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Universitätsbibliothek Bern

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Übergang von der Antike zum Mittelalter

Verhältnismässig viel ist über diesen Übergang geschrieben und noch fast mehr gemutmasst worden.

Tendenziell spricht die ältere Literatur gerne von einer "dunklen Zeit" im Sinne eines Niedergangs der Schrift- und Buchkultur - und damit natürlich auch der Bibliotheken. Die Spätantike würde danach ein "von Kriegen ausgefülltes geistiges Vakuum" darstellen, aus dem erst die karolingische Renaissance wieder hinausgeführt hätte (Buzás 2). Selbst ein neues Standardwerk wie die "Histoire des bibliothèques françaises" kommt 1989 zum Schluss: "Les bibliothèques médiévales sont une création ex nihilo." (S. XXI). Das kann man in dieser absoluten Form nicht gelten lassen. Die Aussage ist höchstens in dem Sinne richtig, dass die uns bekannten Bibliotheken (als Institutionen) aus der Antike keine Kontinuität ins Mittelalter haben; in bezug auf das Bildungs- und Bibliotheksgut dagegen gibt es eine Tradierung, auch wenn die Überlieferung des antiken Wissens eingeschränkt ist.

Die neuere Forschung betont denn auch die Kontinuität. Die "heidnischen" Grammatiker- und Rhetorenschulen seien zwar langsam verlöscht, aber durch Persönlichkeiten wie Ambrosius (Bischof von Mailand +397) oder Sidonius Apollinaris (+um 479), Boethius (+um 524), Cassiodor (+um 583) und natürlich Isidor von Sevilla (+636) sei das antike Erbe v.a. an Höfen von Bischöfen weiter tradiert worden.

Wenn wir überhaupt den Ausdruck "dunkle Epoche" gebrauchen dürfen, dann in dem Sinne, dass die Quellenlage in dieser Phase sehr schlecht ist, oder wie schon gesagt wurde: "Das Vakuum besteht nicht in der Geschichte, sondern in der Geschichtsschreibung." (Buzás 3)

Um nur ein bezeichnendes Beispiel aus unserem Zusammenhang zu nennen: Wir haben während rund 350 Jahren von der letzten uns bekannten Gründung einer öffentlichen Bibliothek in Rom unter Kaiser Alexander Severus (+235) und der Klostergründung von Cassiodor (+ um 583) keine Kunde über eine Bibliotheksgründung. (Buzás 1)

Unbestritten ist aber grundsätzlich ein Rückgang des Bildungsangebots. Dafür werden in unterschiedlichem Masse zwei Gruppen von Faktoren angeführt, von denen der erste vielleicht zunächst überraschen mag:

  1. die Einführung des Christentums, das 381 zur Staatsreligion wird, nachdem es 313 durch Kaiser Konstantin als Kult im Römischen Reich zugelassen wird;
  2. ein grundsätzlicher starker Rückgang der Literalität durch den Vorstoss germanisch-heidnischer Bevölkerungsstämme.

Bedeutung des frühen Christentums

Und hier vorweg ein Punkt, der sich seltsamerweise in der Literatur kaum niedergeschlagen hat:

  • Die Parusieverzögerung: Damit bezeichnen die Theologen die Erwartungsenttäuschung der ersten Generation von Christen, die das Wiederkommen von Christus, bzw. die Errichtung des Gottesreiches unmittelbar erwartet haben, wie dies auch einem Dictum ihres Meisters entsprochen hätte (es gibt noch weitere): "Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken bis sie sehen das Reich Gottes kommen mit Kraft." (Markus 9,1) Dementsprechend spät setzt denn auch die Niederschrift der Evangelien zwischen 70 und 100 ein, also mindestens eine volle Generation nach dem Tod Christi etwa im Jahr 33.
  • Damit ist auch schon angedeutet, dass das Christentum nicht einfach von Anfang an eine Buchreligion war. - Auch dies ein Punkt, der zu wenig gewürdigt wird. Dies gilt um so mehr, als am Anfang die wachsende Anhängerzahl dieses Kults - der lediglich einer unter vielen war - der Grundschicht angehörte.
    (Man muss allerdings ebenso festhalten, dass das Christentum in sich selber auch den Keim zu einer ausgesprochenen Schriftlichkeit trug, indem Apologien verfasst, Lehrstreitigkeiten ausgetragen und Kommentare geschrieben wurden.)
  • Nach 391 werden die übrigen Kulte, die wir nun als "heidnisch" bezeichnen, verboten, ihre Tempel geschlossen und damit auch die in vielen Fällen damit verbundenen öffentlichen Bibliotheken. (Thompson, 10)

James Westfall Thompson (S. 11) geht in seinem Klassiker von 1939, "The Medieval Library", sogar so weit, bei den ersten Christen in dem Sinne von Fanatismus zu sprechen, als sie alles Heidnische - und dazu gehörten auch die Werke der antiken Schriftsteller - auszurotten versucht hätten.

(Unsere Kenntnis der griechisch-römischen Literatur beruht ja in einem höheren Masse auf der Wiederentdeckung durch die Renaissance, den Humanismus und z.T. der Reformatoren.)

Das Christentum bedeutete für Jahrhunderte eine Einengung der Wissenschaften, die sich nur langsam aus der Bevormundung durch die Kirche emanzipieren konnten.

Es entsteht nun ein christlicher Literaturkanon, der sich streng von der weltlichen Literatur abgrenzt. Nur ausgewählte profane Texte werden überliefert und dienen etwa noch in den Schulen dem Lese- und Schreibunterricht (Jochum 50). - Diese Trennung wirkt sich aus bis hin zur Aufstellungsordnung in den mittelalterlichen Klosterbibliotheken.

Vielleicht kann man sogar so weit gehen wie Uwe Jochum (S. 49), der etwas gar pointiert schreibt: "Ziel der griechischen und der römischen Bildung war es, den jungen Bürger für das Gemeinwesen zu bilden; Ziel der christlichen Bildung war ... jedoch die Vorbereitung auf das Leben nach dem Tode, so dass an die Stelle der antiken polis, bzw. res publica nun die christliche Innerlichkeit trat. Dieses Ideal wurde ab dem 4. Jh. n. Chr. von einem genuin christlichen Schultyp verbreitet: den Klosterschulen."

  • Im Vergleich zur klassischen griechischen Ausbildung reduzierte sich das Lernen im Mittelalter auf pedantisches Zitieren aus einem relativ beschränkten Kanon von Schriften.
  • Das Christentum hatte von Anfang an eine Vorliebe für die Codex-Form des Buches. Ein rein formales Element, das aber grosse Wirkung hatte. Es kommt v.a. im 3. und 4. Jh. zu einer eigentlichen Kulturausscheidung, indem nur die dem Christentum genehme profane Literatur umgeschrieben und damit tradiert wird und der Rest, sofern er nicht in Rollenform bis in unsere Tage erhalten blieb, und das ist sehr wenig, der Vergessenheit und dem Zerfall anheimgestellt wurde. Dieser Prozess ist in der Fachwelt kontrovers besprochen worden. Sicher scheint immerhin zu sein, was Uwe Jochum zusammenfasst, "dass der Kodex eine neue Haltung des Christentums zur überlieferten Literatur zum Ausdruck brachte und als eine Art Unterscheidungsmerkmal zwischen heidnischen Texten, die auf Papyrusrollen geschrieben waren, und der neuen christlichen Literatur, die in Pergamentkodizes festgehalten wurde, diente."

Zur gleichen Zeit übrigens findet in der westlichen Welt nun der definitive Übergang zum Pergament statt. (Jochum 52f) Für die stark geschrumpfte Literaturproduktion genügt dieses im Vergleich zu Papyrus zwar teurere, aber haltbarere Material.

  • Ein weiterer Punkt führt uns aber auch an die Grenzen der "Verantwortung" des Christentums für das Versinken der klassischen Literatur: das Verschwinden des Griechischen im westlichen Reich als Gelehrtensprache. Der Apostel Paulus schrieb seinen Brief an die Römer im Jahre 57/58 in einer zweisprachigen, dh. lateinisch/griechischen Welt, noch ganz selbstverständlich in griechischer Sprache. - Papst Gregor der Grosse, der um 600 wirkte, konnte aber bereits überhaupt kein Griechisch mehr.

Von dieser Entwicklung war das gesamte ehemalige Weströmische Reich betroffen, dies hatte nicht grundsätzlich mit dem Christentum zu tun. (Thompson 12)

Alles in allem ein Ablauf, den man wohl gut mit Ladislaus Buzás als "langsamen Versickerungsprozess des antiken Geisteslebens unter dem Einfluss der aufsteigenden christlichen Literatur seit dem 2. Jh." bezeichnen kann.

Der Rückgang der Literalität als Folge der Überlagerung der römischen Zivilisation durch andere Völker

Die langsame Schwächung der Zentralgewalt des römischen Reiches führte zur Reichsteilung (340) und zum Vorrücken der Germanen bis ins römische Kernland (455 Plünderung Roms durch die Vandalen, 493 Schaffung des Ostgotenreichs in Italien unter Theoderich).

Diese "Dekomposition der alten Welt" beinhaltete u.a. die folgenden Elemente, die ich nur in Stichworten erwähne:
- Enturbanisierung
- Niedergang der Verkehrswege
- Ausbildung von Nationalsprachen und Rückgang der Kenntnisse des klassischen Lateins
- Rückgang der Schriftlichkeit (Jochum 54)

Dabei handelt es sich - gerade in unserer Gegend - um einen langsamen Prozess, der je nach Reichsteil unterschiedlich verlaufen ist. So überlebten in Italien die städtischen Schulen - wenn auch in geringerer Zahl - bis in die Zeit Karls des Grossen (800), und Lesefähigkeit ist auch unter Laien zu finden. Nördlich der Alpen dagegen war die Vermittlung dieser Fähigkeit einzig in kirchlichen Institutionen zu finden; die Laien sind praktisch immer Analphabeten. (Jochum 54)

Dort, wo das Christentum aber stark ausgedünnt wurde, wie in der Westschweiz, oder ganz verschwand, wie bis auf wenige Stützpunkte (z.B. Arbon, Rhätien) auf dem Gebiet der östlichen Schweiz, war natürlich diese Tradition gebrochen.

Wichtigste frühmittelalterliche Bibliotheken im Übergang zwischen antiker und christlicher Kultur

Vivarium (Squillace in Kalabrien)

Gründer: Cassiodor (ca. 485 - 578), ehemaliger Minister Theoderichs des Grossen, wird am Ende der Gotenherrschaft um 540 Mönch und gründet um 555 das Kloster Vivarium mit besonderer Wertschätzung der wissenschaftlichen Arbeit. Er sammelte nicht nur die Literatur von Kirchenvätern, sondern auch von Dichtern, Rhetorikern, Philosophen, und übersetzte diese soweit sie griechisch waren ins Latein. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen war bei ihm "heidnisches" und christliches Literaturgut kein Gegensatz. (Thompson 37)

Hauptwerk: Institutiones Divinarum et Saecularium Literarum beschreibt Abschreiben und Textkritik von biblischen, patristischen und profanen Texten.

Der in Florenz aufbewahrte Codex Amiatinus aus dem 10. Jahrhundert geht möglicherweise auf eine Vorlage aus der Zeit Cassiodors zurück (es handelt sich um eine wichtige, sehr frühe bildliche Darstellung eines Schreibers und der Buchaufbewahrung). (Schmitz 14, Thompson 37)

Monte Cassino (zwischen Rom und Neapel)

529 gegründet von Benedikt v. Nursia (480-546).

Von Benedikt selber ist in der Regel keine Bibliothek vorgesehen. Bildung spielt überhaupt keine grosse Rolle. Immerhin Lektüre zur Erbauung wird gepflegt.

Den "wissenschaftlichen Charakter" bekamen die Benediktiner erst in der Zeit der ersten Verbannung. (Das Kloster weist eine mehrfach gebrochene Tradition auf und wurde nicht erst während den heftigen Kämpfen im 2. Weltkrieg zerstört.)

Übrigens 529 = Ende der Athener Akademie!

Die besondere (doppelte) Bedeutung Spaniens für das Buch- und Bibliothekswesen

- Im Frühmittelalter bedeutende Buchkultur, wobei allerdings als Folge des Kampfes gegen den Arianismus die westgotischen Literaturdenkmäler zerstört werden. Spanien ist zusammen mit Frankreich im 6. und 7. Jh. Italien in bezug auf die Literurproduktion überlegen. (Thompson 26)

Wichtigster Vertreter Isidor von Sevilla (Bischof) 560-636. Das 6. Buch seiner Realenzyklopädie (Originum seu etymologiarum libri XX) enthält eine umfassende Darstellung des Buch- und Bibliothekswesens des Altertums: de libris et officiis ecclesiasticis. Voraussetzung dazu: eine grosse eigene Bibliothek. Er listet 154 antike Autoren (christliche und andere) auf. Viele antike Texte sind uns nur noch dem Namen nach dank Isidor bekannt. Sein Werk war wichtiger Bestandteil vieler Dom- und Klosterbibliotheken.

In seiner Regel gelten die Codices als heilige Gegenstände, die vom Sakristan verwaltet werden. (Man beachte den unterschiedlichen Charakter des Buches hier und in Griechenland!) "Dieser verwaltet die Bücher in der Bibliothek (armarium) und leitet die Mönche in der Schreibstube (scriptorium) an. Eine besondere Zeremonie bei der Amtseinführung spiegelt die hohe Bedeutung des Amtes." (Schmitz 15)

Nur noch als Hinweis:

711-732 (Tours/Poitiers) Eroberung Spaniens durch Araber -> bis1492 arabisch-abendländischer Kulturaustausch, durch Übersetzungs- und Abschreibetätigkeit. (Schmitz 15, Thompson 28)

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