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Die Rolle des Fürsten (Motivation)
Erste bedeutende Sammlerpersönlichkeiten und Sammlerdynastien finden wir in Frankreich und Italien im 14. und 15. Jh., etwa bei den Medici in Florenz, am burgundischen Hof (Buchübergabe) oder beim dafür besonders berühmten Jean Duc de Berry (1340 - 1416). Objekte sind namentlich Gemälde, Bücher und Medaillen. Meist ist diese Leidenschaft begleitet von Mäzenatentum.
Nördlich der Alpen (abgesehen von Frankreich) ist die Bibliophilie etwas neueren Datums; hier kommen bedeutende Sammlungen in der Zeit zwischen der Mitte des 16. und dem Anfang des 18. Jhs. zusammen. Im Zeitalter des Barock zeichnet sich eine besonders ausgeprägte Sammelleidenschaft ab. (Barocke Sammellust 9)
Da es sich in vielen Fällen um dynastische Sammlungen handelte, überdauerten sie oft mehrere Generationen und sind auch in der Aufklärung, mit der wir uns hier hauptsächlich beschäftigen, noch bedeutend.
Welches waren nun die Motive zu solchem Tun?
Werner Arnold hat Besitzer, Zusammensetzung und Zweck einer Hofbibliothek aus der Aufklärungszeit folgendermassen knapp zusammengefasst: "Der Fürst als Anhänger der Aufklärung schöpft moralische Kraft und intellektuelle Einsicht aus einer gut mit neuerer Literatur ausgestatteten Bibliothek, deren Profil von den Humaniora, vor allem der Geschichtswissenschaft, geprägt ist. Die Sammlung ist europäisch ausgestattet, die meisten der Bücher sind in französischer Sprache gedruckt, während deutsche Literatur nur mit wenigen Beispielen vertreten ist. Die ordentliche Aufstellung und die in Leder gebundenen Bünde mit Goldverzierung bestimmen den optischen Eindruck." (Bibliothek und Aufklärung 42)
Es wäre jedoch falsch anzunehmen, jeder kleinere oder grössere Fürst hätte sich mit einer entsprechenden Sammlung geschmückt. So meinte Graf Ernst Christoph von Manteuffel (1676 - 1749): "Deutschland (...) wimmelt von Fürsten, von denen drei Viertheile kaum gesunden Menschenverstand haben und die Schmach und Geissel der Gesellschaft sind."
Auch wenn dieser Anteil etwas gar gross dargestellt ist, so gab es diese Fürsten durchaus, wie etwa Landgraf Friedrich II. von Hessen, dessen Bibliothek durch Fehlentscheide und Vernachlässigung unbrauchbar wurde. (Bibl. u. Aufklärung 52)
Ein Gegenbeispiel ist Friedrich der Grosse (1712 - 1786). Aus Selbstzeugnissen wissen wir von ihm, dass er nicht nur im Feldlager Ruhe und Trost bei seinen Büchern fand (z.B. bei den Tragödien von Lukrez, Seneca und Racine und bei Mark Aurel). Nach seinem Verständnis war es selbstverständlich, "dass ein Fürst Kenntnisse haben und seinen Geist durch das Studium bilden muss; ein unwissender Fürst spielt in der Welt und seinem Staat eine traurige Rolle". (Zitat aus einem Brief von Friedrich)
Wie bereits angetönt, bevorzugte er persönlich Werke der antiken und französischen Klassik. Ja, wir wissen sogar noch mehr: "Für die Ordnung innerhalb der Aufstellung sorgte Friedrich selbst. Die Bücher, mit denen er sich beschäftigen wollte, befanden sich separat auf einem Tisch, die bereits gelesenen lagen flach, die noch nicht gelesenen standen aufrecht." (Bibl. u. Aufklärung 57)
Ähnliches gilt für Ferdinand Albrecht aus dem Hause Braunschweig Lüneburg (1636 - 1687), der sich - allerdings als verhinderter Landesvater - auch wissenschaftlicher Arbeit hingab und sogar Mitglied der angesehenen Londoner Royal Society war. Über ihn schreibt der Biograph: "Wir finden Ferdinand Albrecht in der Regel allein in seiner Bibliothek. Zwar wurden gelegentlich Bedienstete des kleinen Hofstaats zu den Arbeiten an der Sammlung herangezogen, die wesentlichen bibliothekarischen Arbeiten aber lagen beim Herzog selbst. Auswahl, Kaufentscheidung, Vergabe der Buchbinderaufträge, Kennzeichnung und Aufstellung der Bücher. Einen Katalog scheint der Herzog allerdings nicht geführt zu haben." (Barocke Sammellust 15)
Es fehlt noch an Forschungsarbeiten, die uns in weiteren Fällen die persönliche Lektüre und das konkrete Interesse an der eigenen Bibliothek belegen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die von Zar Peter I. gegründete
Petersburger Akademie (erbaut zwischen 1718 und 1734). Ihre Bibliothek besass
von Anfang an den Auftrag, die geistige und wirtschaftliche Entwicklung des
Landes zu fördern. Der Zar stiftete dazu gleich seine privaten Bücher
- und die Naturaliensammlung. Er berief Gelehrte aus Westeuropa und machte die
Bibliothek zu einem Instrument, das allen Interessierten zugänglich war.
(Ein Massenzulauf war nicht zu fürchten, da im russischen Reich nur wenige
Prozent der Bevölkerung lesen konnten...)
Die Abhängigkeit von einzelnen Fürstenpersönlichkeiten barg die Gefahr mangelnder Kontinutität: Finanznöte oder Desinteresse konnten rasch zum Niedergang führen, wie es das Beispiel einer ganzen Reihe von Sammlungen zeigt; so etwa Wolfenbüttel, dessen Bibliothek rasch an Bedeutung verlor, als der Hof des Herzogs 1753 nach Braunschweig zog. (Bibl. u. Aufklärung 48)
(Zu: Wolfenbüttel, Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, mit Residenzen
in Wolfenbüttel, Braunschweig, Hannover:
Dieses Herzogtum weist eine längere bibliophile Tradition auf; es ist dann
aber vor allem Herzog August der Jüngere, 1579 - 1666, der in sechzig Jahren
Sammeltätigkeit bis zum Jahr 1661 den ausserordentlich grossen Bestand
von 116'351 Druckwerken in 28'415 Bänden und 2'003 Handschriften zusammentragen
sollte. Zum Vergleich: Die traditionsreiche Universität Marburg verfügte
einige Jahrzehnte später, 1713, über ganze 2247 Bände.
Neben ihren Beständen wurde die Sammlung vor allem durch das Wirken von Gottfried Wilhelm Leibniz (1676 - 1716 in Wolfenbüttel) und zwischen 1770 und 1781 und von Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781) und nicht zuletzt durch den ersten selbständigen Bibliotheksbau in der Neuzeit (1706 - 1710) berühmt. (Barocke Sammellust 13; Schmitz 84-86; Buzas 23f)
Den Stellenwert des Bibliothekswesens kann man auch an den Bauprogrammen von Fürsten des 17. und 18. Jhs. ablesen: Das Programm von Karl VI. von Habsburg aus dem Jahre 1711, also kurz nach seinem Regierungsantritt, war zusammengsetzt aus fünf Sparten:
Entsprechend dieser Reihenfolge war der Bau der Hofbibliothek in Wien das zweite Grosse Werk nach der Karl-Borromäus-Kirche.
Welche Bedeutung man dieser Sparte zumass lässt sich auch daran erkennen, dass in einer 1712 erschienenen Vita Karls festgehalten wird, dass sich der rechtmässige Herrscher vom Tyrannen dadurch unterscheide, dass er sich der Pflege der Wissenschaften widme. Auch in anderen Schriften im späten 17. Jh. wird der "Princeps philosophus" gelobt, der sich "in Entsprechung zum platonischen Ideal des Staates, an dessen Spitze die Philosophen und Gelehrten stehen sollen, - durch die Pflege der friedlichen "artes", der Künste des Friedens, als als Friedensfürst erweist." (Matsche 204)
Dabei spielt auch der Gedanke einer "translatio studii" mit einer Herleitung von den Griechen bis in die habsburgische Dynastie eine Rolle; sowie das duale Herrscherideal des Regenten in Krieg und Frieden nach dem Motto "armis et litteris / arte et marte / ex utroque Caesar". (Matsche 23)
Dieser Idee ist ein grosser Teil der malerischen Ausstattung der Hofbibliothek gewidmet, ja sie stellt ihr eigentliches Programm dar. (207)