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Griechische Kultur und römische Bibliotheken
Angesichts der wesentlich besseren Quellenlage als in Ägypten und Mesopotamien - aber auch als im klassischen Griechenland - sind wir in der Lage, in bezug auf Rom genauere Aussagen auch über das gesellschaftliche Umfeld der Bibliotheken zu machen.
Und da verblüfft ein Tatbestand, dem wir gleich zu Beginn nachzugehen haben:
Haben die Bibliotheken dabei die Funktion von Kulturvermittlerinnen?
(Zum chronologisch-politischen Hintergrund nur soviel: Die Einverleibung des
stark griechisch geprägten Sizilien ins Römische Reich erfolgt 227,
diejenige des griechischen Mutterlandes 146 und die des pergamenischen Reiches
132 v. Chr.)
Nach diesen beiden Fragen skizziere ich wieder die Art der Buchproduktion und des Vertriebs.
Anschliessend gehen wir auf einige Bibliotheksgründungen und schliesslich auf den Bibliotheksbetrieb ein - soweit wir darüber überhaupt Kenntnisse haben.
Die Rezeption der griechischen Sprache ging so weit, dass vom ersten vorchristlichen Jahrhundert an die Zweisprachigkeit in der römischen Oberschicht eine Selbstverständlichkeit war. (Fehrle 5) Besonderes Ansehen genoss die Rhetorik.
Diese starke Anlehnung an die griechische Sprache und die griechische Kultur stellte nicht zuletzt eine Kompensation der eher praktisch ausgerichteten römischen Zivilisation dar: Angesichts des Vorrangs der Tätigkeit für die res publica konnten römische Literatur und Wissenschaft in republikanischer Zeit nie bedeutende genuine Leistungen hervorbringen.
Alles in allem bestand ein widerspruchsvolles Verhältnis, das auf der römischen Seite gleichzeitig in ein kulturelles Minderwertigkeitsgefühl und hinhaltende Vereinnahmung der griechischen Kultur mündete - also Ablehnung und Faszination gleichzeitig.
Dieses Verhältnis hatte ebenso widersprüchliche Auswirkungen auf das Bibliothekswesen. Es wäre doch zu erwarten gewesen, dass man im Interesse der Beteiligung an der res publica entsprechende öffentliche Institutionen eingerichtet hätte. Weshalb dies nicht geschehen ist, hat Rudolf Fehrle folgendermassen zusammengefasst:
"Die erstaunliche Tatsache, dass in Rom trotz reger Kontakte zum hellenistischen Osten das dort vorgefundene Beispiel nicht nachgeahmt und bis zu Cäsars Alleinherrschaft nicht der mindeste Versuch unternommen wurde, in der Metropole des Weltreichs eine öffentliche Bibliothek einzurichten, wird jetzt vielleicht verständlicher. Die sich in der gehobenen römischen Gesellschaft immer weiter durchsetzende griechische Bildung hatte einmal gegen starke Ressentiments gegenüber den hellenistischen Provinzialen zu kämpfen, was die Anerkennung dieser 'Sklavenkultur' zumindest in der breiten Öffentlichkeit problematisch machte. Vor allem aber stiess sie auf ein traditionelles Wertesystem, das seine Wurzeln in den Normen der agrarisch orientierten Gentilverbände der römischen Frühzeit hatte und auch noch in der 'aufgeklärten' Zeit des ersten Jahrhunderts Bildung und wissenschaftlich-literarische Betätigung als Selbstzweck oder als Lebensinhalt als nicht akzeptabel erscheinen liessen. In diesem Konflikt behielt immer der ausgeprägte Sinn der Römer für Praxisbezogenheit die Oberhand gegenüber griechischer Theorie; ein dem griechischen vergleichbarer Wissenschaftsbetrieb konnte sich selbst unter gewandelten sozialen Bedingungen der Kaiserzeit nie entwickeln - wieviel weniger in der römischen Republik. Kam deshalb nie das Bedürfnis nach einer öffentlichen 'Forschungsbibliothek' auf, so machte die Beschränkung literarischer Interessen auf eine kleine, homogene Elite auch eine zentrale Sammlung von Beständen, die den Bedürfnissen des otium dieser Gesellschaftsschicht gedient hätte, nicht dringlich. Die interessierte römische Oberschicht verfügte über die nötigen Mittel, ihre Privatbibliotheken mit den Büchern auszustatten, die für ein durchschnittliches Bildungsinteresse ausreichten." (Fehrle 12f)
Es wäre aber auch falsch, die Rezeption griechischer Einflüsse als bedingungslos offen anzusehen. 154. v. Chr. musste z.B. ein schon begonnener steinener Theaterbau in Rom auf Druck konservativer römischer Kreise, die darin gefährliche griechische Einflüsse sahen, wieder abgebrochen werden. (Fehrle 4)
Die Vermittlung der griechischen Kultur geschah zudem durch griechische Lehrer, die in der Sozialordnung weit unten standen, oder gar durch griechische Sklaven.
Konnte man bei Griechenland schon von verlagsähnlicher Arbeit sprechen, so finden wir in Rom Unternehmen, die dem Begriff "Verlag" auch in unserem modernen Sinne entsprechen. So heisst es in einem Schreiben Ciceros an Titus Pomponius Atticus (wichigster Verleger der damaligen Zeit):
"Du hast meine Rede 'pro Ligario' grossartig vertrieben. In Zukunft werde ich dir für alles, was ich noch schreibe, Reklame und Absatz übertragen." (Stemplinger 10)
Atticus beschäftigte sog. lectores, die einen Text vor hundert oder mehr mitschreibenden Sklaven langsam ablasen. Sie schrieben übrigens auf dem Boden sitzend, auf jeden Fall keinen Tisch benutzend. (Fehrle 52) Führte man diesen Vorgang zehnmal durch, so kam man auf eine Auflage von 1000 Explaren, "was als absolut normal und üblich galt". Andere Sklaven und Freigelassene waren mit dem Herrichten von Pergament und Papyrus beschäftigt, lasen Korrekturen und versahen die Schriften mit Ausstattung und Titeln. (Stemplinger 12) (Rudolf Fehrle bestreitet allerdings aufgrund von genauer Quellenlektüre die Verlegerrolle von T. Pomponius Atticus. Dieser habe als vermögender Geschäftsmann lediglich Cicero als Freundesdienst Schreibkräfte für dessen Schriften zur Verfügung gestellt. Wir können in diesem Rahmen dem Streit nicht weiter nachgehen.) (Fehrle, 36-44)
Daneben geschah die Vervielfältigung aber durchaus auch durch Abschreiben einer Vorlage; man glaubt heute in der Forschung sogar wieder, dass es das üblichere Verfahren gewesen ist. (Blanck 124)
Vertrieb:
Entweder durch die Verleger selber oder Kleinhändler, die in ihren "tabernae
librariae" ihre Bestände verkauften und mit Plakaten darauf aufmerksam
machten. (Eine Trennung zwischen Verlags- und Sortimentsbuchhandel gab es zumindet
in der republikanischen Zeit kaum.) Es handelte sich bei den Verkäufern
in den Tavernen entweder um Sklaven, die auf Rechnung ihres Herrn arbeiteten,
oder um Freigelassene, die davon lebten. Die feilgebotene Ware bestand wohl
eher aus populärer Literatur; die reichen Römer dürften sich
durch eigene, gegenseitig ausgetauschte Abschriften beholfen haben und waren
nicht auf diese Kleinhändler angewiesen. (Das Problem der unverfälschten
Abschriften war beträchtlich, s. dazu Fehrle.)
Neben einer Massen- und Billigproduktion finden wir im römischen Verlagswesen aber auch "Luxusausgaben" von Verlegern, die neben Schreibern auch Illustratoren unterhielten. Sie illustrierten den Inhalt der Werke, ergänzten es auch mit einem Porträt des Autors oder verzierten die erste Seite. (Salles 164)
Der Preis eines "Buches" lag zwischen 4 und 20 Sesterzen. Dies entspricht etwa dem Gegenwert an Getreide, das ein römischer Bürger in einer Woche (beim unteren Wert) bis einen Monat (20 Sesterzen) zugute hatte. (Salles 164)
In der römischen Literatur findet man eine ganze Reihe von Städten, die für ihren Buchhandel berühmt waren, so Lyon, Brindisi und in spätantiker Zeit auch Trier, Karthago, Alexandria, Konstantinopel und Antiochia in Syrien. (Blanck 127)
(s. auch: Fehrle 14-28; Jochum 41f) Es wurde bereits erwähnt: Grössere Bestände kamen in Rom als Folge von Beutezügen zustande. Bekannt und viel zitiert sind die beiden folgenden Fälle:
Neben der Aneignung von solchen Beutebibliotheken, die nicht zuletzt Ausdruck der Assimilation der griechischen Kultur war, ist anzunehmen, dass auch vor und parallel zu diesen Ereignissen römische Adelsfamilien schriftliche Aufzeichnungen zu praktischen Zwecken sammelten, wenigstens im Sinne von Privatarchiven. Wir haben aber keine konkrete Kenntnis darüber.
Das gleiche gilt im kultischen Bereich, wo man wohl Rituale und Formeln festgehalten haben dürfte. (Fehrle 14)
Im ersten Jahrhundert vor Christus wurde es in der römischen Oberschicht üblich, die Landhäuser mit Bücherbeständen auszustatten. Und wenn man sie schon nicht als Kriegsherr einfach einpacken konnte, dann kaufte man sie sich - wenn möglich als grosse Bestände. So schrieb Cicero an Atticus: "Ich bitte Dich, denk' darüber nach, wie Du es mir versprochen hast, auf welche Weise Du mir eine Bibliothek verschaffen kannst." Und ein halbes Jahr später war offenbar ein Objekt gefunden, das aber an die Grenzen von Ciceros finanziellen Möglichkeiten stiess; er schrieb nämlich erneut an Atticus: "Versprich Deine Bibliothek ja keinem anderen, solltest Du auch noch so einen glühenden Liebhaber finden. Ich spare nämlich alle meine kleinen Einkünfte zusammen, um mir damit diese Zuflucht fürs Alter zu verschaffen." - Das Geschäft kam zustande und Cicero erwarb sich damit den Grundstock für seine tusculanische Bibliothek. Er besass aber auch Bestände in seinen andern Villen. (Fehrle 24f)
Vor allem in der goldenen Zeit der lateinischen Literatur (100 v.-100 n. Chr.) finden wir zunehmend private Bibliotheken in den Palästen der Reichen - bis hin zu den Kaisern: Hadrian beispielsweise besass je eine lateinische und eine griechische in seiner Villa im Tivoli und eine weitere in Antium. Sie waren nach dem damaligen Geschmack mit Büsten griechischer und römischer Schriftsteller geschmückt.
Es gibt auch mehrere Quellenbelege, in denen sich Autoren über die Neureichen lustig machen, die Bücher als Renommierstücke kauften und sogar in Ess- und Baderäumen aufstellen liessen - ohne sie gelesen zu haben.
Seneca bemerkt z.B. spitz, dass mancher reiche Herr nicht einmal den Index (also den Katalog) seiner eigenen Bücher gelesen habe, verschwiegen denn diese selbst. (Blanck 160)
Vielleicht darf man auch noch eine Kritik aus dem späten vierten Jh. vom Historiker Amianus Marcellinus an diesem Punkt einfügen, der zu diesem Zeitpunkt schreibt: "Die wenigen Häuser, die früher wegen ernsthafter Pflege der Wissenschaften berühmt waren, sind jetzt erfüllt von Spielereien einer langweiligen Untätigkeit und hallen vom Gesang und seichtem Geklimper der Saiteninstrumente wider. Schliesslich holt man statt des Gelehrten einen Sänger und statt des Redners einen Possenreisser als Lehrer zu sich. Die Biblioheken sind wie Grabmäler für immer geschlossen...") (Blanck 166)
Über die Bestandesgrösse wissen wir wenig. Es soll in der gesamten Literatur nur 3 konkrete Zahlen geben: 700, 30'000 und 62'000 Rollen. Daneben kennen wir die rund 1800 Rollen der Villa in Herculaneum, die aber wohl nicht die ganze Sammlung umfassten. (Blanck, 158)
Es ist anzunehmen, dass für die Verwaltungstätigkeit der Stadt Rom kleinere Schriftsammlungen - namentlich juristischer Natur - angelegt werden mussten. Bekannt sind uns etwa die Annales Pontifikum, die um 120 v. Chr. auf 80 Bände angewachsen waren. Es handelte sich um Annalen mit den wichtigsten Ereignissen aus der Republik. Sie wurden im Gebäude des Pontifex Maximus, des Oberpriesters, gehalten. (Harris 55f)
Noch einmal die Frage: Warum nur taucht erst in der zweiten Hälfte des 1. vorchristlichen Jahrhunderts das Projekt einer öffentlichen Bibliothek in Rom auf (durch Cäsar), obwohl doch im Osten des Römischen Reiches solche Institutionen längst bestanden (Pergamon, Alexandrien)?
Einen Faktor haben wir kennengelernt: Die römische Oberschicht versorgte sich mühelos selber.
Weshalb wurde aber eine solche Institution nicht für eine weitere Öffentlichkeit gestiftet? Der Bau von Strassen, Theatern, Arenen, Tempeln waren doch neben der Finanzierung öffentlicher Spiele aus dem Privatvermögen immer wieder Stiftungen gewesen, mit denen wohlhabende Römer auf sich aufmerksam machten.
Die Frage ist nicht befriedigend zu beantworten. Fehrle (S. 54f) meint, dass die mit der Bibliothek anfallenden Folgekosten zu gross gewesen seien, als dass sie einfach von der Republik übernommen worden wären.
Daneben fehlte in republikanischer Zeit auch der Impetus einer Herrscherdynastie, die sich wie in Pergamon oder in Alexandria mit einer Bibliothek ein bleibendes Denkmal setzen wollte. - So gesehen, wäre es nicht ganz zufällig, dass gerade der erste Alleinherrscher in Rom nun doch entsprechende Pläne hegte.
Laut den in der Forschung umstrittenen "letzten Plänen" Cäsars plante dieser eine griechische und lateinische Bibliothek. Möglicherweise war er dabei durch seinen Aufenthalt in Alexandria (47 v. Chr.) beeinflusst. (Fehrle 56f) Wegen seines plötzlichen gewaltsamen Todes kam er nicht mehr dazu. So blieb es C. Asinus Pollio (76 v. Chr.-5 n. Chr.) vorbehalten, im Jahre 39 (oder 37, je nach Literatur - vielleicht auch etwas später, aber sicher vor 28 v. Chr. Fehrle 60) diesen Schritt endlich durchzuführen: im Atrium Libertatis, dem alten Archivgebäude der Censoren auf dem Aventin. Die genaue Lage des Gebäudes kennen wir aber nicht, ebensowenig ist etwas über das weitere Schicksal der Sammlung bekannt. Singulär blieb das Ereignis auch in dem Sinne, als künftig nur noch Kaiser Bibliotheken gründeten.
Der politische Erbe von Cäsar, Augustus, nahm 2 Gründungen vor:
In den 36 v. Chr. begonnenen und 28 v. Chr eingeweihten monumentalen Apollo-Tempel auf dem Palatin waren in die Portikus, welche die Tempelanlage umgaben, eine griechische und eine lateinische Doppel-Bibliothek integriert.
Davon sind nur kleine Reste einer späteren Rekonstruktion unter Domitian erhalten. (Strocka 308)
(Die ausgeglichenen Grössenverhältnisse beider Teile entsprachen übrigens dem Wunsch nach Symmetrie und nicht etwa einem vergleichbar grossen Anteil lateinischer Literatur.) Beim Brand der Stadt im Jahre 80 wurde die Bibliothek mit ihren Beständen zerstört; dann von Domitian wieder aufgebaut; wir wissen auch, dass Marc Aurel sie 144 benutzte. Sie nahm 191 bei einem erneuten Brand wieder Schaden und verschwand wohl 363, als die Tempelanlage einem Grossfeuer zum Opfer fiel.
Diese Sammlung - auch nach ihrem Standort Biblioteca Palatina genannt - scheint nicht so ehrgeizige Ziele gehabt zu haben wie diejenigen in Alexandrien oder in Pergamon: Aufgrund der spärlichen Angaben, die wir über sie haben, verfolgte sie nicht das Ziel einer "Reichsbibliothek" mit umfassender Sammelaufgabe.
Die zweite von Augustus gegründete Bibliothek befand sich neben der Säulenhalle, dem porticus Octaviae, die er zu Ehren seiner Schwester Octavia auf dem Marsfeld errichten liess. Diese Bibliothek muss nach 23 v. Chr. eingeweiht worden sein. Archäologische Spuren sind nicht erhalten. (Fehrle 62-65)
Es sollen hier nicht alle Gründungen, so weit sie überhaupt bekannt sind, aufgezählt werden; nur noch diese knappen Hinweise:
Etwa 114 weihte Kaiser Trajan eine der berühmtesten Bibliotheken des Altertums ein, die Bibliotheca Ulpia. Sie wurde vor allem von Schülern benutzt und war ebenfalls zweigeteilt: für lateinische und für griechische Werke. Situiert auf dem Trajansforum, existierte sie noch 455. Ihre Ruinen sind ausgegraben.
Insgesamt sollen auf dem Höhepunkt im 4. Jahrhundert 28 öffentliche Bibliotheken bestanden haben. Ihre Leitung hatte ein procurator bibliothecarum inne, dem alle bibliothecarii verantwortlich waren (Leiter der einzelnen Bibliotheken).
Dieser Titel taucht allerdings erst unter Kaiser Claudius erstmals auf. (Fehrle 82)
Ein Beispiel sei besonders erwähnt, auch wenn es mit 1700 Papyrus-Rollen vergleichsweise bescheiden ist: In Herculaneum ist man bei Grabungen schon im frühen 18. Jh. auf die Überreste einer - vermutlich privaten - Bibliothek in einer Villa gestossen, die im August 79 durch den Vesuv-Ausbruch mit Asche verschüttet wurde.
Da fast ausschliesslich griechische Texte gefunden wurden, handelt es sich möglicherweise nur um eine von zwei Schwesterbibliotheken.
Der eigentliche Bibliotheksraum mit den Rollen, die auf Gestellen den Wänden entlang und in der Mitte gelagert waren, umfasst nur etwa 4x4m, doch liegt daneben ein Peristyl. (Harris, 64) Die kleine Bibliothek war reich mit Skulpturen geschmückt. (Sie ist heute nicht mehr zugänglich, wir haben nur Beschreibungen, namentlich von Winkelmann.) (Strocka, 299)
Frühe christliche Bibliotheken
Als mögliches christliches Buchgut kommt grundsätzlich einerseits das jüdische Schrifttum in Frage, das die Christen ja - umgedeutet - auch für sich beanspruchten, und andrerseits neue genuin christliche Schriften. Dazu kommt mehr formales Schriftgut wie Listen von Bischöfen, Diakonen, Bedürftigen, dann aber auch Festkalender, Synodalbeschlüsse, Briefe und chronikähnliches Material sowie Märtyrererakten.
Dies gilt übrigens nicht nur für die Bewegung, die später zur katholischen Kirche wurde, sondern auch für alle anderen konkurrierenden christlichen Strömungen, etwa die Manichäer, Montanisten, Arianer (später) oder die Anhänger Marcions.
Im 3. Jh. hatte wohl jede grössere Gemeinde ihre Schriftsammlung.
Diese sind aber weitgehend in den grossen Verfolgungen untergegangen, die unter Diokletetian 303 einsetzten. (Milkau 128-130)
Anfänge christlicher Studienbibliotheken sind urkundlich bezeugt namentlich für Jerusalem (212 angelegt durch Bischof Alexander) und - noch wichtiger - Cäsarea, die Origenes anlegte und von 231 bis ca. 253 nutzte. Laut Isidor von Sevilla soll sie 30'000 Rollen umfasst haben. Noch 386 soll sie Hieronymus genutzt haben. Über ihr weiteres Schicksal haben wir keine Kenntnis.
Bei dieser Sammlung in Cäsarea handelt es sich um eine Parallelerscheinung zum Museion in Alexandria. Ging es dort um die möglichst vollständige und korrekte Tradierung der griechischen und hellenistischen Literatur, so übernahm Cäsarea die gleiche Verpflichtung für das christliche Schriftgut. Mit Hilfe einer Schreibschule wurden korrigierte Textausgaben verbreitet. Dies galt für die frühen Kirchenväter wie die neutestamentlichen Schriften.
In der Mitte des 4. Jhs. schrieb man die Rollen auf Codices um. (Milkau 131-133)
Da ich das christliche Bibliothekswesen im Kapitel über das Mittelalter behandle, gebe ich hier nur noch einige Stichworte über die entsprechenden Institutionen in der Antike:
Die Zulassung des christlichen Kults 313 führte zu einem Neuaufbau, der sich an einzelnen Beispielen im Osten wie im Westen des Reiches belegen lässt. Dies gilt für Sammlungen, die den kirchlichen Zentren angeschlossen waren, wie auch für private Bibliotheken und dann natürlich solche in Klöstern (bei diesen natürlich zuerst im Osten), wo auch von Anfang an das Abschreiben von Büchern gepflegt wurde, auch wenn asketische Bewegungen diese Tätigkeiten phasenweise zurückdrängten.
Die Verlagerung des Reichszentrums nach Byzanz hatte zur Folge, dass dort die Bibliotheken verbessert wurden. Constantius soll die erste öffentliche Bibliothek errichtet haben, nachdem er Alleinherrscher geworden war (353). Und aus der Zeit von Valens (372) gibt es eine Anweisung, wonach in der Bibliothek sieben "antiquarii" (vier für griechische Literatur, drei für lateinische) und eine grössere Zahl an Hilfskräften anzustellen seien.
Die Bibliothek mit ihren 120'000 Bänden (mehrheitlich Codices) wird zwischen 475 und 477 ein Raub der Flammen aber später wieder neu aufgebaut. (Milkau 133-139)