Universitätsbibliothek Bern |

(vgl. v.a. Fuhlrott; Thompson 70-74)
Es war nicht ein wegweisender Bibliotheksbau, der eine weitere wichtige Zäsur setzte, sondern der Idealentwurf für ein Bibliotheksgebäude von einem relativ unbekannten Italiener, Leopoldo della Santa. In seinem Werk "Della Costruzione e del Regolamento di una pubblica universale biblioteca" aus dem Jahre 1816 schlug er programmatisch eine klare Dreiteilung in Benutzer-räume, Personalräume und Magazine vor, oder anders gesagt für das Lesen, das Bearbeiten und das Aufbewahren.
Sehr schön ersichtlich ist dieser Gedanke im Grundriss der alten Bibliothek von Freiburg im Br. (Milkau 101)
Diese Trennung sollte für Mitteleuropa fast 150 Jahre massgebend bleiben, für die angelsächsische und skandinavische Welt für rund 100 Jahre, und kam namentlich durch den Druck der immer grösseren Buchproduktion und des damit wachsenden Raumbedarfs zur Aufbewahrung zustande. - Diese Entwicklung ist nicht unproblematisch. Denn just zu dem Zeitpunkt, da sich Bibliotheken einem immer weiteren Publikum öffnen, verschliessen sie ihre Bestände und bevormunden z.T. ihre Benutzerinnen und Benutzer. Dies ist ausgesprochen in den allgemeinen öffentlichen Bibliotheken der Fall, aber auch in wissenschaftlichen Sammlungen, solange diese keine ausreichenden Findmittel, namentlich keine Sachkataloge haben.
Allerdings wahrte man trotz des massiven Anteils des Magazins meist bis ans Ende des 19. Jhs. den Schein eines in sich geschlossenen Prachtsgebäudes, indem man alle drei Teile in das historische Gewand eines antiken Tempels, eines Renaissance- oder Barock-Palastes oder in eine gotische Kathedrale verpackte. Erst verhältnismässig spät wagte man es, das Magazin als solches nach aussen in Erscheinung treten zu lassen, zuerst noch verschämt wie bei der Library of Congress (1897), wo man das Magazin nur aus der Vogelperspektive sehen kann. Uneingeschränkt architektonisch kommt die Trennung Benützung/ Verwaltung einerseits und Magazin andererseits bei der Universitätsbibliothek Freiburg zum Ausdruck (1898-1902).
Dass man lange Zeit an relativ grosszügigen Magazinen mit Fenstern festhielt, dürfte jedoch noch einen weiteren Grund gehabt haben, der in der Literatur kaum berücksichtigt wird: Solange man mit Gaslichtern hantieren musste, war es wenig ratsam, künstliches Licht in die Magazine zu bringen. Erst die elektrische Beleuchtung ergab diese Möglichkeit. - Wobei selbst diese Installation, z.B. in der Bibliothèque Nationale, noch lange Zeit grösste Bedenken hervorrief.
Einzelbeispiele im 19. Jahrhundert (vgl. auch Fuhlrott, 1981 und 1983; Thompson; Milkau)
Drei Beispiele, die Ste. Geneviève und die Bibliothèque Nationale, beide in Paris, sowie die Bibliothek des British Museum in London sollen im folgenden beigezogen werden, um die wichtigsten Trends des 19. Jhs. aufzuzeigen, bevor wir anschliessend einige ergänzende Nebenaspekte des 19. Jhs. behandeln.
Ste. Geneviève
Wenn wir diesen 1843-1850 entstandenen Raum ansehen, so wäre es durchaus
auch denkbar, dass hier rauchend und schnaubend ein von einer Dampflokomotive
gezogener Zug hereinrollen würde. M.a.W. die Architektur und v.a. die Materialien
erinnern uns an andere Typen von Zweckbauten. Der französische Architekt
Pierre-François-Henri Labrouste realisierte hier zum ersten Mal ein grosses
Bibliotheks-gebäude unter Verwendung eines eisernen Skeletts.
Die Trennung zwischen Magazin und Benutzerraum mit 600 Plätzen machte er vertikal, indem er den Bücherspeicher ins Untergeschoss verlegte. (Allerdings hat auch der Lesesaal noch ein beträchtliches Fassungsvermögen.) (Thompson 71 Grafik)
Bibliothèque Nationale
Bei seinem bedeutendsten Bauwerk, der BN, begonnen 1858, hat Labrouste dann
die Trennung zwischen Benutzerflächen, Bearbeitung und Magazinen horizontal
realisiert. (Thompson 72) Während die Ste. Geneviève noch einen
rechteckigen Saal kennt, baut er in der BN einen runden Lesesaal und v.a. den
sehr eleganten Zeitschriftensaal.
Aufsehen erregte aber besonders der Magazintrakt, den er mit einem Eisengerüst konstruierte. Er ist mit einer Glasdecke überdacht und gibt so Licht bis ins unterste Geschoss.
Selbsttragende Magazinanlagen aus Eisen sollten nach diesem Vorbild bis weit ins 20. Jh. hinein gebaut werden. So beruht z.B. die Stadtbibliothek Winterthur auf diesem Prinzip. Mit dem sog. Lipmanschen Gestell (erstmals in Strassburg 1889), das die Büchergestelle auf Zahnleisten aufliegen liess, konnten später als weitere Verbesserung ganze Tablare angehoben oder verschoben werden. Das Büchergestell, das noch im Barock ein ästhetischer Einrichtungsgegenstand war, bildete nun ein Konstrukionsteil.
Library of the British Museum (British Library)
Unter der Leitung des genialen italienischen Emigranten Anthony Panizzi, der
bis zum Direktor der Britsh Library aufgestiegen war, entstand zur gleichen
Zeit (1854-1857) in London das noch heute bestehende Gebäude, das also
wie die Bibliothèque Nationale während rund 150 Jahren diente.
Konsequenter als in Paris setzte man hier auf den Rundbau. Die ganze Bibliothek ist dominiert durch den Lesesaal unter der gewaltigen, 35m hohen Kuppel. (Er ist übrigens schon mit dem Pantheon und der Kuppel der Peterskirche verglichen worden. (Fuhlrott 18) Er bietet Platz für knapp 450 Leser. Die Magazine sind in den anschliessenden Räumen untergebracht, die das äussere Rechteck ausmachen. (Thompson 71 rechts) (Diese Magazine, bzw. die unzureichenden Zugänge sind ein Hauptgrund für die massive Verzögerung beim Umzug in den Neubau von St. Pancraz.)
Auffallend ist die innere Anordnung im Lesesaal: Die Kataloge sind kreisförmig im Zentrum gruppiert, während die Leseplätze radial angeordnet sind. (In der Library of Congress, Washington, ist alles konzentrisch.) Die Bücher in den Wandregalen sind durch 2 Galerien erschlossen.
Es ist unverkennbar, dass die Nationalbibliothek der USA, die Library of Congress, vom französischen und englischen Pendant mitgeprägt ist.
Nach diesen drei Gebäuden mit starkem Vorbildcharakter nun noch einige
Nebenaspekte.
Als Beispiel für einen Verzicht auf die traditionellen Formen und Baumaterialien
wäre noch die Königliche Bibliothek von Kopenhagen (gleichzeitig Universitätsbibliothek)
zu erwähnen, bei der Rohziegel verwendet wurden.
Die Königliche Bibliothek in Berlin (1914) zeigt zum letzten Mal den zentralen Kuppelsaal. Wogegen die praktisch gleichzeitig entstandene (1914/15) Deutsche Bücherei in Leipzig alle drei Funktionsbereiche ausweist und v.a. bezüglich der reservierten Baufläche einen neuen Massstab setzte: Sie sollte den Bestand von weiteren 150 Jahren aufnehmen können.
So erstaunlich uns das heute erscheint, so blieben lange Zeit Funktionen wie Ausleihe und Auskunftserteilung auf den Lesesaal konzentriert. Vermutlich war Göttingen der erste Ort, wo man schon 1787 ein kleines Zimmer für die Ausleihe reservierte, die UB Marburg folgte 1840. (Thompson 72; Milkau 73)
In bezug auf die weitere Differenzierung übernahmen Bauten in den USA, v.a. seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, die Führung. In Public Libraries wurden nun auch Kindersektionen ausgeschieden. Vortragssäle, Raucherzimmer, Cafés, Zeitungsabteilungen, Räume für Sondersammlungen wie Zeitschriften, Handschriften ausgesondert; in Deutschland legte man noch am ehesten Wert auf ein Dozentenzimmer.
Dies alles führte dann in der ersten Hälfte des 20. Jhs. zu einem differenzierten Angebot, wobei in den meisten europäischen Bibliotheken die amerikanischen Standards in dieser Beziehung noch nicht erreicht werden.
Dazu gehörten auch differenziertere Arbeitsplatzangebote in Form von Carrels und Cubicles, also Studiernischen, in denen sich die Benutzer abschirmen und konzentrieren können, während man in Europa an langweiligen Tischreihen festhielt - bis hin zum neuen Erweiterungsbau der ZB Zürich.
Vor allem aber begann man in den USA, den Benutzerinnen und Benutzern wieder Zugang zum Buch im Magazin zu verschaffen, während man in Europa länger - und gar in Bern bis zur Gegenwart - bei der Magazinbibliothek verharrte.
In amerikanischen Bibliotheken wurde parallel dazu die Bücherausgabe ins Zentrum von Neubauten gestellt.
Am Ende des Jahrhunderts tauchten technische Neuerungen auf wie Rohrpost zum Versenden der Bestellscheine in die verschiedenen Magazingeschosse und Bandanlagen oder Förderkörbe an Ketten zur Auslieferung der Bücher an die Ausleihe - Neuerungen, die in den USA erste Anwendung fanden.
Ich schliesse diesen Abschnitt mit einem Zitat aus dem Handbuch für Bibliothekswissenschaft von Fritz Milkau von 1933 (S. 79), das die Mentalitätsunterschiede deutlich werden lässt:
"Um den Verkehr zwischen Benutzern und Beamten möglichst zwanglos zu gestalten, werden abschliessende Wände mit Schalterfenstern in Amerika vermieden. Man vergleiche die ähnlichen Einrichtungen in den grossen modernen Verkehrsbüros. In Zürich und Berlin ist man bewusst zu der Schalterform zurückgekehrt, die einem mehr abgegrenzten Verkehr und im Bedarfsfall einen Abschluss des Publikums von den Beamten erlaubt." - Übrigens wurden diese Schalter auch in der Schweizerischen Landesbibliothek Ende der 20er Jahre noch eingebaut und sind bis heute in Betrieb!