Universitätsbibliothek Bern |

Ähnlich wie bei der Reformation hat auch bei der Aufklärung das Buch eine wichtige Rolle gespielt. Mit dieser geistigen Bewegung verbinden sich sogar neue Publikationsformen. (Enzyklopädien und wissenschaftliche Zeitschriften wurden bereits oben genannt. Für die Aufklärung ist auch noch der Essay wichtig.)
Heisst das, dass die Bibliotheken die Aufklärung getragen haben?
Für die Sammlungen der Hochschulen ist die Situation klar: "Keine deutsche Universitätsbibliothek war im achtzehnten Jahrhundert in dem Sinne eine 'Aufklärungsbibliothek', dass von ihr aus das Schrifttum der Aufklärung in signifikanter Weise auf die Epoche gewirkt hätte." Und ähnliches scheint auch für Oxford und Cambridge zu gelten. (B. Fabian in: Bibl. u. Aufklärung 3-5)
Die Hofbibliotheken werden gerne in einen Zusammenhang mit der Aufklärung gestellt, weil sie sich in dieser Zeit tendenziell öffneten und über die Mitglieder des Hofes hinaus einem weiteren Publikum den Zutritt erlaubten. Doch selbst "wenn die Öffnung aufklärerischen Motiven entsprang, wurden diese Bibliotheken damit nicht automatisch zu Zentren der Aufklärung." Auswertungen der Ausleihbücher haben nämlich ergeben, dass das neue Publikum mehrheitlich Unterhaltungslektüre suchte.
"Ausbau und Öffnung von bedeutenden Bibliotheken im mittleren und späten achtzehnten Jahrhundert erfolgten vonehmlich und oft ausschliesslich unter den Prämissen der Gelehrsamkeit. Lessings Lob der Wolfenbütteler Bibliothek galt nicht ihrer aufklärerischen Wirkung, sondern ihren Beiträgen zur Vermehrung des Wissens. Was sich in Deutschland (und auch in einigen anderen Ländern) neu um Hofbibliotheken und andere hervorragende Sammlungen herum konstitituierte, waren nicht Aufklärungsgesellschaften, sondern Akademien. Ihre Begründer versprachen sich von diesen Akademien gelehrte Leistungen, nicht jedoch eine allgemeine Verbreitung von 'aufklärendem' Gedankengut. Akademien sollten das Prestige ihrer Gründer fördern und dem Land ihrers Sitzes verwertbare Erkenntnisse einbringen." (Bernhard Fabian in: Bibl. u. Aufklärung 6,16)
Nach meiner Einschätzung sind auch die Stadtbibliotheken kaum Träger der Aufklärung, zumal sie in ihrer Benutzung restriktiv bleiben und eine konservative Anschaffungspolitik haben - sofern sie überhaupt in der Lage sind, aktuelle Literatur anzuschaffen, d.h. über einen regelmässigen Anschaffungskredit verfügen.
Es sind vielmehr - modern gesprochen - "neue Informationszentren", die diese Rolle übernehmen: "coffee houses" in England, "cafés littéraires" in Frankreich, politisch/literarische Lesezirkel im deutschsprachigen Raum. In der Schweiz blühten diese Institutionen gerade in grösseren Orten der Landschaft auf, etwa in den Seegemeinden am Zürichsee, wo auch französische Zeitschriften in Umlauf gesetzt wurden. Selbstverständlich waren diese Institutionen von der Obrigkeit nicht gerne gesehen, da sie sich zu Zellen des Widerstands gegen die Spitzen des Ancien Régime entwickeln konnten.