechenarten), auch in Musik (wichtig für den Tempeldienst).

Die Einheitlichkeit der Keilschrift-Tafeln in Aussehen und Schreibkonvention, auch aus verschiedensten Teilen Babyloniens, lässt auf eine geregelte, u.U. zentralisierte Ausbildung schliessen: Offizielle Ausbildungsstätten z.B. in Ur und Nippur; daneben ist aber auch privat organisierter Unterricht in kleineren Schulen anzunehmen (vgl. die Bezeichnung "Vater des Tafelhauses” für den Lehrer, "Kind/Sohn des Tafelhauses” für den Schüler: weist auf gewissen familiären Rahmen hin).

Aus der Anzahl der erhaltenen Dokumente ist zu schliessen, dass jeden Tag Tausende verschiedenster Texte durch die Arbeit von Tausenden von Schreibern entstanden; entsprechend vielfältig gestalteten sich die Funktionen der Schreiber: Es gab königliche Schreiber, dann die persönlichen Sekretäre der Stadtfürsten; in den Palästen daneben eine grössere Zahl von gewöhnlichen Palastschreibern. Eine weitere Gruppe von Verwaltungseinheiten neben den Palästen waren die Tempel, die z.T. grosse Ländereien besassen und entsprechende Schreiber beschäftigten. Schreiber waren auch in der Verwaltung der Landwirtschaft tätig: in der Überwachung der Bewässerungssysteme, Einstellung und Bezahlung der Arbeitskräfte, Magazinierung der Ernte usw. Viele Schreiber arbeiteten auch in den Manufakturen, die Palästen und Tempeln angeschlossen waren, wo sie die Buchführung erstellten. Sie mussten Briefe redigieren können, die Abfassungsformen der Verträge kennen, auch Formen der Verherrlichung des Königs, und Inschriften abfassen. Als Übersetzer dienten ebenfalls Schreiber, bei Handelskarawanen, der Erstellung von Staatsverträgen z.B. - Daneben gab es private Schreiber mit rudimentären Kenntnissen in den Städten.

Interessant noch der Umstand, dass seit der Zeit von Hammurapi (18./17. Jh. v. Chr.) auch Frauen Zugang zum Schreiberberuf hatten; Schreiberinnen waren aber nicht sehr häufig; bekannt z.B. Enkheduanna, die erste namentlich genannte Schreiberin, Tochter von Sargon v. Akkad (um 2300 v. Chr.) und Autorin eines sumerischen Gedichts auf Inanna. Schreiberinnen sind bezeugt in Mari und Sippur, in Mari handelte es sich ev. um Haus-Sklavinnen.

(Exzerpt aus: Frühe Schrift und Techniken der Wirtschaftsverwaltung im alten Vorderen Orient..., 2. Aufl. 1991, S. 147ff.; Margueron, Jean-Claude. Les Mésopotamiens, T. 2: Le cadre de vie et la pensée, Paris 1991, S. 177 ff.; Pearce, Laurie E. The Scribes and Scholars of Ancient Mesopotamia, in: Civilizations of the Ancient Near East. Vol. IV. 1995, S. 2265 ff.) [11.6.96 / U. E. Stebler]

Universität Bern | Universitätsbibliothek | Münstergasse 61/63 | CH-3000 Bern 8 | Tel +41 (0)31 631 92 11 | Fax +41 (0)31 631 92 99
© Universität Bern 06.11.2007 | Impressum