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Was nun folgt, ist mit der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen durchaus zu vergleichen.
Die Situation für Ägypten ist auf den ersten Blick sehr widersprüchlich und unerwartet: auch wenn man davon ausgeht, dass das aus Ägypten stammende Schriftgut als Inschriften oder Buchrollen nur im Verhältnis von 1:100'000 - verglichen mit dem, was wirklich einmal geschrieben wurde - erhalten geblieben ist, haben wir dennoch ein sehr reiches Schriftgut von dieser Kultur. Dementsprechend hoch sind unsere Erwartungen in bezug auf Archive und Bibliotheken.
Es herrschten denn auch noch um die Jahrhundertwende kaum Zweifel über das Vorhandensein von Bibliotheken in einer Hochkultur. Man übersah dabei, dass die konkreten Quellenbelege und archäologischen Befunde äusserst dürftig waren. Auch wenn man heute wieder etwas optimistischer ist als in den dreissiger Jahren, als Fritz Milkau die einigermassen sicheren Belege auf 5 (für fast 3000 Jahre und eine geographische Strecke von 1000km) reduzierte, so ist unser Wissen über das Bibliothekswesen doch wesentlich schlechter als im mesopotamischen Raum. Im wichtigen Artikel "Bibliotheken im alten Ägypten" von Günter Burkard (In: Bibliothek: Forschung und Praxis. 1980, Nr. 2, S. 79-115) wird der scheinbare Widerspruch plausibel erklärt. Gleichzeitig stellt dieser Aufsatz eine Standortbestimmung des ägyptischen Bibliothekswesens dar, die nach wie vor gültig ist.
Was heute an ägyptischen Bauwerken noch vorhanden ist, stellt nur eine kleine Spitze des Eisberges dar. Die Masse der Bauten bestand nicht aus Stein, sondern aus luftgetrockneten Nilschlammziegeln, deren Lebensdauer kürzer war.
Wie oft in der Geschichte wird Alltägliches und Gewohntes nicht schriftlich festgehalten. So fehlen bei den Ägyptern meist nicht nur direkte Umschreibungen von handwerklichen oder bautechnischen Verfahren, sondern eben auch von Bibliotheken, Schreiberschulen oder Verwaltungseinrichtungen. (Burkard, S. 80) (Verwaltungsräume)
Es scheint, dass bibliotheksähnliche Institutionen in Ägypten mit zwei Begriffen umschrieben werden, über deren Funktion sich die Ägptologen (und die Bibliothekare) offenbar noch nicht völlig einig sind:
a) Bücherhaus (wörtlich "Haus der Buchrollen") oder Gottesbücherhaus: Der Begriff ist seit dem alten Reich belegt. Eigentliche Belege mit Hinweisen auf die Bestände haben wir aber erst aus der Ptolemäerzeit. Das wichtigste Beispiel ist der Tempel von Edfu, wo ein inschriftlich so gekennzeichneter Raum erhalten geblieben ist, der sogar an den Wänden Listen mit Titeln von dort aufbewahrten Werken enthält. Eine ähnliche Kennzeichnung hat das Bücherhaus des Tempels von Philae.
Das Bücherhaus hatte mindestens in der Ptolemäerzeit in erster Linie Bibliothekscharakter. Allerdings eher im Sinne einer Hand- oder Spezialbibliothek; einer Sammlung von Werken also für den Bedarf des täglichen Kultes und evtl. der wichtigeren Urkunden. (Burkard S. 85f) (Vielleicht vergleichbar mit dem Bestand einer Dombibliothek im Mittelalter.)
Burkard sucht nun nach vergleichbaren Textstellen. Tatsächlich gibt es bis zurück in die 4. Dynastie im 2500 v. Chr. rund ein Dutzend Belege wie Bücher- oder Gottesbücherhaus. Nicht zuletzt auch Titel, so etwa "Vorsteher der Geheimnisse des Bücherhauses". (Burkard 85-87)
b) Lebenshaus: Der Ausdruck "Haus des Lebens" ist seit dem Mittleren Reich in Ägypten gut belegt. Umstritten war lange Zeit, ob es eine Bibliothek einschloss.
Wir haben eindeutige Belege mit Angaben über Lebenshäuser aus der spätägyptischen und der Ptolemäer-Zeit. In Lebenshäusern wurden Bücher nicht nur verfasst oder kopiert, sondern auch aufbewahrt. (Ob darüber hinaus ein Lebenshaus Lehrfunktionen hatte, wie in der Literatur diskutiert wird, sei für unseren Zusammenhang dahingestellt.) Der Nachweis eines Lebenshauses ist also gleichbedeutend mit der Existenz einer Bibliothek.
Inhaltlich sind die Werke, die in einem Lebenshaus aufbewahrt werden, wesentlich umfassender als in einem Bücherhaus. (Burkard 87-91)
Auch in Ägypten sind die Informationen über die Aufbewahrung der Papyrusrollen verhältnismässig spärlich. Am meisten wissen wir noch über den Transport: Einzeln unter den Arm geklemmt, wie uns manche Darstellungen zeigen, oder gebündelt in einer Truhe. Oft waren sie übrigens versiegelt.
Da keine Bibliotheks- oder Archivgebäude erhalten sind, und zudem die meisten Papyrusrollen aufgrund von Raubgrabungen auf den Markt kamen, wissen wir wenig über deren Lagerung. In situ erhalten blieben etwa Rollen aus Gräbern. Manchmal steckten sie in Tonkrügen, was ihnen einigen Schutz gab. A. Schlott (S. 76) schreibt: "Die Verwaltungsakten, die in Archiven aufbewahrt wurden, klebte man zu mehreren zusammen und wickelte sie um einen (Holz-)Stab."
Die Bestände von Edfu (Bücherhaus) lassen sich in vier Hauptgruppen gliedern:
In den Lebenshäusern dagegen sollen Bestände aus den Fachgebieten Magie, Medizin, Astronomie, Theologie vorhanden gewesen sein. Ob sie auch literarische Werke enthielten, ist ungewiss. (Burkard 85, 89)
Die Lebenshäuser waren wahrscheinlich in einiger räumlicher Distanz von den Tempeln (es ist von Prozessionen die Rede), während das Bücherhaus integriert war. Über die bauliche Gestaltung gibt es nur unsichere Belege für die Lebenshäuser. (Burkard S. 90/91)
Wir kommen nun zu der verhältnismässig kurzen Liste von Bibliotheken und Archiven, die eindeutig nachzuweisen sind, wenn man strenge wissenschaftliche Kriterien anlegt.
Diese sind:
gesicherter archäologischer und inschriftlicher Nachweis. Dieser Idealfall
liegt nur beim schon erwähnten Bücherhaus in Edfu und dem Lebenshaus
in Amarna vor.
Amarna
Zu Beginn der 20er Jahre wurde bei Amarna ein Gebäude ausgegraben, das
eindeutig (Stempelaufdruck auf den Bauziegeln) als "Lebenshaus" identifizert
werden kann. Zudem sind hier Listen mit königlichen Schreibern erhalten.
Dieses Lebenshaus ist nicht zu verwechseln mit dem bekannteren Archiv (Tontafeln),
das danebenlag.
Einordnung: Amarna wurde 1360 von Echnaton gegründet und schon 1330 von
Tut-ench-Amun aufgegeben.
Edfu (Apollonopolis)
Horustempel. Kleiner Raum in Vorhalle. Besterhaltener und wichtigster Beleg
einer ägyptischen Bibliothek.
Einordnung allerdings spät: 3. und 2. Jh.
Eindeutiger inschriftlicher Beleg ohne archäologische Spuren. Auch dafür
gibt es nur zwei Beispiele: Das Bücherhaus im Osiristempel von Abydos und
das Lebenshaus von Achmim. Der erste Hinweis findet sich auf einer Papyrusrolle,
der zweite auf einer Stele.
Oder dann eben das Umgekehrte: archäologische Reste ohne inschriftliche Belege, seien es Papyrusfunde, die mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Bibliothek markieren, seien es Gebäudereste, die aufgrund von Parallelen wahrscheinlich als Bibliotheken aufzufassen sind.
Wir befinden uns damit schon wieder auf recht unsicherem Boden, und es bräuchte streng genommen mehrere solche Indizien. (Burkard 91f)
Tôd
ist eine Parallele zu Edfu (ebenfalls aus ptolemäischer Zeit). Steinblöcke
mit Titelinschriften wurden - allerdings nicht in situ- gefunden.
Elefantine
lässt sowohl durch einen grösseren Fund von Papyri mit Texten aus
verschiedensten Wissensgebieten, wie auch durch das (zerstörte) Tempelgebäude
mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf die Existenz einer Bibliothek schliessen.
Zwischen 9. und 6. Jh.
Alles in allem sind nach dieser Methodologie 15-20 Bibliotheken einigermassen sicher auszumachen. Geographisch sind sie gleichmässig über das Land verteilt, entsprechend den religiösen Zentren, mit denen sie in Verbindung standen. Eine Ausnahme bildet das Nildelta im Norden; die dortigen Städte sind aber allgemein im Grundwasser versunken.
Auffallend ist, dass man in der alten Hauptstadt Memphis (Altes und Mitteleres Reich) und in der Hauptstadt des Neuen Reiches, Theben, noch keine einzige Bibliothek finden konnte.
Chronologisch liegt das Schwergewicht in der Spätzeit (nach dem Neuen Reich) und in der ptolämäischen Zeit. (Burkard 108f)
Insgesamt hat man in Ägypten wesentlich mehr Texte ausserhalb von Bibliotheken oder Archiven gefunden, namentlich natürlich in Grabmälern.
Literarische Werke nahmen üblicherweise eine ganze Rolle ein, deren Länge dem Werk angepasst wurde. Sie tragen meist einen Titel und oft auch ein Datum.
Ähnliches gilt für längere Schriften aus der Verwaltung: so erstreckt sich eine Geschenkliste von König Ramses III. (ca. 1187-1156) über nicht weniger als 42 Meter.
Umfasste ein Werk eine ganze Serie von Rollen, so muss man sich am sich wiederholenden Titel und dem chronologisch folgende Datum orientieren.
Kolophone am Ende des Textes waren häufig. Sie enthielten ähnlich wie bei den Tontafeln den Namen des Schreibers und seine Beteuerung, dass er korrekt abgeschrieben hatte.
Bei Lehrtexten oder Schriftstücken aus dem privaten Gebrauch werden verschiedene Inhalte aneinandergereiht.