| Kontakt | Lageplan | A-Z Index | Sitemap | Drucken 

Universitätsbibliothek Bern

Titelbild

Moderne Lesekultur (ab 1800)

Vor diesem Hintergrund ist es wohl nicht so abwegig, die letzte Stufe der Lesekultur ans Ende des 18. Jhs. anzusetzen, wie dies Gauger tut. Dies aus folgenden Gründen:

  • Die Bildung wird nun allmählich zum wichtigeren Faktor in der Berufswelt als der Stand, in den man hineingeboren ist.
  • Es bildet sich die uns vertraute Trennung zwischen Arbeitszeit und Mussezeit aus.
  • Die Literaturproduktion erlebt eine bedeutende Steigerung. Bei der Dichtung um den Faktor 1:13 zwischen 1740 und 1800 und beim Roman im Verhältnis 1:32 zwischen 1750 und 1805.
  • Lesegesellschaften und Diskussionszirkel sind nun auch Phänomene des Bürgertums (bis hinunter in Handwerkerkreise - nicht selten sehr zum Missfallen der Obrigkeit).
  • Vor diesem Hintergrund ist denn auch die schon angeschnittene Diskussion über die "Lesesucht" oder "Lesewut" zu verstehen.

Auf deren Argumentation können wir hier nicht ausführlich eingehen; nur stichwortartig die folgenden Hinweise:
Die Zeit der freien Lektüre werde der Arbeitszeit oder der Zeit für religiöse Andacht bzw. für religiöse Lektüre entzogen. Hier wird deutlich, dass eine klare Ausgrenzung der Mussezeit noch nicht stattgefunden hat.

Dann soll Lektüre auch zu Zuchtlosigkeit verführen. "Das Buch als Verführer, Lektüre als Quelle von Wirklichkeitsverlust und falschem Bewusstsein ist im übrigen ein wichtiges Thema der Literatur selbst" (Don Quijote oder Mme Bovary). (Goetsch 40) - Die Auseinandersetzung hat also durchaus gewisse Parallelen zur Diskussion über das Fernsehen in den 60er und 70er Jahren.

Und nicht zuletzt steckt natürlich hinter dieser Argumentation auch ein paternalistisches Element. Bildung ist noch nicht ein freies für jedermann erwerbbares Gut, sondern schichtgebunden. Die Vertreter der einzelnen Stände sollen die Bildung konsumieren, die ihnen gebührt, und nicht etwa mehr!

Ueli Braeker ist dafür ein schönes Beispiel. Der Fergger aus dem Toggenburg, der als Autodidakt im ausgehenden 18. Jh. ökonomische Literatur, aber auch Shakespeare liest, fühlt sich in der Lesegesellschaft neben Akademikern nicht immer wohl und hat manche Attacke seiner Ehefrau zu überstehen, die ihm seinen Müssiggang übelnimmt.

Im 19. Jh. haben wir dann sehr genaue Ziffern über die Alphabetisierungsquoten - wenigstens von den Männern. Sie sind ein Nebenprodukt der allgemeinen Wehrpflicht und den damit verbundenen systematischen Aushebungen. Auch wenn die dabei gestellten Ansprüche relativ gering waren: Man musste den eigenen Namen schreiben und leidlich lesen können, sind wir nun in der Lage, "flächendeckende" Aussagen machen zu können. Nachfolgend einige Beispiele:

- In Frankreich waren von den Ausgehobenen 1841 45% Analphabeten, 1850 39%, 1854 37%. Und im gleichen Jahr konnten beim Eintrag ins Heiratsregister 34% der Männer und 46% der Frauen nur mit einem Kreuz unterschreiben. (Was bedeutet, dass die eigentliche Analphabetenquoten wohl noch um einiges höher war, denn ein rundes Dutzend Buchstaben aneinanderreihen heisst noch nicht unbedingt, für den Alltag lesen und schreiben können im Sinne der eingangs formulierten Definition der Unesco.)

In England waren 1840 ein Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen Analphabeten.

In Preussen waren um 1850 etwa 20% der Bevölkerung über 10 Jahren Analphabeten, etwa gleichviel wie in Schottland, aber doppelt so viele wie in Schweden.

In Russland rechnet man zu diesem Zeitpunkt mit 90% Analphabeten; in Ungarn 40-50%. (Engelsing 96f) Weitere Angaben über Detailuntersuchungen auch dazu wieder bei Engelsing.

In Zürich konnte zu Beginn des 19. Jhs. nur rund ein Drittel der über sechsjährigen Bevölkerung lesen. In der Schweiz haben v.a. die liberalen Kantone in der Regeneration entschieden die allgemeine Schulbildung vorangetrieben. So führte der Kt. Zürich 1832 ein für europäische Verhältnisse revolutionäres Schulwesen ein, das für Knaben und Mädchen die gleiche Elementarbildung brachte. Es bestand aus der Alltagsschule vom 5.-11. Altersjahr und 3 Jahren Repetierschule (3-6 Stunden wöchentlich bis zum Alter von 14). Anschliessend folgten noch 2 Jahre lang 2 Std. pro Woche kirchliche Unterweisung bis zur Konfirmation mit 16.

Daneben gab es natürlich auch die Sekundarschule und das Gymnasium, die aber nur von Minderheiten besucht werden konnten.

Die Ausgaben für das Schulwesen stiegen zwischen 1834-38 von knapp 700'000 Fr. auf 1,4 Mio. 93 neue Schulhäuser wurden errichtet, weil man nicht mehr Unterricht in der Schulstube (wörtlich!) des Schulmeisters halten wollte. (104 unfähige Schulmeister wurden nach und nach entlassen.). Die neue Zürcher Kantonsgeschichte hält aber auch fest: "Die kostenintensive Schulreform stiess in der Bevölkerung auf starken Wiederstand. Einerseits beeinträchtigte das Obligatorium [zum Schulbesuch] die Lebensverhältnisse der vielen armen Familien, die auf den traditionell selbstverständlichen Kinderverdienst angewiesen waren. Andrerseits lasteten die höheren Kosten für Lehrer und Schuleinrichtungen schwer auf den vermögenslosen Schulgemeinden und Eltern. Der Unmut entlud sich 1834 exemplarisch im sog. 'Stadlerhandel', als eine aufgebrachte Volksmenge ins Schulhaus von Stadel eindrang und die neuen Lehrmittel auf die Strasse warf.

Bis zur Jahrhundertmitte konnte die Schulpflicht nur begrenzt verwirklicht werden... Erst als die Kinderarbeit an Bedeutung verlor und sich der Lebensstandard verbesserte, begann sich die grosse Zahl der Absenzen zu verringern." (Flüeler-Grauwiler/Flüeler 134)

Der Anteil der Mädchen in den Sekundarschulen blieb übrigens gering: Anfangs waren es 20%; in der Ära der Vorherrschaft der Demokraten in den 60er Jahren stieg er auf immer noch magere 30%. Das Gymnasium war den städtischen Bürgersöhnen vorbehalten. Erst 1885 wurde in der Stadt Zürich die "Höhere Töchterschule" eröffnet. Zwar waren Frauen von Beginn weg an der Universität Zürich als Hörerinnen zugelassen , doch erst 1891 konnte sich die erste Frau - gegen den Willen des Senats - als Privatdozentin habilitieren und war für fünf Jahre dort tätig, zerbrach dann aber am Widerstand (Emily Kempin-Spyri). Die ersten zwei vollamtlichen Professorinnen traten in Zürich erst in den 60er Jahren des 20. Jhs. ihr Amt an. (Flüeler-Grauwiler/Flüeler 179)

Dieses System führte deshalb erst im letzten Viertel des 19. Jhs. zu einer umfassenden Alphabetisierung der Zürcher Bevölkerung. (Bis die von der Volksschule erfassten Jahrgänge nachgerückt waren bzw. die anderen ausgestorben waren.)

Insgesamt doch ein erstaunliches Ergebnis in dem Sinne, dass der Fortschritt von der Zeit des Endes der Reformation, um 1550, bis ins Zeitalter der Industrialisierung, 1850, also innerhalb von 300 Jahren relativ beschränkt ist. Eine einigermassen flächendeckende Alphabetisierung erreichen die meisten - nicht alle - Staaten Europas somit erst Ende des 19. Jhs.

Universität Bern | Universitätsbibliothek | Münstergasse 61/63 | CH-3000 Bern 8 | Tel +41 (0)31 631 92 11 | Fax +41 (0)31 631 92 99
© Universität Bern 06.11.2007 | Impressum