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Universitätsbibliothek Bern

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Auswirkungen der Französischen Revolution auf das Bibliothekswesen

a) in Frankreich (v.a. Histoire 9-26; Handbuch 710ff)

Die Revolution hat im Bibliothekswesen Frankreichs wie auch in anderen Ländern bis heute Spuren hinterlassen. Ich konzentriere mich dabei auf Frankreich selber und erwähne nur noch am Schluss kurz einige Beispiele im übrigen Europa.

Die neuen Machthaber in Paris veranlassten Konfiskationen, die in drei Schüben unterschiedliche Bevölkerungsgruppen betrafen:

Im November 1798 beschlagnahmte man die Güter des Klerus. (Sie sollten nicht zuletzt die leeren Staatskassen wieder auffüllen.) Ein fast unermesslicher Schatz an beweglichen und unbeweglichen Gütern kam damit in den Besitz des revolutionären Staates, der sie ab Mai 1790 weiterverkaufte.

Die zweite Konfiskationswelle betraf (aufgrund von Dekreten vom November 1791 und Februar 1792) die Güter der Emigranten, die bis zum Januar 1792 nicht nach Frankreich zurückgekehrt waren.

Die dritte Konfiskation vom August 1793 richtete sich gegen die Universitäten, Lesegesellschaften, Akademien und Korporationen.

(In Paris sollten sich übrigens in der Folge nur einige der grossen Bibliotheken, nämlich die Bibliothèque Nationale, Mazarine, Arsenal und, als einzige geistliche Bibliothek, die Ste. Geneviève, dem nun folgenden Auflösungsprozess entziehen.)

Auf die Bücher hatte man es in diesem Prozess natürlich nicht abgesehen, es ging um ganz andere Werte und Anliegen. So wurden die Bibliotheken in den Debatten um die Enteignung des ersten Standes (des Klerus) 1789 z.B. überhaupt nie erwähnt! Und man sah sich eher überrascht im Besitze eines gewaltigen Kulturguts. (Histoire 9f)

In dieser Situation entschieden sich die Revolutionäre für eine hinhaltende Lösung: Der neue Schatz sollte vorerst einmal inventarisiert werden. (Dekret vom 13. Okt. 1790. Bis 1796 wurden übrigens nicht weniger als 20 Dekrete in Bibliotheksangelegenheiten erlassen!)

Ad-hoc-Kommissionen erstellten in Paris und in den Departementen Inventare; während dies in der Hauptstadt noch einigermassen möglich war, so fehlte in der Provinz in vielen Fällen dazu schlicht fähiges Personal, und es kam zu grotesken Fällen, die sich in den Akten niedergeschlagen haben; v.a. dann, wenn beim Inventarisieren die Titel einem Schreiber diktiert wurden ("les deux terres honomes" für "Deutéronome"). (Histoire 10)

Anschliessend versiegelte man die Bibliotheksräume bis zu ihrem Abtransport in sogenannte dépôts littéraires, die überall im Lande angelegt wurden. (Was übrigens nicht ausschloss, dass Bestände von den ehemaligen Besitzern noch rechtzeitig entfernt wurden.)

Der Abtransport geschah meist unmittelbar nach dem Verkauf eines Anwesens. (Historie12) Wie es dabei zu- und hergehen konnte, bezeugt der gewissenhafte Bürger Bévalet, der verantwortlich war für das Depot von Belfort, in einem Brief an den Präfekten des Departements Haut-Rhin (Histoire 14, Übersetzt durch Hansruedi Baer):
"Um Ihnen, Herr Präfekt, einen Begriff zu geben: Stellen Sie sich einen unförmigen Haufen von über 10'000 Bänden jeglichen Formats vor, in Behältern und durcheinander mitten in einen leeren Saal geworfen, ohne Hilfe, die mir die Durchsicht erleichtert hätte. Stellen Sie sich vor, dass die Hälfte oder mehr dieser Bücher unter strömendem Regen in offenen Kohlewagen aus den früheren Klöstern der Kapuziner und Franziskaner in Thann zu mir kamen: ohne Ordnung aufeinandergehäuft, fast ganz durchnässt und einen widerlichen Geruch ausstrahlend. Ich habe sie nur vor totaler Fäulnis bewahren können, indem ich sie mit Mühe und ebensoviel Empfindung von Ekel auf Reisigbündeln ausbreitete, sie hundertmal wendete, dann unter Steine presste, um ihnen ihre ursprüngliche Form zurückzugeben. Es brauchte mehrere Monate Arbeit mitten in diesem Gestank, um sie zu trocknen. Die Mehrzahl dieser Bücher waren vielleicht mehr als hundert Jahre nie geöffnet worden und verbreiteten so einen giftigen Geruch, der mich oft zwang, den Raum zu verlassen, und dessen lebensgefährliche Wirkung mir lange zu schaffen machte: man musste mich mehrmals bewusstlos oder unter grausamen Koliken nach Hause bringen ...

Erst nach Beendigung dieser gefährlichen Vorarbeiten konnte ich daran denken, einen Katalog zu erstellen. Aber wie sollte ich die zerstreuten Bände in Ordnung zusammenbringen, die da zufällig auf einen Haufen geworfen waren, mehr als sechs Fuss hoch?

Diese Arbeit beanspruchte mich an die acht Monate sieben bis acht Stunden am Tag. Einige Werke waren erst nach vier Monaten vollständig beisammen. Ohne jegliche Bequemlichkeiten, da ja keine Behörde in diesen unglücklichen Zeiten etwas dafür aufzuwenden bereit war, musste ich bei jedem Werk, dessen Teile zusammengestellt werden sollten, zweitausend widerliche Bücher in die Hand nehmen, um den gesuchten Band zu finden..."

Das letzte dépôt littéraire wurde in Paris 1811 geschlossen, was bedeutet, dass diese Institution eine rund zwanzigjährige Geschichte kennen sollte. Was wurde damit bezweckt? Die Depots sollten eine Art Überganslager darstellen, die neue öffentliche Bibliotheken in sämtlichen 545 Distrikten (sic) des Landes alimentieren sollten. (Dekret vom 27. Jan. 1794). Die Bücher (und z.T. auch Kunstobjekte) wollte man darin nach ihrer Provenienz einlagern. (Histoire 14)

Es muss aber zu zahlreichen Unregelmässigkeiten gekommen sein, da viele Depots nicht ausreichend überwacht waren. Bücher wurden vor allem zu Beginn, vor dem Dekret vom 10. Okt. 1792, in Massen nach Gewicht verkauft etc. Zudem bediente sich eine Vielzahl von Interessenten aus den Depots.

Die Lage wurde insofern noch unüberschaubarer, als auch die Bibliotheken, die von den Depots Bestände übernahmen, ihrerseits wieder "Doubletten" veräusserten und selbständig eine Rückgabepolitik an zurückgekehrte Emigranten betrieben. (Histoire 17)

Angesichts der schon beschriebenen wenig erfolgreichen Bestandesaufnahmen wird es nie möglich sein, den Gesamtbestand der konfiszierten Bücher genau zu kennen. Eine erste unvollständige Zusammenstellung allein der requirierten kirchlichen Bestände ergab im Februar 1791 4,2 Mio. Bücher und 26'000 Manuskripte. (Histoire 18)

Es ist schon geschätzt worden, dass insgesamt 12 Mio. Bände aus 1100 Bibliotheken die Besitzer wechselten, in Paris allein etwa 1,8 Mio. Bände. (Handbuch 714)

Einige umfassende Neuerungen wie ein französischer Gesamtkatalog und die Selektionierung in "gute" und "schlechte" Bücher mussten wegen der Grösse der Aufgabe aufgegeben werden.

"Das Schicksal der dépots littéraires war lokal verschieden. Allen gemeinsam ist aber die schliessliche Auflösung und der Übergang eines Teiles ihrer Bestände in neue oder bereits bestehende Bibliotheken. Sie wurden so zu grossen Verteilungskanälen." (Handbuch 714)

Zur Auflösung der Depots nur noch einige Stichworte:

  • Teilrestitution an Rehabilitierte und die Kirche (unter Napoleon I.)
  • Abgabe an Pariser Bibliotheken, wobei die Bibliothèque Nationale das Vorrecht hatte. Der damalige Leiter, Van Praet, machte intensiven Gebrauch davon und erwarb 250'000-300'000 Bände, womit sich der Bestand der Bibliothèque Nationale verdoppelte.
  • Aufbau zahlreicher Behörden- und Unterrichtsbibliotheken
  • Verkauf nach Gewicht der "livres inutiles de liturgie et de dévotion"
  • In der Provinz allgemein weniger geordnete Zustände als in Paris und deshalb noch häufiger Verschleppung und Verschleuderung grosser Bestände.

Der gewaltige Bücherzuwachs hinterliess übrigens in der Bibliothèque Nationale ein Chaos und Malaise, das bis ca. 1860 dauern sollte. Es müssen damals Berge von unbearbeiteten Büchern herumgelegen sein, deren Katalogisierung nur langsam voranschritt. Erst eine Kommission unter Prosper Merimée und die Bibliotheksleitung unter Tascherau 1858-74 brachten wieder Ruhe.

b) in den besetzten Ländern

In den bis 1815 vorübergehend von französischen Truppen besetzten Gebieten kam es zu sehr gezielten Requisitionen, für die eigentliche Spezialistenteams ausgesandt wurden, nachdem man zuvor gedruckte Bibliothekskataloge ausgewertet hatte.

(Nach dem Wiener Kongress kamen diese Bestände, wenn überhaupt, nur noch unvollständig in ihre Ursprungsländer zurück.)

Es lassen sich 5 Phasen von solchen Raubzügen rekonstruieren:

  • 1794-95 im Benelux-Gebiet und in den linksrheinischen Territorien des Deutschen Reiches
  • 1796-98 in Italien
  • 1800-1801 Süddeutschland und die Region von Salzburg
  • 1806 Norddeutschland
  • 1809 der Rest von Österreich.

Die ausgewählten Bücher wurden auf Karren oder sogar auf Schiffen nach Paris transportiert, was z.T. sehr viel Zeit in Anspruch nahm. So weiss man z.B., dass die im Vatikan geraubten Manuskripte und Kunstgegenstände rund ein Jahr unterwegs waren. Ihre Ankunft war übrigens Anlass zu einer grossen zweitägigen Zeremonie in Paris.

Gegen diese Praxis sollen sich in Frankreich kaum Stimmen erhoben haben. Man empfand das keineswegs als Plünderungen, wie sie von erobernden Truppen üblich sind, sondern man wollte in der Hauptstadt Paris definitiv die schönsten Kunstobjekte aufstellen, die man despotischen Herrschern entrissen hatte, um sie der Forscherwelt und dem Publikum zur Verfügung zu stellen.

Und selbst noch der 1991 erschienene Band 3 der Histoire des bibliothèques françaises (S. 18) beschreibt diesen Tatbestand ziemlich beschönigend (in Übersetzung): "Die nationalen Sammlungen wuchsen auch dank Beschlagnahmungen ausserhalb Frankreichs, in den Ländern, die als Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen vorübergehend besetzt waren oder Frankreich unterstanden. Das Vorgehen hatte nichts sehr Neues an sich, da es von allen Armeen schon früher und nachher angewandt wurde. Diese Kriegsbeuten waren im übrigen nicht nur eine Erscheinung der Revolutionszeit, sondern wurden während der napoleonischen Herrschaft bis 1815 weitergeführt und vervollständigt." (Diese Praxis galt übrigens noch in höherem Masse für andere Kulturgüter.)

Unsere Stadtbibliothek Bern - die heutige ZB der UB - entging nur knapp dem Zugriff der Franzosen, bzw. dem Abtransport nach Paris zur Bibliothèque Nationale:

Am 5. März 1798 war sie versiegelt worden, und ein Verzeichnis ihrer Bestände wurde nach Paris zur BN gesandt. Eine - in anderer Mission - am 7. März nach Paris gesandte Berner Delegation hat sich wohl auch für die 30'000 Bände und die 1200 Handschriften eingesetzt. Die Erfolgschancen waren um so grösser, als ihr Philipp Anton Stapfer angehörte, der bei dieser Gelegenheit von seiner Ernennung zum Minister der Wissenschaft und Künste erfuhr. Mitte August wurde die Bibliothek der Stadt (sic) Bern zurückgegeben. (Michel 307; Histoire 18-26)

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