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Universitätsbibliothek Bern

Titelbild

Mesopotamien

Eine ausgeprägte Bürokratie hat nicht nur dazu beigetragen, dass sehr viel Schriftgut überhaupt entstanden ist, sie war auch dem Bibliothekswesen förderlich. Diese ausgeprägte Neigung zum Auflisten, Erfassen und Zählen zieht sich durch die gesamte mesopotamische Hochkultur seit dem späten 4. Jahrtausend und ist besonders ausgeprägt in der Dritten Dynastie von Ur, die schon als die komplexeste Bürokratie des alten Nahen Ostens bezeichnet worden ist. Sie beschäftigte eine Vielzahl von Beamten, die den Eingang, die Bearbeitung und den Ausgang bei der Verwaltung erfassten, handelte es sich nun um Menschen, Tiere oder Sachgut. (Sasson, S. 2202)

Dazu kommt ein ausgesprochener Tradierungswille: Wir können eine Sprichwortsammlung von einer altassyrischen Version (ca. 2400 v. Chr.) bis hin zu einer mittelassyrischen Übersetzung um 1100 v.Chr., also über 1300 Jahre verfolgen. Und sumerische Kultgedichte von 1800 v. Chr. wurden im ersten Jh. v. Chr. fast unverändert abgeschrieben, allerdings versehen mit einer akkadischen interlinearen Übersetzung. (Sasson 2205) Wir haben hier also ein ähnliches Phänomen, wie wir das in bezug auf die biblischen Texte kennen. Die Funde am Toten Meer (1948) wie schon diejenigen zuvor im Katharinenkloster in Sinai oder in Ras Schamra (Ägypten) haben ja gezeigt, dass die Überlieferung während weit über 1500 Jahren weitgehend unverfälscht gelang.

Und schliesslich ist auf ein drittes wichtiges Element hinzuweisen, das der Tradierung und damit den Bibliotheken förderlich war:

Die Keilschrift beruhte auf der sumerischen Sprache und wurde rund 2000 Jahre nach deren Verschwinden von den späteren Schreibern weitergepflegt. Zwar verwendete man die Keilschriftzeichen auch für andere Sprachen, namentlich das Assyrische, aber die Kenntnis des Sumerischen wurde als tote Sprache weitergepflegt. (Die Parallele zum Latein ist naheliegend.) Die Schreiber mussten für ihre Ausbildung immer wieder Listen von Silben oder von Begriffsgruppen abschreiben. Es handelt sich dabei um eine beträchtliche intellektuelle Leistung, da das Sumerische stark vom semitischen Akkadischen abweicht. Nebenbei wurde erst durch diese Vermittlertätigkeit den Assyriologen des 19. und 20. Jhs. das Sumerische überhaupt nach und nach wieder zugänglich. (Margeron 187, 201)

Aufbewahrung

Wir wissen verhältnismässig wenig Details über die Aufbewahrung der Tontafeln in den Archivräumen. Das hat zu tun mit der Objektgier der Archäologen des 19. Jhs., deren Interesse dem Inhalt der Tafeln galt. Sie achteten bei den Ausgrabungen aber kaum auf die Lage und den Zusammenhang des Bestandes. Immerhin hat man Mitte der 60er Jahre in Ebla ein unversehrtes Archiv ausgegraben und ausgewertet.

Unter einfachen Verhältnissen, v.a. bei Privatpersonen, wurden die Tafeln ganz einfach in eine Ecke gestellt und mit einer Matte oder Textilien abgedeckt oder in einem Krug, einem Korb oder einer Schachtel aufbewahrt. Bei den eigentliche Archiven kann man unterscheiden zwischen dem System mit offenen Tablaren, dem Fächersystem und dem Behältersystem.

Eine ganz besondere Ausstattung hat man in einem Tempel in Uruk gefunden. Es handelte sich um einen Raum, der ausgestattet war mit Bodenrinnen. In Rinnen zwischen den Wänden floss Wasser. Es wird vermutet, dass dieses zur Regulierung der Feuchtigkeit im Archiv diente, um die sonnengetrockneten Tafeln im heissen, trockenen Klima vor dem Verkrümeln zu bewahren. (Veenhof 11f)

Interessant sind die Ur III- Archive von Tello mit ihren langen, mit Bänken ausgestatteten Räumen.

Wir haben hier die einigermassen typische Situation: Oft handelt es sich um kleine Archivräume, in denen die Tafeln auf Holzgestellen den Wänden entlang aufgestellt oder geschichtet sind. In Ebla sind die Löcher für die Holzstützen noch deutlich sichtbar. Bei Feuersbrünsten fielen dann die Tafeln aufeinander. Seltener war die Aufbewahrung in Tonkrügen, deren Deckel mit Asphalt verschlossen wurden.

Interessant, wenn auch in ihrer Funktion noch nicht geklärt, sind die speziellen Räume von Tello, die einen maximalen Raumgewinn ermöglichen sollten. Diese Tafelgalerien (Milkau 43) sind in den Boden eingeschnittene Gänge, mit Bänken rundherum. Wir wissen aber nicht, ob es sich dabei um Kellergeschosse gehandelt hat.

Besser informiert sind wir dank neueren Ausgrabungen über das Palastarchiv von Ebla, wo die Tafeln auf hölzernen Gestellen ruhten und bei einem Brand zu Boden fielen. Kleine Bestände bewahrte man in Holzkisten oder noch häufiger in Weidenkörben auf. (Postgate S. 59)

Die Räume scheinen in manchen Fälle versiegelt gewesen zu sein. Wir haben aus Briefen Hinweise darauf.

Es gibt aber auch Fälle, in denen die Tafeln mit der Front nach vorne gegen die Wände gelehnt waren oder reihenweise nebeneinandergestellt waren.

Bestände

In der bibliothekarischen Literatur kommen die Privatarchive eher zu kurz, dabei sind auch diese interessant und eindrücklich. Wir finden entsprechende Sammlungen schon im 3. Jahrtausend vor Chr., dann aber vermehrt im 2. Jahrtausend. Wir haben die Archive von Familienunternehmen aus der altassyrischen Periode, die spezialisiert auf Fernhandel waren, mit Auslandsniederlassungen und auswärtigen Agenten. Sie arbeiteten sogar mit Fremdkapitalien, die von aussen investiert worden waren. Neobabylonische Archive belegen das Vorhandensein von bedeutenden Familienunternehmen, die einer ganzen Reihe von kapitalistischen Aktivitäten nachgingen wie Bankunternehmungen, Handel und Produktion von landwirtschaftlichen Gütern. (Veenhof 10)

Erstaunlich ist die zeitliche Spanne, die von privaten Archiven abgedeckt werden konnten. Wir haben in Mesopotamien Beispiele, in denen Privatarchive Texte aus 200 Jahren enthielten. Meist umfassten sie aber nur Texte aus den letzten 2-3 Generationen. (Sasson 2197)

Vorweg muss man festhalten, wie wichtig die Briefe in den Archiven waren. Wir haben Beispiele von altassyrischen Händlern, die systematisch Doppel von ihren ausgehenden Korrespondenzen anlegten. (Sasson 2203)

Vollständige und systematische Sammlungen von Gesetzestexten, wie das für uns heute wichtig ist, finden wir nicht, aber es gibt Ansätze dazu. (Es scheint, dass jeder für sich privat Dokumente aufbewahrt hat, die ihn selbst betrafen.)

Wir dürfen uns diese Sammlungen - trotz der ausgeprägten Verwaltungstätigkeit - auch nicht als zentralisierte Ablage aller Verwaltungstätigkeiten im modernen Sinne vorstellen; immerhin gibt es Beispiele dafür, indem Grundlagen für die Bevölkerungszählungen, Steuereinschätzungen oder Landverkäufe geschaffen wurden. (Sasson, 2203)

Umgekehrt finden sich in den Sammlungen nicht selten eine aus heutiger Sicht merkwürdige Vermischung von privaten und öffentlichen Dokumenten. Dies gilt v.a. für kleinere Archive, in denen oft auch private Dokumente von Schreibern eingelagert waren. (Veenhof 5)

Erschliessung

Die Behauptung von Jochum (S. 15) in seiner Bibliotheksgeschichte, man wisse nicht, wie die Erschliessung erfolgte, ist nicht ganz korrekt. Er vermutet zwar richtig, "dass man Etikettentäfelchen benutzte, die man an Tafelbehältnisse anlehnte und die den Titel des Werkes enthielten, das in den Behältnissen aufbewahrt war." Insgesamt sind rund 300 Täfelchen für Körbe (Basket labels) bekannt, davon 180 aus Lagash, die zweifelsfrei ein Erschliessungssystem ergeben. Typische Bezeichnungen sind "Inspektionen", "Rechnungsabschlüsse", "Zuteilungen", "Auszahlungen", "Lieferungen", "letzte Urteile", "Herden und Hirten" "Tempel und Niederlassungen" oder "Felder, Bauernhöfe, Gärten". - Leider ist uns nicht eines dieser Täfelchen in situ erhalten geblieben. Möglicherweise dienten diese Körbe auch nur zur vorübergehenden Aufbewahrung oder zum Transport. (Veenhof 17f)

Das ist für die Groberschliessung richtig; die Feinerschliessung geschah jedoch meist durch das Kolophon, das am Fusse einer Tafel durch eine Linie abgetrennt war und Informationen enthielt über die Position einer Tafel innerhalb einer Serie, die Quelle von der abgeschrieben wurde, Name und Familie des Schreibers, für wen die Abschrift hergestellt wurde, Benutzungsbeschränkungen, die Bibliothek bzw. das Archiv, zu dem die Tafel gehörte u.ä. (Sasson 2199)

Fritz Milkau erläutert dies genauer und erwähnt auch Beispiele von Werken, die manchmal bis zu 100 und mehr Tafeln umfassten, also eine Serie. Im folgenden Erläuterungen aus der Bibliothek Assurbanipals (Milkau, S. 34): "Nachdem der Text einer Tafel beendet war, begann die Unterschrift, das Kolophon, das der Deutlichkeit halber durch eine Linie vom Text getrennt wurde. Dies Kolophon ist zunächst nichts anderes als unser alter, jetzt ziemlich verschwundener Kustos und besteht aus der Anfangszeile der unmittelbar folgenden Tafel; hierauf folgt die Nummer, die der Tafel innerhalb der Serie zukommt, mit der Angabe des Serientitels, der meistens identisch ist mit den Anfangsworten der Serie. Daran schliesst sich häufig die Angabe, dass der Text nach einem alten Original geschrieben sei, wer es besitzt, wer die Abschrift geleistet hat, zuweilen sogar die Zahl der Textzeilen. Abgeschlossen wird die Unterschrift durch die regelmässig wiederkehrende Zeile: also z.B. Palast Assurbanipals, des Königs der Welt, Königs von Assyrien, deren Zeichen, grösser als die des Textes, eingekratzt zu sein scheinen.

Die Behandlung der Tafeln spricht dafür, dass wir es hier mit einer systematisch fortgeführten Sammlung zu tun haben. Wir haben auch Beispiele von Tafel- und Serienkatalogen. Von diesen Katalogen bis zu dem den ganzen Bestand umfassenden Katalog ist freilich noch ein weiter Weg, und davon hat sich bisher nichts gezeigt."

Ganz ähnlich ging man auch in Boghazköy vor (Milkau, S. 55): "Es wird vermerkt, ob das Werk mit der vorliegenden Tafel zu Ende ist und wo es sich um die Arbeit eines Schriftstellers handelt, da wird dessen Name, Beruf und Wohnort mitgeteilt, vielfach auch der Name des Abschreibers. War das Original, von dem die Abschrift genommen wurde, irgendwie mit Textverlust beschädigt, so wird das notiert. ('2. Tafel. Tudhalijas, Grosskönig. Über den Eid. Beendet. Diese Tafel war zerstossen. Angesichts des Mahhuzi und des Halva-lu habe ich, Dudas, sie wieder erneuert.')"

Bei altbabylonischen Verwaltungstafeln finden wir an der linken oberen Ecke eine kurze Zusammenfassung - gewissermassen ein Regest oder modern gesprochen ein Abstract. Vom 7. Jh. an finden wir aramäische Hinweise auf den Inhalt (Buchstabenschrift!) vielleicht für diejenigen, die sich rasch orientieren wollten oder Mühe mit den akkadischen Keilschriftzeichen hatten. (Sasson 2199f)

Bei der Frage der Erschliessung ist aber auch nicht zu vergessen, dass wir es mit einigermassen überschaubaren Beständen zu tun haben - mindestens für einen Spezialisten, der sein ganzes Leben damit verbrachte. (Wir werden dieser Situation auch im Mittelalter wieder begegnen, wo es für einen damit beauftragten Kosterbruder durchaus möglich war, den Überblick über den Bestand auch ohne Katalog zu bewahren. In unserem privaten Bereich ist es nicht anders, wo wir in der Lage sind, durch eine bestimmte Aufstellungsordnung den Überblick über die Bestände zu bewahren. - Mit anderen Worten: Immer dort, wo die Nutzung, oder genauer gesagt die Verwaltung und Vermittlung, auf wenige Personen oder gar nur auf eine beschränkt ist, erübrigt sich ein Erschliessungssystem. (Vielleicht ist es aber auch ganz bewusst nicht gewollt, weil man verhindern will, dass aussenstehende Einblick erhalten.)

Beispiele

In Ägypten ist als bedeutendster Archivfund die Keilschriftkorrespondenz Amenophis III. und IV. Echnaton (1411-1358 v. Chr.) mit den grossen und kleinen Königen von Palästina bis Mesopotamien in Tell-el-Amarna zu verzeichnen. (Der Kleine Pauly Bd. 1, 514) Das weist darauf hin, dass für die internationale Diplomatie die Keilschrift verwendet wurde.

Als einziges Pypyrusarchiv alter Zeit ist das der jüdischen Kolonie von Elephatine in Oberägypten zu nennen.

In allen vier assyrischen Hauptstädten (Assur, Dur-Sharrukin, Nimrud und Ninive) fanden sich Bibliotheken. Diejenige Assurbanipals (668-627 v. Chr.) in Ninive gilt als bestes und bekanntestes Beispiel einer Bibliothek in Mesopotamien. (Sie wurde wahrscheinlich schon von seinem Grossvater Sennacherib begonnen.) Eine imperiale Sammlung also, mit der der assyrische Herrscher versuchte, sich die unterlegene babylonische Kultur zu eigen zu machen, und sie vielleicht auch zu erhalten. Dieses Verhalten hat indirekt Schule gemacht in der berühmten Bibliothek des Museion in Alexandrien und wurde dann namentlich wieder in römischen Bibliotheken gepflegt, die ja ganz bewusst die griechische Literatur mitgesammelt haben. (Jochum 14f und Sasson 2206) (Das gegenteilige Verhalten wird dann allerdings in der Geschichte der Bibliotheken eher häufiger sein, nämlich die bewusste Zerstörung des Kulturgutes der Unterlegenen. Die entsprechenden Spuren lassen sich verfolgen vom Altertum über die Azteken, Spanier, die Reformation, die totalitären Regime im 20. Jh. bis zur jüngsten Entwicklung in Exjugoslavien.)

Die Sammlung Assurbanipals wurde auf 5000-10'000 Tafeln geschätzt. (Ein Problem bildeten die ungebrannten Tafeln, die nach den Ausgrabungen in vielen Fällen zerfielen.) Diese Zahl ist nicht zu verwechseln mit dem eigentlichen Textkorpus, das auf höchstens 1500 geschätzt wurde. (Jochum 15)

Bei Assurbanipal finden wir auch einen ausgesprochenen Sammelwillen. In einem von ihm erhaltenen Schreiben gibt er seinem Beamten drängend den Auftrag, alle für seinen Palast wichtigen Tafeln zusammenzutragen, und niemand habe das Recht, diesem Texte vorzuenthalten. (Sasson 2206)

Wenn Assurbanipals Bibliothek auch bei der Zerstörung Ninives 612 stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, war doch der Rest bedeutsam genug, um der assyriologischen Forschung nach 2500 Jahren eine sichere Grundlage zu geben und mit einem Schlage die Literatur und mit ihr die Geschichte und Kultur Assur-Babylons wieder bekanntzumachen.

Das Archiv wurde 1850 entdeckt. Es handelte sich um zwei kleinere Räume, in denen die Tafeln aufbewahrt waren, ohne dass wir genau wissen, wie sie aufgestellt waren. Möglicherweise waren sie bei der gründlichen Zerstörung der Stadt im Jahre 612 (durch den Meder Kyaxares) wegen eines Brandes vom höheren Stockwerk in den Keller gefallen.

Bestände am Beispiel der Bibliothek von Ninive unter Assurbanipal (669-630)
(Nach Jean-Claude Margueron. Les Mésopotamiens. Bd. 2, Paris 1991, S. 201 f)

  1. Tontafeln mit Prophezeiungen:
    Listen mit Beobachtungen, Unfällen und genau beschriebenen Ereignissen, die eine Voraussage über das Land oder eine Person erlauben
  2. Tafeln mit Listen der obgenannten Zeichen und Wörter in Sumerisch und Akkadisch
  3. Etwa hundert zweisprachige Tafeln mit Texten von Zaubersprüchen und Gebeten
  4. Weitere hundert Tafeln mit Texten von apotropäischen (Unheil abwehrenden) Beschwörungen sowie Fabeln und Sprichwörtern
  5. Etwa 40 Tafeln mit epischer Literatur: Gilgamesch, Schöpfungsgeschichte, Etana
  6. Fragmente von vermutlich etwa 200 weiteren Tafeln mit verschiedenen Texten, die auch die Kataloge der Tafeln enthalten
Zu diesen 900 Tafeln sind mindestens ein Drittel verlorene dazuzurechnen; der Bestand einer grossen Bibliothek kann somit auf 1200 bis 1500 Tafeln geschätzt werden.

Ebla (Tell Mardikh)
1964 begannen italienische Forscher bei Tell Mardikh zu graben und fanden die Stadt Ebla, ein Königreich, das seinen Höhepunkt um 2400-2250 hatte (Chronologie noch nicht gesichert).

1975 stiess man auf die "Bibliothek", einen Raum von ca. 5,20x3,40m. In diesem Raum wurden bis 1977 rund 15'000 Tontafeln gesichert, die z.T. unzerbrochen waren.

Die (neue) Sprache musste zuerst erlernt werden. Was aber bisher zum Vorschein gekommen ist, hat die mesopotamische Altertumswissenschaft revolutioniert. (Leider sind die italienischen Wissenschaftler heillos zerstritten, und bisher wurde nur ein kleiner Teil der Tafeln für die Forscherwelt zugänglich.) (Bermant)

Wir haben hier übrigens genaue Auswertungen der gefundenen Tafeln:
Die Tafeln von Ebla sind durchschnittlich etwa 400 cm2 gross; es gibt aber andere Beispiele wie ein Vasallen-Vertrag, der die Masse 46x30cm hatte, während viele Listen aus dem Gebiet der Wirtschaft kaum 2,5 cm Kantenlänge aufweisen.

Die Aufnahmekapazität ist recht beachtlich: Bei Ebla-Tafeln mit 30cm Seitenlänge fand man 30 Spalten mit etwa (total) 3000 Zeichen. (zweiseitig beschrieben).

Die Bestände eines Archivs am Beispiel der Ausgrabungen in Ebla (Syrien), 1975
(Nach Jean-Claude Margueron. Les Mésopotamiens. Bd. 2, Paris 1991, S. 188 ff)

  1. Dokumente aus der Diplomatie
    Briefe des Herrschers an andere Könige
    Schriftwechsel mit seinen Agenten, die ihn über andere Höfe informieren
    Kopien von Staatsverträgen
  2. Texte aus der allgemeinen Verwaltung
    Volkszählungen
    Steuerabgaben
    Angaben über Holz-, Metall- oder Getreidelieferungen
  3. Verwaltung der Provinzen
    Schriftwechsel mit den Provinzgouverneuren
    Schriftwechsel mit Beauftragten des Königs
  4. Schriftstücke aus der "inneren Verwaltung" unter der Verantwortung von Beamten, z.B.
    Abrechnungen von verschiedenen Depots innerhalb und ausserhalb des Palastes
    Angaben über die Mahlzeiten des Königs
    Angaben über Tiere, die der Palast zu den täglichen Opfern oder anlässlich von Festivitäten geschickt hat
    Alle Löhne des Personals des Palastes und der Werkstätten

Lagasch (Tello), dessen königliches Archiv man 1894 (nach Grabungen seit 1877) fand, stammt etwa aus der gleichen Zeit (um 2350). Trotz Überfällen von Grabräubern, die etwa 30-40'000 Tafeln verschleppten, konnten 70'000 Texte gesichert werden. Eigenartig und noch nicht völlig klar sind die Aufbewahrungsorte: zwei Gruppen schmaler, in die Erde gegrabener Gänge.

Hattusa (Boghazköy):
Bis ins 20. Jahrhundert hat sich die Altertumswissenschaft auf Ägypten und Mesopotamien konzentriert. Die Funde von Hattusa (und natürlich Ebla) zeigen aber, dass es auch ausserhalb dieser Räume ebenso wichtige Kulturzentren gab. (Reich der Hethiter oder Chatti, Zeit: 15.-13. Jahrhundert.)

Es handelte sich um eine königliche Bibliothek, die politische, religiöse und literarische Texte umfasste. Sie fand wohl mit dem Untergang des Hethiter Reichs um 1200 ihr Ende. (Sasson S. 2206)

Und hier schliesslich etwas ausführlicher ein letztes Beispiel aus der Mitte des 6. Jh. v. Chr.:
Sippar
"Im Januar 1986 machten irakische Archäologen der Universität Bagdad eine aufsehenerregende Entdeckung. Bei ihren Ausgrabungen im E-babbara, dem Tempel des Sonnengottes Shamash im nordbabylonischen Sippar, stiessen sie auf eine kleine neo-babylonische Bibliothek. Diese befand sich in einem Raum, der von einem langen Raum abging, welcher seinerseits wieder von einem grösseren Raum abzweigte. Zu ihrer Überraschung fanden sie die Tafeln immer noch in den Fächern angeordnet. Die Wände der Bibliothek waren bis auf eine Höhe von 1.5 Metern oder mehr erhalten. Der Raum mit den bescheidenen Ausmassen von einer Breite von etwa 1.5 Metern und einer Länge von einem Meter befand sich in einem Teil des Tempels, der wahrscheinlich durch Nabonidus (555-539), dem letzten babylonischen König vor der persischen Eroberung, gebaut wurde. An der linken, der rechten und der Rückwand befanden sich eine Serie von aus den Schlammziegelwänden herausgebauten Ablagefächern. Jedes dieser Fächer war etwa 17 Zentimeter hoch und 30 Zentimeter breit, mit vier Reihen an den Seitenwänden und sechs Reihen an der Rückwand. Ursprünglich gab es wahrscheinlich vier Stufen von Nischen und damit insgesamt 56 Fächer. Jedes Fach war etwa 70 Zentimeter tief, aus Ton gemacht, aber mit gepflastertem Schilfrohr für die Seiten und das Dach ausgelegt. Damit hatte jedes dieser Fächer ein leicht tunnel- oder bogenförmiges Inneres. Bis zu 60 Tafeln wurden auf ihrer Längsseite zwei oder drei Reihen tief in jeder Nische aufgestapelt. Es hätte für etwa 2000 Tafeln Platz gehabt, obwohl, wie es scheint, nicht alle Nischen aufgefüllt wurden.

Beinahe alle der bisher geborgenen Tafeln, viele von ihnen schlimm mit Salz verkrustet, waren literarischer Natur. Manche wurden in ihren Kolophons (Schlusstiteln) als 'kopiert von Orginalen' aus Babylon, Nippur, Agade und anderswo beschrieben. Sie lassen darauf schliessen, dass der Inhalt dieser Bibliothek gesamthaft der Auswahl von Werken entspricht, die man von anderen Bibliotheken her kennt. Solche Funde füllen allmählich die Lücken in den rekonstruierten Texten dieser Werke. Die letzte datierte Tafel war ein Dokument der Verwaltung aus dem Jahre 529. Es gab einige Kopien in Ton von Steinstelen und Metalltafeln. Ein oder zwei königliche Inschriften, es handelt sich um neo-babylonische Kopien von Dokumenten, die bis zu 1500 Jahre älter und zuvor unbekannt waren, wurden ebenfalls identifiziert. Unter den andern Schriften befanden sich Hymnen, Gebetstexte, Prophezeiungen, astrologische Omen, mathematische und lexikalische Texte. Mehrere Serien bekannter literarischer Werke des babylonischen Standardkorpus, einschliesslich Atrakhasis und das Schöpfungsepos (Enuma Elish), wurden ebenfalls gefunden. Unter den Neuheiten war ein einzigartiger kreisförmiger 'Astrolab' Text mit interstellaren Distanzen, der durch Skizzen auch die Verteilung der Sterne in den Sternbildern anzeigt. Mehrere der Tafeln stammten vom selben Schreiber, einem gewissen Nabium-etir-napshati aus der Familie Pakkharu. Andere Schreiber werden in den Schlussformeln (Kolophonen) genannt. Die Arbeiten an dieser Sammlung werden noch längere Zeit in Anspruch nehmen." (Quelle: Sasson 2207)

Benutzung

Wer Zugang zu den Beständen hatte, ist nur noch schwer zu rekonstruieren. Die Literatur macht denn darüber auch kaum Angaben. Wir erfahren aber indirekt etwas darüber durch Briefe, die überliefert sind. (Wobei es sich in den beiden nachfolgend zitierten Beispielen ausgesprochen um Sammlung mit Archivcharakter handelt.)

Briefe auf Keilschrifttafeln vom Hofe Königs Zimri-Lim von Mari (frühes 18. Jahrhundert) erlauben uns, einen Eindruck über die Abläufe zu gewinnen, die nötig waren, um sich Dokumente von einem Lagerraum mit beschränktem Zutritt zu beschaffen. Offensichtlich wurde in Mari ein ziemlich schwerfälliges System angewandt, welches die Mitwirkung mehrer spezifisch autorisierter Personen verlangte. Interessanterweise mussten sie nicht alle des Lesens und Schreibens kundig sein. Königin Shiptu schreibt ihrem Gatten:

"Sage meinem Herrn, so spricht Shiptu, deine Magd, im Palast steht alles zum besten. Mein Herr schrieb mir: 'Hiermit sende ich Yassur-Addu zu Dir. Sende Aufsichtsbeamte mit ihm, um Tafeln aus einem von ihm offenbarten Ort zu beschaffen. Diese Dokumente sollen bis zu meiner Ankunft bei Dir aufbewahrt werden.' In Übereinstimmung mit den Anweisungen meines Herrn liess ich nun Mukannishum, Shubnalu und eine dritte Person diesen Mann namens Yassur-Addu begleiten. Er zeigte den Kontrolleuren, die ich mitsandte, einen Lagerraum in einer von Etel-pi-sharrim geleiteten Werkstatt. Sie öffneten die Tür des von ihm identifizierten Lagerraumes. Dabei brachen sie das Siegel von Igmillum aus der Hauptkanzlei und holten zwei Körbe heraus, die mit dem Siegel von Etel-pi-sharrim versehen waren. Diese Körbe befinden sich nun bei mir und warten mit weiterhin unversehrten Siegeln auf die Ankunft meines Herrn. In der Zwischenzeit bediente ich mich meines eigenen Siegels, um die von ihnen geöffnete Tür des Lagerraums wieder zu versiegeln."

Allerdings wurden nicht alle Palastkanzleien so vorsichtig verwaltet. Ein halbes Jahrtausend später, in der Mitte des 13. Jahrhunderts, beklagt sich der hethitische König Khattushili (Hattusili) III. in einem Schreiben aus Anatolien, gerichtet an Kadasham-Enlil II., König von Babylonien, folgendermassen:

"Zu jenem frühen Zeitpunkt warst Du, mein Bruder, ein Jüngling, und sie lasen Dir die Tafeln nicht vor. Gegenwärtig sind die Schreiber jener Tage nicht mehr am Leben und die Tafeln wurden nicht einmal archiviert, damit sie Dir diese alten Tafeln jetzt hätten vorlesen können." (Quelle: Sasson 2198)

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