Auch in unserem heutigen Kapitel fällt noch auf, wie widersprüchlich
die Befunde interpretiert werden. Selbst zentrale Sachverhalte werden von der
Literatur nicht als einheitliches, gesichertes Wissen wiedergegeben, sondern
völlig unterschiedlich bewertet.
Dies gilt z.B. für die Frage, was ein Archiv und was eine Bibliothek ist.
Sehr verschieden wird auch die Frage behandelt (für Mesopotamien) wie
lange Tafeln bewusst aufbewahrt wurden. Wurde ein Bestand nur so lange gepflegt,
als er konkret genutzt wurde, oder hat man bewusst über Generationen hinweg
gesammelt?
Sicher mögen solch unterschiedliche Auffassungen auch daher kommen, dass
wir in dieser Stunde einen Bogen über fast 3000 Jahre schlagen, die im
Zweistromland von verschiedenen Kulturen geprägt waren, während in
Ägypten die Kontinuität stärker gewahrt blieb. Gerade solche
Differenzierungen machen die Archäologen und die Assyriologen aber nicht.
Vieles, was wir über Bibliotheken und Archive wissen, ist sehr bruchstückhaft,
und es ist deshalb schwierig, dieses Wissen in einen allgemeinen gesellschaftlichen
Kontext zu stellen. Wir betreiben hier also Bibliotheksgeschichte im engsten
Sinne und müssen uns stark auf die Beschreibung der Institutionen selber
beschränken.
Schliesslich eine letzte Vorbemerkung: Ich möchte Ihnen weniger der Reihe
nach Bibliotheken und Archive mit je ihren Eigenheiten auflisten, als versuchen,
einen Gesamtüberblick zu geben und das Allgemeintypische darzustellen.
Begriff, Definition für das Altertum
Vorab möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass eine strenge Trennung
zwischen Archiv und Bibliothek, wie wir dies in der vorletzten Stunde definiert
haben, noch kaum möglich ist. Ich werde aber nachfolgend einige Definitionsversuche
für Mesopotamien wiedergeben.
Zuerst muss ich aber noch darauf hinweisen, dass im Altertum "Archiv"
nicht nur "die Stelle, in der das zur dauernden Aufbewahrung bestimmte
Schriftgut niedergelegt wird, bedeutet, sondern zugleich auch die Behörde,
die den schriftlichen Ein- und Auslauf regelt, d.h. also eine Einrichtung, die
(nach unserem Sprachgebrauch) Archiv und Kanzlei vereinigt." (Der kl. Pauly
Bd. 1, S. 514)
- Es ist auch schon argumentiert worden, dass die grosse Masse der Schriftstücke
in Mesopotamien (der kleine Pauly nennt schon 1964 über 400'000) streng
genommen nicht bewusst angelegtes Archivgut darstellte, sondern "Kanzlei-
oder Registraturgut", da es nicht zur dauernden Aufbewahrung bestimmt
war. (aaO S. 515) - Es wäre damit erst durch das Interesse der Nachwelt
zu dieser Funktion gekommen.
- Dagegen ist einzuwenden, dass sowohl in Mesopotamien wie in Ägypten
diese Sammlungen von Schriftgut eine zentrale Rolle in der Verwaltung spielten.
Jede bis zu uns überlieferte Textsammlung könnte damit als Archiv
bezeichnet werden. (So die Autoren Black und Tait im übrigens empfehlenswerten
neuen Sammelband "Civilizations of the Ancient Near East" Vol. IV.
New York 1995, S. 2197. Ed Sasson.) Es wäre damit gleichsam eine Frage
der Optik: Ist ein "Archiv" (oder eine Bibliothek) zu dem geworden,
wenn es aus der Sicht der Zeitgenossen als solches angelegt wurde, oder aber
dann, wenn gesammeltes und/oder geordnetes Schriftgut zu uns überliefert
wurde und für uns den Charakter eines Archivs erhält.
- Einen weiteren Ansatz zur Trennung liefert Jochum in seiner Bibliotheksgeschichte,
der vom Textinhalt ausgeht: "Die frühesten in Mesopotamien überlieferten
Texte aus der Zeit um 3000 v. Chr. sind ... Wirtschaftstexte aus dem Bereich
der staatlichen Bürokratie. Erst im 2. Jahrtausend v. Chr. kamen zu diesen
Texten Privatbriefe der Kaufleute hinzu, deren Themen von Geschäftlichem
bis zu Familiärem reichen und die in Privatarchiven aufbewahrt wurden.
Das heisst aber, dass sich die Bibliotheken langsam durch Ausdifferenzierung
aus den Archiven bildeten, wobei als Katalysator sicherlich die Tatsache wirkte,
dass im Rahmen der Schreiberausbildung die wichtigen traditionsbildenden Texte
(der 'stream of tradition' ... ) abgeschrieben wurden und diese Texte neben
den Archivmaterialien und Briefen gesammelt wurden. Bei diesem 'stream of
tradition' handelt es sich weniger um 'literarische Texte', als vielmehr um
Schriften, die 'heilige Lehren' aufbewahrten, d.h. alles, was sich um Gottheiten
und heilige Personen oder Gruppen drehte, deren Geschichten die herrschende
Tradition absicherten."
Diese Textsammlungen könnte man in Abgrenzung zu den eigentlichen Verwaltungstexten
als Bibliotheken bezeichnen.
- Oppenheim ("Ancient Mesopotamia", zit. nach Jochum 14) wendet
aber dagegen ein, dass diesen Bibliotheken "das Kennzeichen der planvollen
Sammlung fehlt, so dass die erste nachgewiesene Bibliothek, die dieses Kriterium
erfüllt, die Bibliothek Assurbanipals (668-627) in dessen Residenz in
Ninive ist, die möglicherweise auf Bestände der in Assur von Tiglatpileser
I. (1112-1074) zusammengetragenen Bibliothek zurückgeht und ebenfalls
die babylonische Literatur für die assyrischen Herrscher verfügbar
machen sollte."
- In den Gebieten, in denen die Keilschrift verwendet wurde, kann tendenziell
eine Unterscheidung im folgenden Sinne gemacht werden: Der Begriff "Bibliothek"
wird für Sammlungen mit literarischen, historischen und wissenschaftlichen
Texten gebraucht, sei es, dass sich diese in einem Palast, Tempel oder privaten
Hause befanden. (Auch für letztes gibt es Beispiele, etwa in Ugarit;
es konnte sich um das Haus eines Schreibers oder Priesters handeln.)
Sehr oft ist eine Trennung aber nicht möglich, da Verwaltungs-, Rechts-
und Wirtschaftstexte im gleichen Raum aufbewahrt wurden wie historische oder
wissenschaftliche Schriften. Und nicht selten wurden Rechtstexte oder gar
Staatsverträge im Unterricht zu Übungszwecken immer wieder abgeschrieben.
(Sasson S. 2197)
- z.T wird in der neueren Forschung aber der Versuch einer Trennung zwischen
den beiden Arten von Institutionen gar nicht mehr gemacht. Dies gilt v.a.
für die Ägyptologie. (Burkard 81)
In Ägypten ist eine Unterscheidung zwischen Archiv und Bibliothek
besser möglich, da der erste Begriff eher für Räume verwendet
wird, in denen Schriftrollen aufbewahrt wurden, während Bibliotheken
("Haus der Bücher") eher Orte waren, in denen auch geschrieben
wurde. (Sasson 2198)
Typen
Sowohl in Mesopotamien wie in Ägypten haben wir Kenntnis von Palast-,
Tempel- und Privatsammlungen. Die Unterscheidung zwischen offiziellen und privaten
Sammlungen ist im mesopotamischen Bereich nicht immer einfach. Manchmal verwischen
sich öffentliche und private Tätigkeiten der Beamten. Bei den privaten
Beständen handelt es sich übrigens um solche von Unternehmerfamilien,
die z.B. Grundbesitzer, Händler oder Bankiers sein konnten. (Sasson 2198,
2202)