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Universitätsbibliothek Bern

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Mittelalter

Frühmittelalter (800 - 1150)

Folgende Merkmale gilt es zu beachten:
Es kommt zu einer Verengung der Lesefähigkeit in mehrfachem Sinne:

  • Konzentration fast ausschliesslich auf den Klerus und insbesondere auf das Mönchtum
  • Beschränkung des Lesestoffs weitgehend auf theologische Stoffe - wobei es selbst unter den biblischen Schriften eine Konzentration v.a. auf die Psalmen gibt, daneben Heiligenlegenden. Die griechisch-römische Literatur wird nur noch auswahlweise gepflegt, etwas Boethius, Ovid.
  • die Bindung der geschriebenen Sprache an eine tote Sprache (Latein), womit eine sehr hohe Hürde gegen eine weitere Lesefähigkeit errichtet wird. (Urkunden sind im deutschen Sprachraum bis ins Spätmittelalter ausschliesslich n Latein verfasst; im Englischen und Französischen wird die Umgangssprache früher geschrieben.)

Wir erreichen damit wieder den Zustand, den wir bereits für die frühe Geschichte in Mesopotamien und Ägypten kennengelernt haben: Das Schreiben ist gebunden an Hof und Kultstätten. Es ist eine besondere Technik, für die man "Personal", also Spezialisten hat.

Dennoch wäre es falsch zu glauben, dass Lese- und Schreibfertigkeit unter Klerikern eine selbstverständliche Technik war - wir werden gleich einige eindrückliche Beispiele sehen -, wie dies etwa im Dictum "claustrum sine armario quasi castrum sine armamentario" von Gottfried von St. Barbe-en-Auge zum Ausdruck kommt. (Armarium hier im Sinne von Bücherschrank, mit anderen Worten: "Ein Kloster ohne Bücherschrank ist wie eine Festung ohne Waffenkammer.")

Karl Suso Frank (in: Schäfer 16) hat die Haltung gegenüber dem Buch im frühen Mönchtum folgendermassen zusammengefasst:

"Das Buch ist in der Welt der Asketen kein Wert- sondern ein Gebrauchsgegenstand. Nur so weit als nötig wird es geduldet. (...) Der Mönch verhält sich dem Buch gegenüber reserviert. Er begnügt sich mit einem Buch (dabei handelt es sich meist um die Hl. Schrift), teilt es auch mit anderen. Man kann sich auch schmerzlos von ihm trennen. Zum einen verhindert die Angst vor Besitz die Bibliomanie. Zum anderen geht es beim Lesen nicht um Unterhaltung und Wissensbereicherung. Der Text will nicht nur gelesen und gehört werden; er will und muss befolgt werden... "

Mit anderen Worten: "Lesen und Schreiben und Bücher sind durchaus gegenwärtig im frühen Mönchtum. Aber sie sind zunächst streng auf den Vollzug des monastischen Lesens bezogen. Schreibarbeit kann im Einzelfall zum Lebensunsterhalt beitragen."

Hochmittelalter (1150-1300)

Man hat die Lesefertigkeit in Abgrenzung zur vorherigen Periode auch schon die scholastische anstelle der monastischen genannt. Oder anders gesagt, ein Text wird nun nicht mehr einfach "gläubig" von vorne bis hinten gelesen, sondern es wird vermehrt ausgewählt für den Zusammenhang, in dem man einen Text braucht. Dies hat nicht zuletzt auch zu tun mit den entstehenden Universitäten. - Auch wenn die monastische Leseart daneben weiterbesteht.

Dazu kommen erste Textzeugnisse in den "Volkssprachen". (Goetsch 35f)

Frühneuzeitliche Lesekultur (1300 bis ins 18. Jh.)

Folgende Merkmale prägen diese Phase:
Der Kreis der Leser erweitert sich: zum Klerus und den schon vereinzelten VertreterInnen des Adels treten solche des Bürgertums (v.a. städtisches Patriziat, Kaufleute, dann auch Handwerker).

Die Literaturgattungen erweitern sich: Zur immer noch zentralen theologischen Literatur gesellen sich zunehmend andere Wissenschaftszweige wie Recht, Medizin, und dann v.a. in Frankreich, etwas später auch im deutschen Raum, Belletristik.

Mit der Gründung der Universitäten wird das Lesemonopol der Kleriker endgültig gebrochen.

Die Erfindung der beweglichen Lettern und damit des Buchdrucks um 1450 führt zwar nicht zu einer plötzlichen Ausweitung der Lesefähigkeit, hat aber langfristig wichtige Folgen für die Lesestoffdistribution. (Gauger in: Goetsch 36f)

Dennoch gilt es zu beachten:

  • Die Diskussion über die Verbreitung des Lesens und Schreibens im Mittelalter ist noch immer im Gange.
  • Heute nicht mehr nachvollziehbar: Die Bedeutung des Bildes zur Vermittlung von Vorstellungen, besonders im religiösen Bereich.
  • Dazu kommt die sehr wichtige orale Tradition, die z.B. dazu führt, dass sich "unter den ersten Studentengenerationen des 14. und 15. Jahrhunderts noch lange Analphabeten befinden". (Borst 505)
  • Die orale Tradition bedeutet aber gleichzeitig auch, dass Analphabeten Texte in einem grösseren Ausmasse auswendig können, als das bei uns der Fall ist, angefangen bei Gebeten.
  • Wichtig war auch - übrigens bis in die Neuzeit hinein - das Vorlesen im Kreis von Zuhörern, das auch eine gesellschaftliche Funktion haben konnte (vgl. die "Liechtstubeten" in der frühen Industrialisierung).
  • Lesestil: Das "tacite legere", also das stumme Lesen, ist bis weit über die Reformation hinaus die Ausnahme.

Beispiele von "illiterati":

  • Karl der Grosse kann wahrscheinlich lesen, aber kaum schreiben
  • 12. Jh.: der Patriarch von Aquileja und Bischof von Triest sind Analphabeten
  • 13. Jh.: Rudolf von Habsburg kann zumindest kein Latein
  • 1291 sind selbst im einstmals hochgelehrten Kloster St. Gallen weder der Abt noch der Probst noch die 9 Mönche des Stifts in der Lage, eine Verleihungsurkunde zu unterschreiben...
  • 1358 können 5 von 13 Meissener Domherren nicht unterschreiben
  • 1370 vom Brixener Domkapitel kein einziger
  • 1474 besuchte der Hallenser Hans von Waldheim Niklaus von der Flueh und schrieb nachher in sein Reisetagebuch: "Bruder claus ist ein purer leye, er kan nicht gelesen." Allerdings sind zwei Briefe von ihm an die Räte von Konstanz und Bern (1482) überliefert. Offenbar wusste er mindestens mit Schreibern umzugehen.

Ähnliche Unsicherheiten bestehen auch bei anderen Personen, von denen wir doch eigentlich annehmen, dass sie lesen und schreiben können. (Borst 514)

Das Bildungsmonopol der Kirche wird durchbrochen durch die Bedürfnisse des Handels und etwas später auch der städtischen Verwaltungen. Im Spätmittelalter gibt es in Städten auch Unterricht in der Umgangssprache - in der Schweiz wird nicht selten unterschieden zwischen der lateinischen und der deutschen Schule. In Lübeck ging die Kaufmannschaft z.B. schon im 13. Jh. zur Schriftlichkeit über. (Borst 516) Im allgemeinen ist das sonst allerdings eher für das 15. Jh. belegt.

Der Ausspruch von Berthold von Regensburg aus der Mitte des 13. Jhs. "Ir laien kunet nit lesen als wir pfaffen." (Borst 518) kommt also langsam ins Wanken, zumal es auch um den Bildungsstand des niedrigen Klerus nicht zum besten stand.

Bildungsträger:

  • Klerus, aber bis 1400 können viele nur lesen und etwas Latein nachsprechen (Taufformel eines bayrischen Mönchs im 8. Jh.: in nomine patria et filia).
  • Ritter: Sind nicht völlige Illiteraten wie noch vor einigen Jahren in der Forschung vertreten.
  • Frauen: Vor allem die volkssprachliche geistliche Literatur ist für Frauen gedichtet worden. Sicher konnten weltliche Frauen häufiger als ihre Männer lesen. Und natürlich weisen die Schwesternkonvente im Spätmittelalter einen sehr hohen Bildungsstand auf. Borst spricht sogar von einer Art Lesezirkel.
  • Städtische Bürger: Seit der Mitte des 13. Jhs. bestanden auch in den kleinsten Städten Schulen für den Elementarunterricht der Laien. In Florenz besuchte im 14. Jh. jedes 2. Kind die Schule. Auf dem Land allerdings können die Laien überhaupt nicht lesen. In den Städten war nicht zuletzt der im Spätmittelalter wichtige (Fern-)Handel Anreiz, im Bürgertum Lesen und Rechnen zu lernen.

Konkrete Schätzung Ausgang des 15. Jhs.: Gesamtbevölkerung Deutschland = 13 Millionen, davon 1,5 Millionen Städter, davon 75'000 Oberschicht und damit Leserpublikum = 5% Stadtbevölkerung oder 1% der Gesamtbevölkerung.

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