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Wir sind in dieser Epoche erstmals in der Lage, zu allen Fragen des Bibliothekswesens präzisere Angaben zu machen.
Konkret heisst dies in bezug auf die Gründung und den Unterhalt einer solchen Institution, ihren Öffentlichkeitscharakter und die Benutzerschaft.
Bei antiken Sammlungen denkt man in erster Linie an die legendenumrankte Bibliothek von Alexandrien, das Museion. Es soll jedoch auch in dieser Stunde das gelten, was die Leitlinie der ganzen Vorlesung ist: Das Allgemeintypische wird hervorgehoben; die "Bibliothekslandschaft" als ganze wird dargestellt werden, auch wenn Alexandria ein Exkurs gewidmet wird und einzelne andere Bibliotheken vorgestellt werden.
Die älteren erhaltenen Schriftdenkmäler, z.B. aus dem 6. Jahrhundert, waren offizielle Verlautbarungen an Tempeln, Stadthäusern, Marktplätzen, öffentlichen Häusern, auf Holzplatten, in Stein gehauen oder als Tontafeln.
Im 5. Jahrhundert ist dann Papyrus weit verbreitet, importiert aus Ägypten.
Nach und nach erfolgt die Umstellung auf Pergament.
Voraussetzungen Buchhandel, Buchproduktion und -verbreitung in Griechenland
Dank den Werken der attischen Autoren wissen wir, dass Bücher für einen Athener im 5. Jh. v. Chr. durchaus gewohnte Gegenstände waren.
Der Buchhandel wird in Griechenland mehrfach bezeugt. Er gilt in Athen für die 2. Hälfte des 5. Jhs. als nachgewiesen. (Blanck 134) Der Vertrieb geschah über Händler, die Ihre Verkaufsstellen auf der Agora (Markt) hatten. Athen spielte die Rolle einer "Buchhandels-Metropole", wie viel später etwa Leipzig, London oder Frankfurt.
Ergänzend zum Buchhandel sollen die Schüler von Sophokles, Perikles oder Sokrates die Werke ihrer Meister geschäftstüchtig vertrieben haben. Euripides hielt sich sogar Schreibsklaven.
Sokrates bemerkte, dass die Werke des Philosophen Anaxagoras in Athen für eine Drachme zu kaufen waren.
Horst Blanck (S. 134) macht einen Vergleich zum Preis eines Schafes, das damals 12-17 Drachmen gekostet haben soll.
Wir haben Belege, dass Bücher bis an die Grenzen des griechischen Einflussbereiches verfrachtet wurden: von der thrakischen Schwarzmeerküste bis nach Sizilien. Selbst für äusserste Aussenposten der griechischen Kolonisation, im heutigen Afghanistan, konnte man in einem Palast von Ai Khanoum einen Bibliotheksraum ausmachen. (Blanck, 146)
Von verschieden antiken Persönlichkeiten wird bezeugt, dass sie grosse Summen für bestimmte Büchersammlungen ausgaben und deren Beschaffung in Auftrag gaben. So liess sich Aristoteles die Schriften des Philosophen Philolaos für 100 Minen (10'000 Drachmen) aus Sizilien beschaffen. (Blanck 115)
Konnte man ein bestimmtes Buch über den Handel nicht erwerben oder hatte man nicht die Mittel dazu, so beschaffte man sich ein Exemplar und kopierte es durch Abschreiben. (Reiche Häuser hielten Sklaven, denen man diese Arbeiten zur Ausführung übergab.) Doch auch hochgestellte Persönlichkeiten schrieben in der Antike ab, so berichtet Cicero an Atticus: "Von Vibius habe ich die Bücher erhalten; ein geschmackloser Dichter und ein Nichtswisser, aber doch nicht ganz unnütz. Ich schreibe sie ab und sende sie dann zurück." (Blanck 118)
Dieser "wilde" Literaturbetrieb durch Abschriften barg allerdings auch Gefahren: Der Urheber war nicht geschützt, und man ging ziemlich unbekümmert mit den Texten um, ergänzte, schmückte aus, liess wiederum ganze Verse aus. Es sollte dann Aufgabe einzelner Bibliotheken wie des Museion in Alexandrien sein, korrekte, bereinigte Fassungen herzustellen. (Blanck 116f) (Museion Inneres)
Die Bibliotheken bildeten selbst eine wichtige Stütze bei der Buchproduktion: Sie unterhielten nämlich meist hauseigene Schreibstuben, z.T. mit mehreren Schreibern. Der Ankauf von Handschriften aus dem Buchhandel, der ebenfalls bezeugt ist, war weniger bedeutend. Andere Erwerbungsarten sind Vermächtnisse oder Einzelgeschenke und nicht zuletzt auch die Übernahme von Kriegsbeuten.
Besonders gut über die Buchproduktion sind wir orientiert aus der Zeit der grossen Bibliothek in Alexandria, wo die beiden Herrscher Ptolemäus I. (305-284) und II. (284-246) Schriften aus der ganzen damals bekannten Welt sammelten (in Ägyptisch, Griechisch, Latein, Hebräisch sowie anderen Sprachen). Meist wurden sie dann ins Griechische übersetzt. Gab es mehrere Vorlagen, so wurden diese verglichen und die beste Variante ausgewählt. Zur Versorgung der Öffentlichkeit mit Literatur verfertigten die alexandrinischen Bibliotheksschreiber auch Abschriften für Privatpersonen.
Vermutlich wurde in Alexandrien die für die christliche und jüdische Welt äusserst wichtige sogenannte Septuaginta hergestellt. Es handelt sich dabei um die erste griechische Version des Alten Testamentes (übersetzt aus dem Hebräischen). Der Name stammt von den legendären siebzig Gelehrten, die daran gearbeitet haben sollen.
Bibliotheken in Griechenland, besonders Athen
Zuerst nochmals einige Worte zum Charakter von Schrift und Schriftlichkeit:
Die Griechen übernahmen wohl im 9. Jh. das phönizische Alphabet, verwendeten aber zusätzlich die Vokale.
In der älteren Literatur wurde darüber spekuliert, ob nicht gerade dieses einfach zu erlernende Schriftsystem die intellektuellen Hochleistungen der griechischen Zivilisation erst möglich gemacht hat. Auch wenn dieser Faktor nicht unerheblich ist, so sind es jedoch in erster Linie drei gesellschaftliche Faktoren, die in Griechenland neu sind:
Dies hat konkrete Auswirkungen auf die Bibliotheksgründung und die Trägerschaft: Erste Bibliotheken sind Privatsammlungen von Wohlabenden oder von Philosophenschulen - also nicht mehr an Tempel oder Paläste angegliederte "offizielle" Institutionen. (Jochum 40f)
Obrigkeitliche öffentliche Sammlungen, wie wir sie später aus hellenistischer Zeit kennen, sind eher Rückwirkungen des Hellenismus auf das griechische Mutterland oder Einflüsse von Rom. - So stiftete 275 v. Chr. Ptolemaios Philadelphos ein Gymnasion und eine dazugehörige öffentliche Bibliothek in Athen. Eine noch grössere Sammlung stellte das Geschenk Kaiser Hadrians (117-139 n. Chr. ) an Athen dar. (Jochum 41)
Privatbibliotheken werden erstmals im 5. Jh. erwähnt. Der Tagiker Euripides (ca. 480-406), um nur einen Besitzer herauszugreifen, war bekannt für seine Bücherleidenschaft und wurde deshalb von seinem Gegner Aristophanes verspottet.
Wir haben zwar keine konkreten Zeugnisse von Privatbibliotheken ausserhalb Athens, doch aus der Tatsache, dass Bücher Handelsware darstellten, darf man auch dort bis hin zu den Kolonien private Sammlungen annehmen. (Handbuch 56ff)
Weitere Bibliotheken bestanden in den Philosophenschulen. Bei der von Platon gestifteten Akademie (385) werden zwar Bücher nicht erwähnt, sie wird aber aufgrund der von ihm und seinen Schülern geleisteten wissenschaftlichen Studien angenommen.
Vollends gilt dies für Aristoteles (384-322). Verschiedene Quellen bestätigen bei ihm übereinstimmend, dass er wie keiner vor ihm systematisch Bücher gesammelt habe.
Es handelt sich bei der Sammlung von Aristoteles übrigens um die erste, deren Schicksal wir über längere Zeit verfolgen können. Sie blieb nicht ein Bestandteil der Schule, sondern wurde privat weitergegeben. Bruchteile und Abschriften kamen nach mehreren Besitzerwechseln 84 v. Chr. in die Hände von Sulla, der sie als persönliche Beute nach Rom nahm. (Handbuch S. 58-60)
Die Bibliotheken der Schulen in Athen hatten nicht öffentlichen Charakter, sondern dienten den Lehrern und ihren Adepten. (Blanck 137)
Öffentlich zugängliche Bibliotheken
Schlechter ist die Informationslage in vorhellenistischer Zeit in bezug auf
öffentliche Bibliotheken, auch wenn die Literatur von einer allgemeinen
Verbreitung ausgeht. Indirekt ist z.B. eine Ausführung des Historikers
Polybios ein Hinweis darauf: "...Wer aus Büchern schöpft, braucht
keine Strapazen auf sich zu nehmen, setzt sich keiner Gefahr aus. Es ist nur
nötig, sich eine Stadt auszusuchen, in der es viele Dokumente hat oder
die eine Bibliothek in der Nähe hat. ..." (Blanck 149-152; Handbuch
95-99)
Die Annahme einer schon vom athenischen Tyrannen Peisistratos (um 530) gegründeten und 480 v. Chr. durch Xerxes nach Persien entführten öffentlichen Bibliothek, die auf einen Beleg von Gellius (Noctes Atticae VII,17,1) zurückgeht, wird in der neueren Forschung meist abgelehnt. (Eine Privatsammlung ist dagegen durchaus möglich.)
Hellenistische Bibliotheken
Gymnasiumsbibliotheken
Zwar haben wir mindestens einen Hinweis auf solche Schulbibliotheken in vorhellenistischer
Zeit. Doch erst in dieser Epoche (280-30 v. Chr.) finden wir sie mit einiger
Häufigkeit, so z.B. das Ptolemaion in Athen (benannt nach dem ägyptischen
Stifter). Aufgrund einer Inschrift mit einem Ausschnitt aus einem Bücherkatalog
glaubt man auch in Piräus eine Gymnasiumsbibliothek nachweisen zu können.
Eindeutiger ist dies in der Stadt Rhodos, wo eine Buchliste aus dem 2. Jh. v.
Chr. sowie ein Volksbeschluss betreffend Stiftung einer Gymnasiumsbibliothek
gefunden wurde - Und auf der benachbarten Insel Kos gibt es eine Inschrift aus
dem 2. Jh., die besagt, dass ein Diokles zusammen mit seinem Sohn einen Bibliotheksraum
mit hundert Werken stiftete. Andere namentlich aufgeführte Bürger
beteiligten sich mit Büchern oder Geldgaben. (Allerdings wissen wir in
diesem Falle nicht genau, ob es sich um eine öffentliche oder Gymnasiumsbibliothek
handelt. - Diese Tradition ist übrigens bis ins 20. Jh. weiterzuverfolgen:
In der Eingangshalle der Zentralbibliothek Zürich - fertiggestellt 1919
- sind die Donatoren eingemeisselt.)
Ein weiteres zufällig zu uns gekommenes Zeugnis einer Bibliothek aus hellenistischer Zeit haben wir aus Taormina, Sizilien (Wandinschrift mit Namen von Historikern). Ebenfalls auflisten könnte man Pergamon oder Delphi. Diese Beispiele zeigen aber auch den weiten Umkreis der Verbreitung solcher Institutionen in der hellenistischen Welt.
Öffentliche Bibliotheken
Neben dem Museion in Alexandria, auf das wir noch zurückkommen, war zweifellos
die Bibliothek in Pergamon, die möglicherweise schon von Attalos
I. (241-197 v. Chr) gegründet, dann aber von seinem Nachfolger Eumenes
II. (197-159) ausgebaut wurde, die bedeutendste öffentliche Sammlung in
hellenistischer Zeit.
Pergamon war zu dieser Zeit Hauptstadt eines kleineren Reiches in Kleinasien, das sich 282 erfolgreich vom makedonischen Reich gelöst hatte. Vitruv verwendet bei der Beschreibung der Bibliothek den Ausdruck "ad communem delectationem", und man geht deshalb davon aus, dass die Sammlung öffentlich zugänglich war.
Die antike Literatur verweist auch mehrmals auf eine Rivalität zwischen dieser Institution und dem Museion in Alexandrien, das aber bestandesmässig immer grösser war als Pergamon. (Nach dem Tod von Attalos III., 133 v. Chr., ging der Staat im Römischen Reich auf, und die Bibliothek wurde vermutlich nicht mehr im gleichen Masse weitergepflegt.)
Ähnlich wie Alexandrien bemühte man sich in Pergamon um korrekte Textabschriften, korrekte Autorenzuweisungen und bildete ein geistiges Zentrum, das eine grosse Zahl von antiken Gelehrten anzog.
Auch bei dieser Sammlung, wie bei vielen anderen, wissen wir nichts über das Ende. Vielleicht musste sie Ihre Bestände an die unter Constantius (340-361) gegründete Bibliothek in Konstantinopel abgeben. Vielleicht ging sie bei der unter Iustinian 530 einsetzenden Zerstörung heidnischen Kulturguts unter. (Blanck 146-149; Handbuch 82-88)
Andere Bibliotheken an hellenistischen Fürstenhöfen sind im übrigen unbestritten. So wissen wir z.B., dass Lucius Aemilius Paullus nach seinem Sieg über den Makedonerkönig Perseus 168 v. Chr. dessen Bibliothek als Beute abführen liess und sie seinen Söhnen in Rom schenkte. (Blanck 145)
Im Bereich der höheren Bildung finden wir Hinweise auf Bibliotheken in Fachschulen für Ärzte- und Rechtsgelehrte in grösseren Städten. (Handbuch, S. 99-103)
Auch die Tempelbibliotheken sind nicht völlig verschwunden. Ihr Gewicht nimmt unter römischem Einfluss wieder zu. - Wir werden am Übergang zum Christentum darauf zurückkommen. (Handbuch 107)