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Folgende Merkmale gilt es zu beachten:
Es kommt zu einer Verengung der Lesefähigkeit in mehrfachem Sinne:
Wir erreichen damit wieder den Zustand, den wir bereits für die frühe Geschichte in Mesopotamien und Ägypten kennengelernt haben: Das Schreiben ist gebunden an Hof und Kultstätten. Es ist eine besondere Technik, für die man "Personal", also Spezialisten hat.
Dennoch wäre es falsch zu glauben, dass Lese- und Schreibfertigkeit unter Klerikern eine selbstverständliche Technik war - wir werden gleich einige eindrückliche Beispiele sehen -, wie dies etwa im Dictum "claustrum sine armario quasi castrum sine armamentario" von Gottfried von St. Barbe-en-Auge zum Ausdruck kommt. (Armarium hier im Sinne von Bücherschrank, mit anderen Worten: "Ein Kloster ohne Bücherschrank ist wie eine Festung ohne Waffenkammer.")
Karl Suso Frank (in: Schäfer 16) hat die Haltung gegenüber dem Buch im frühen Mönchtum folgendermassen zusammengefasst:
"Das Buch ist in der Welt der Asketen kein Wert- sondern ein Gebrauchsgegenstand. Nur so weit als nötig wird es geduldet. (...) Der Mönch verhält sich dem Buch gegenüber reserviert. Er begnügt sich mit einem Buch (dabei handelt es sich meist um die Hl. Schrift), teilt es auch mit anderen. Man kann sich auch schmerzlos von ihm trennen. Zum einen verhindert die Angst vor Besitz die Bibliomanie. Zum anderen geht es beim Lesen nicht um Unterhaltung und Wissensbereicherung. Der Text will nicht nur gelesen und gehört werden; er will und muss befolgt werden... "
Mit anderen Worten: "Lesen und Schreiben und Bücher sind durchaus gegenwärtig im frühen Mönchtum. Aber sie sind zunächst streng auf den Vollzug des monastischen Lesens bezogen. Schreibarbeit kann im Einzelfall zum Lebensunsterhalt beitragen."
Man hat die Lesefertigkeit in Abgrenzung zur vorherigen Periode auch schon die scholastische anstelle der monastischen genannt. Oder anders gesagt, ein Text wird nun nicht mehr einfach "gläubig" von vorne bis hinten gelesen, sondern es wird vermehrt ausgewählt für den Zusammenhang, in dem man einen Text braucht. Dies hat nicht zuletzt auch zu tun mit den entstehenden Universitäten. - Auch wenn die monastische Leseart daneben weiterbesteht.
Dazu kommen erste Textzeugnisse in den "Volkssprachen". (Goetsch 35f)
Frühneuzeitliche Lesekultur (1300 bis ins 18. Jh.)
Folgende Merkmale prägen diese Phase:
Der Kreis der Leser erweitert sich: zum Klerus und den schon vereinzelten VertreterInnen
des Adels treten solche des Bürgertums (v.a. städtisches Patriziat,
Kaufleute, dann auch Handwerker).
Die Literaturgattungen erweitern sich: Zur immer noch zentralen theologischen Literatur gesellen sich zunehmend andere Wissenschaftszweige wie Recht, Medizin, und dann v.a. in Frankreich, etwas später auch im deutschen Raum, Belletristik.
Mit der Gründung der Universitäten wird das Lesemonopol der Kleriker endgültig gebrochen.
Die Erfindung der beweglichen Lettern und damit des Buchdrucks um 1450 führt zwar nicht zu einer plötzlichen Ausweitung der Lesefähigkeit, hat aber langfristig wichtige Folgen für die Lesestoffdistribution. (Gauger in: Goetsch 36f)
Dennoch gilt es zu beachten:
Beispiele von "illiterati":
Ähnliche Unsicherheiten bestehen auch bei anderen Personen, von denen wir doch eigentlich annehmen, dass sie lesen und schreiben können. (Borst 514)
Das Bildungsmonopol der Kirche wird durchbrochen durch die Bedürfnisse des Handels und etwas später auch der städtischen Verwaltungen. Im Spätmittelalter gibt es in Städten auch Unterricht in der Umgangssprache - in der Schweiz wird nicht selten unterschieden zwischen der lateinischen und der deutschen Schule. In Lübeck ging die Kaufmannschaft z.B. schon im 13. Jh. zur Schriftlichkeit über. (Borst 516) Im allgemeinen ist das sonst allerdings eher für das 15. Jh. belegt.
Der Ausspruch von Berthold von Regensburg aus der Mitte des 13. Jhs. "Ir laien kunet nit lesen als wir pfaffen." (Borst 518) kommt also langsam ins Wanken, zumal es auch um den Bildungsstand des niedrigen Klerus nicht zum besten stand.
Bildungsträger:
Konkrete Schätzung Ausgang des 15. Jhs.: Gesamtbevölkerung Deutschland = 13 Millionen, davon 1,5 Millionen Städter, davon 75'000 Oberschicht und damit Leserpublikum = 5% Stadtbevölkerung oder 1% der Gesamtbevölkerung.