Universitätsbibliothek Bern |

Die folgenden Elemente treten in dieser Epoche hervor:
Wobei anzufügen ist, dass das 2. und 3. Element schon deutlich ins 19. Jh. weisen und dort zu wesentlichen Charakteristika des Bibliotheks-baus werden sollten.
Rolf Fuhlrott fasst diese Bibliotheksbauepoche eindrücklich mit folgenden
Worten zusammen:
"Eine wahre Bauleidenschaft erfasste Landesherren, Kirchenfürsten
und Orden. Vor allem zwei Räume waren es, an denen sich die künstlerische
Phantasie besonders entfaltete, die Kirche und die Bibliothek. Baumeister, Bildhauer,
Zimmerleute und Stukkateure fanden sich zusammen, um Gesamtkunstwerke aus Architektur,
Plastik, Malerei, Buchkunst, Globen, Arbeitstischen und Treppen zu schaffen.
Dieses Zusammenwirken der Elemente ist es, was den barocken Geist ausmacht,
der Gelehrsamkeit und Repräsentation vereint. Der Raum sollte eine Einheit
darstellen, eine Ganzheit vom Boden bis zur Decke. Die Bücherwände
wurden in diese gestaltende Einheit miteinbezogen. Durch die Farbigkeit der
Bucheinbände, die leuchtenden Titelschilder und die reiche Vergoldung boten
sie sich dazu auch besonders an.
Freilich kam es dabei zu Exzessen, wenn man die Buchgrösse durch gleiche Einbände vereinheitlichte, bis zur letzten Konsequenz, dass man, wie in Schussenried (in der Nähe von Ulm), die Bücher in geschlossene Wandschränke stellte, deren Türen einheitlich mit weissen, rotbeschilderten Buchrücken bemalt wurden, um ihnen die Illusion der offenen Bücherregale zu geben. Galerien, zu Anfang aus Zweckmässigkeitsgründen zum besseren und sicheren Zugang zu den hohen Wandregalen gebaut, wurden im Rokoko oft reines Gestaltungselement und waren häufig vom Bibliotheksraum selbst gar nicht zu betreten. Zusammen mit den hohen Fensterdurchbrüchen ermöglichten sie eine Gliederung der Wände. Illusionsreich erfolgte die Ausmalung der Decken, die, flach oder gewölbt, oft auch nur scheinbar gewölbt auf den Bücherwänden zu lasten schienen. Alle diese Elemente brachten Bewegung in den Raum, dem damit mehr Schauwirkung zugeteilt wurde als die Ruhe einer Studierbibliothek." (Fuhlrott 1981, 16)
Geographisch findet allmählich eine Verlagerung weg von Südeuropa statt. Die Bauten von der Renaissance bis ins 18. Jh. hinein bildeten den Höhepunkt des italienischen Bibliothekswesens. Im 18. Jh. verlassen wir allmählich den mediterranen Raum in der Bibliotheksentwicklung. Sowohl im architektonischen Bereich wie im bibliothekstechnischen Sinne finden von nun an die Innovationen nördlich der Alpen statt.
Der Höhepunkt des barocken Bibliotheksbaus lässt sich noch genauer im süddeutschen und österreichischen Raum einkreisen, mit Ausstrahlungen in die Schweiz und in Länder der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie, nämlich Böhmen, Mähren und Ungarn. (Er hat übrigens seine Parallele im Kirchenbau.) Hier findet die eigentliche Kulmination der monumentalen, überaus reich geschmückten Saalbibliothek statt. Chronologisch fällt der Höhepunkt in die Zeit zwischen 1720 und 1760. Es handelt sich dabei um das letzte Aufblühen dieses Bibliothekstyps (Saalbibliothek), bevor er im 19. Jh. wegen des Speicherproblems (also der Menge der nun vorhandenen Bücher) abgelöst wird durch andere Bibliothekskonzeptionen. Immerhin dominierte dieser Bautyp gute 300 Jahre! (Thompson 70 f; Baur 146)
Anthony Thompson bezeichnet die folgenden 10 Beispiele als die wichtigsten für diese Epoche; wobei man sicher ohne falschen Stolz auch noch die Stiftsbibliothek St. Gallen und evtl. die Bibliothek des Klosters Einsiedeln dazu zählen darf, und nicht zuletzt gibt es einige wenig bekannte Prachtsbauten in der Tschechoslowkei (z.B. Brünn) und in Ungarn (z.B. Eger):
Historisch-politischer Hintergrund
Dieser geographische Schwerpunkt hat natürlich nicht zuletzt zu tun mit dem Nachholbedarf im Deutschen Reich, wo nach dem Niedergang im Dreissigjährigen Krieg und der darauf folgenden langsamen Erholung ein ungeheures Aufblühen im Barock folgte. Dazu beigetragen haben die politischen Kleinstrukturen, das vielfältige Nebeneinander von geistlichen und weltlichen Fürstentümern sowie der Klöster.
Vor dem Hintergrund der Geschichte ist dieser Bauwille keineswegs selbstverständlich; dies gilt namentlich für die Klöster, die zwischen 1500 und 1800 in vielen Fällen ein ausserordentlich wechselvolles Schicksal hatten. - Dasjenige von Schussenried mag als Beispiel dienen: Mitte des 15. Jhs. erhielt es den Rang eines Reichsstifts, hatte also Sitz und Stimme im Reichstag und war dementsprechend reich und mächtig. (Baur 183*, 184, 185*) 1486 wurde die erste Bibliothek erbaut. Doch schon im Bauernkrieg 1525 kam es zu Zerstörungen und Plünderungen. Rund hundert Jahre später fielen im Dreissigjährigen Krieg Österreicher, Bayern und Schweden über das Kloster her. Letztere brannten es 1647 zum grossen Teil nieder. Der Westfälische Friede auferlegte schwere Kriegskontributionen, die sogar den Verkauf der Glocken notwendig machten. Nachdem man trotzdem den Wiederaufbau gewagt hatte, erlitten die Anlagen im Bayerischen Erbfolgekrieg (1778-1779) erneut schwere Zerstörungen. Die heutige Bibliothek wurde etwa 1754-1761 erbaut; doch schon 1802/3 wurde das Prämonstratenserkloster säkularisiert und ist heute eine Heil- und Pflegeanstalt. (Baur 143, 278)
In diesem Zusammenhang ist auch auf das Ende dieser ganzen Epoche hinzuweisen:
Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass in dieser Epoche eine grosse Zahl von Klosterbibliotheken verschwanden - handle es sich um die Gebäude oder deren Inhalt oder noch schlimmer um beides. Dass es in St. Gallen gelungen ist, trotz Säkularisierung gleich beides zu erhalten, ist ein kleines Wunder, das wir in der Schweiz gar nicht richtig zu schätzen wissen. (Die Bibliothek enthält ja auch das erste Buch überhaupt mit deutschem Text, den "Abrogans". - Die Bibliothek gehört seit der Aufhebung des Klosters 1805 dem katholischen Kantonsteil in St. Gallen.) Es handelt sich zusammen mit der Kapitularbibliothek in Verona um die einzige Bibliothek mit ungebrochener Kontinuität seit dem Frühmittelalter.
Die von Margarete Baur (S. 158) beklagten Klosteraufhebungen, die in der Schweiz besonders zahlreich und unwiderruflich gewesen seien, sind deshalb keineswegs so singulär. Bekannte Beispiele von aufgehobenen Klöstern sind die Benediktinerniederlassungen von Pfäfers (St. Gallen), Muri (AG), Fischingen (TG), die Zisterzienserabtei Wettingen oder das Augustinerkloster in Kreuzlingen. Doch auch die katholischen Kantone Luzern (St. Urban), Freiburg und Solothurn (Maria Stein 1874) hoben Klöster und Jesuitenbesitzungen auf. Zürich hob 1862 die Abtei Reichenau auf und transportierte den Buchbesitz auf Pferdefuhrwerken nach Zürich, wo sie nun in der Zentralbibliothek lagern. Dies ist übrigens das übliche Muster, nach dem man bei diesen Säkularisierungen verfuhr: Die Buchbestände kamen in die nächste grössere staatliche Institution.
In diesem Fall darf man auch noch auf den 2. Villmerger-Krieg 1712 hinweisen, in welchem die siegreichen Berner und Zürcher die Buchbestände aus der Stiftsbibliothek ebenfalls wegkarrten - wobei man zur Ehrenrettung der Berner sagen muss, dass die Bibliothek, die ich hier vertrete, die StUB, ihr Raubgut praktisch vollständig zurückgegeben hat, während die Zürcher - genauer gesagt die ZBZ - nicht gerade freundeidgenössisch bis heute einen Teil ihrer Beute zurückbehält. (Die Idee einer Rückerstattung wurde vor einigen Monaten in die Öffentlichkeit getragen. Und im November 1996 begab sich in dieser Angelegenheit eine regierungsrätliche Delegation von St. Gallen nach Zürich.) "Unidroit" - die Rückerstattung von Kultugütern - begänne also schon in der Schweiz!
Eine Nebenbemerkung: Es mag ketzerisch tönen, aber dort, wo die ursprünglichen Bibliotheksträger so ausgeblutet waren, dass sie zur Weiterführung und zum Unterhalt ihrer Sammlungen nicht mehr in der Lage waren, konnte das Aufgehen in einer gutgeordneten grösseren Einheit ein Vorteil sein. So erinnere ich mich mit Schrecken an einen Besuch in einer der schönsten Bibliotheken, die ich je gesehen habe, der Klosterbibliothek von Mafra in Portugal (Baur 120), wo wohl 90% des Bestandes Wurmfrassspuren aufwiesen. Diesem Zerfall stand eine einzige Restauratorin ziemlich hilflos gegenüber.
Ähnliche Überlegungen liessen sich auch zu den Papyri und Keilschrifttafeln aus Ägypten oder Mesopotamien anbringen.
Doch zurück zu unserer Thematik. Massgebend für das Ende der hier zu behandelnden Epoche sind 3 Elemente:
Äusseres:
Gerade weil es sich noch um keine selbständigen Bibliotheksbauten handelt,
ist im Barock der Bau von aussen nicht als Bibliothek erkennbar. Er hatte sich
einzuordnen entweder in den Zusammenhang einer fürstlichen Schlossanlage
oder eines Klosters, und in beiden Fällen gab es mindestens ein Bauwerk,
das wichtiger war: die eigentliche Residenz und die Kirche. (Selbst die Hofbibliothek
in Wien ist von aussen als solche kaum zu erkennen.) Immerhin hat man bei einigen
barocken Klosteranlagen die Bibliothek etwas hervorgehoben, so z.B. beim Augustiner
Chorherrenstift von St. Florian (Österreich) (Baur 215), wo die Bibliothek
von 1750 genau gegenüber dem Eingang zum ersten Hof steht. Ihr Dach ist
im Vergleich zu den Nachbargebäuden angehoben und die Front mit Riesenpilastern
versehen. (Baur 147)
Grundriss:
Von zwei bedeutenden Ausnahmen abgesehen (Wolfenbüttel und Radcliffe Camera
in Oxford) haben wir es im Normalfall weiterhin mit einem Rechteck zu tun. Nur
ausnahmsweise handelt es sich um eine echte Raumfilade wie etwa in den beiden
österreichischen Benediktinerabteien Kremsmünster (Baur 200*) oder
um eine angedeutete wie in Altenburg (Ö). (Baur 225)
Innenraum:
Die wesentlichsten gestalterischen Elemente sind bereits bei Milkau im Handbuch
der Bibliothekswissenschaft zusammengefasst, die Sie parallel zu meinen Ausführungen
anhand der aufgelegten Folien selber überprüfen können: "Häufig
wird das Raumbild belebt durch Säulen, die einer Galerie als Stützen
dienen. Zwei Galerien sind selten. Das Mulden- und Spiegelgewölbe der Decke
bietet dem Pinsel des Malers ein weites Feld. [Deckenillusionsmalerei soll dem
Raum mehr Höhe verleihen!] Trotz der überquellenden Dekorationslust
wird aber der Zweck des Raumes, möglichst vielen Büchern Unterkunft
zu geben, nur selten vergessen. Die Fenster werden hochgelegt oder sie stehen
in weiter Achse, um breite Pfeiler als Stellwände zu ermöglichen,
oder es wird die eine Langwand als Fensterwand ausgebildet und die gegenüberliegende
Wandfläche wird mit Büchern vollbesetzt wie in St. Florian, Göttweig,
Zwettl, Waldsassen (Milkau 28). Auch freistehende Pfeiler, die die Galerie stützen,
findet man mit Gestellen umbaut, so zum Beispiel im württembergischen Ochsenhausen.
Das dekorative Bedürfnis lässt es selten zu, dass die Gestelle horizontal glatt abschliessen; gewöhnlich erfolgt der Abschluss durch eine aufstrebende Bekrönung, wogegen der Sockel, offenbar der Kapazität wegen, meist niedrig, ja unscheinbar gehalten wird. (...) Besonders beliebt zur Dekoration sind ihrer Kleinheit und Beweglichkeit wegen die Putten. Der Saal im niederbayerischen Fürstenzell ist mit ihnen überfüllt. Lebensgrosse plastische Figuren finden sich in den Büchersälen in Melk, St. Peter im Schwarzwald, Admont, Wiblingen (Milkau 29). Überaus mannigfaltig ist auch der Deckenschmuck. Neben einfachem vegetabilischem Rankenornament erscheinen gemalte Medaillons der Kirchenväter, Legendenbilder - von Muschelornament eingerahmt - und schliesslich wird die ganze Decke von einem einzigen figurenreichen Bild eingenommen, das eine Allegorie der Kirche als der Vertreterin der geistlichen Wissenschaften gegenüber den weltlichen Wissenschaften darstellt: Die besten Beispiele finden sich in den schwäbischen Bibliothekssälen von Wiblingen und Schussenried.
Alle Künste der Architektur, Malerei und Plastik sind aufgeboten, um den Büchersaal, nicht selten den schönsten Raum im Kloster, auszuschmücken. Aber aller Schmuck ist dem obersten Gesetz einer einheitlichen Raumwirkung untergeordnet. Die Treppenläufe nach der Galerie werden versteckt angelegt, in Schussenried befindet sich die Treppe (sogar) lediglich der Raumwirkung wegen ausserhalb des Saales. Im Saal selber sind die Bücher streng nach Formathöhen zusammengestellt, unvermeidliche Formatunterschiede werden durch Attrappen ausgeglichen, gleichartige Einbände erstreben dasselbe Ziel eines einheitlichen Raumbildes." (Milkau 30)
Bei der Malerei ist schon festgestellt worden, dass im früheren Barock die Architekturmalerei, welche den Raum noch mehr überhöhen sollte, dominierte - sie wirkt manchmal auf den Beschauer fast bedrohlich -, während man im späteren Barock den Himmel direkt auf den Kuppelrand aufsetzte. Grundsätzlich hat man aber immer die Öffnung in himmlische Regionen gesucht. Als besonders beliebtes Thema wiederholte sich das der Verschmelzung von Kunst, Wissenschaft und Tugend. (Baur 153)
Bei genauerem Hinsehen stellt man bei aller Pracht aber doch Abstufungen in bezug auf ihre Funktionalitäten fest. In Kremsmünster (Oberösterreich) (Baur 200, bereits oben verwendet), noch im 17. Jh., nämlich um 1690 entstanden, dominiert trotz der gehaltvollen Ausstattung noch das Buch. Das gleiche gilt für ein anderes Benediktinerkloster, dasjenige von Einsiedeln aus der Zeit um 1740 (Baur 195), während in der Bibliothek des Benediktinerstifts Altenburg (Niederösterreich) von 1742 (Baur 225, bereits oben verwendet) die Bücher ähnlich wie bei einigen Renaissancebibliotheken hinter das Raumprogramm zurücktreten und angesichts des hohen Kuppelsaals eher wie eine Nebensache erscheinen.
Zum Schluss noch einige Ausführungen zu den theologischen Programmen,
die in einer solchen Bibliothek untergebracht werden konnten. Ich werde Ihnen
anlässlich der Exkursion nach St. Gallen am Objekt selber dasjenige der
Stiftsbibliothek zu erläutern versuchen. Hier wenigstens ausschnittweise
das Beispiel von Schussenried, das zu den komplexesten dieser Art gehört.
Ich zitiere dazu Margarete Baur (S. 278f):
"So heiter und leicht, luftig und verspielt sich der Raum gibt, so schwer
befrachtet ist er mit dem geistigen, theologischen und symbolischen Gehalt,
bei dem Irrtümer in der Deutung auch heute nicht ausgeschlossen sein dürften.
Vor den Doppelsäulen wechseln lebensgrosse Apostelfiguren mit Puttenpaaren
von Fidelis Sporer. In keinem noch erhaltenen Bibliotheksraum findet sich ein
ähnliches Programm, zu dessen Deutung und Verständnis ein nicht geringes
Mass von theologischen Kenntnissen vorausgesetzt ist. In lebhaften Gebärden
werden Glaubensstreitigkeiten 'ausgetragen'. Die Puttenpaare versinnbildlichen
die Irrlehren, die Apostel weisen die Thesen mit entschiedener Geste zurück.
Die Irrlehren sind unernst verniedlicht durch die reizenden weinenden, schmollenden,
überheblichen Kinderfiguren, deren Glaubenseifer durch ihre Nacktheit oder
durch ihre spärliche Bekleidung nicht eben überzeugend dargestellt
wird. - Die Epikureer tragen einen Schinken und eine Suppenschüssel
(Sinnbilder des Lebensgenusses), die Pneumatomachen, eine arianische
Seite [sic] des 4. Jahrhunderts, brechen der Taube einen Strahl aus dem Kranz
(sie leugnen die Gottheit des Heiligen Geistes), die Lutheraner und Calvinisten
weisen überheblich und weinend die Mahnung des Apostels zurück, die
folgende Gruppe bärtiger Putten wird als Freimaurer gedeutet. Den
Islam stellen Putten mit Turban, Krummsäbel und Koran dar, die Arianer
mit Turban heben abwehrend die Hände gegen die Darstellung der Geburt Christi
(die Sekte des 4. Jahrhunderts leugnet die Gottheit Jesu Christi), die Hussiten
oder Calixtiner verlangen den Laienkelch (Tanchelin schüttet den
Kelch aus, leugnet die Sakramente). Die Aufklärung, personifiziert
durch Putten mit Perücken, gedeutet als Voltaire und Rousseau, beendet
die Abfolge der verworfenen Lehren. -
Statisch die Säulen, optisch die Figuren, tragen sie die Empore, an deren Unterseite im Umgang die vier Elemente gemalt sind: Erde, Wasser, Feuer, Luft. Daneben sind verschiedene Wissenschaften angebracht: Altertumskunde, Genealogie, Heraldik, Schiffsbaukunst, Astrologie und Wahrsagekunst, in den Ecken finden sich die nötigen Arbeitsgeräte: Brille, Fernglas, Zeichengeräte, Lupe und Lampe, Schreibzeug, Hilfsgeräte für die Wissenschaften. - In dem umschwingenden Streifen Flachdecke, die vor dem Ansatz des Muldengewölbes über der Empore hinzieht, bringen die Malfelder in den vier Ecken Darstellungen der Künste: Musik und Bildhauerei, Baukunst und Malerei, dazu an den Schmalseiten Apollo und auf der Gegenseite Pallas Athene, kleinere Medaillons die vier Kardinaltugenden: Klugheit, Mässigkeit, Gerechtigkeit, Starkmut. -
Das tiefsinnig theologische Thema des Deckengemäldes, die Erleuchtung der Wissenschaft durch das Blut Christi, wird mit einem gewaltigen Aufgebot von Szenen, Personen, Landschaftsmalerei und stillebenartigen Teilen verbildlicht, teilweise mit so überschäumender und symbolträchtiger Erzählfreude, dass ohne Kommentar die Szenen auch hier kaum verständlich sind. - Der Gekreuzigte wird als Mittelpunkt der Weltgeschichte, der Völker, der Kulturen gepriesen. Vorbereitet wird sein Erscheinen durch den 'Alten Bund', Moses mit der ehernen Schlange, David mit Krone und Harfe, Abraham mit Isaak, der Prophet Isaias, ihm gegenüber stehen auf der anderen Seite des Kreuzesstammes der 'Neue Bund' mit Andreas, Philippus, Franz von Assisi, den Apostelfürsten Petrus und Paulus. ILLE VOS DOCET OMNIA (Dieser wird Euch alles lehren) steht unter dem 'Tempel des Heiligen Geistes' mit seinen sieben Gaben: Weisheit, Wissenschaft, Verstand, Stärke, Rat, Gottesfurcht, Frömmigkeit. Unter dem weisen König Salomon, kenntlich durch die Löwen und die beiden berühmten Urteile: der Streit der Frauen um das Kind und die Erkenntnis der künstlichen und der echten Blumen mittels des Bienenschwarmes, steht INCERTA ET OCCULTA SAPIENTIAE MANIFESTASTI MIHI (Die dem Wissen geheimen und verborgenen Dinge hast Du mir enthüllt). An der Westseite empfängt Ludwig XIV. den Abt von Marchthal, einen Prämonstratenser, Nikolaus Wierieth. Die Anerkennung der Weisheit des Prämonstratensers durch den weltlichen Herrscher von Gottesgnaden. Darunter steht: SEDES SAPIENTIAE MAGNIFICATA NICOLAO ANTISTITE. - Zu diesen vier Mittelgruppenbildern sind jeweils zwei Vertreter der acht Wissenschaften gestellt, und zwar ergänzen sich die sakrale und die profane Wissenschaft. Neben dem Alten Testament die Kirchengeschichte, neben der Kreuzesgruppe die Weltgeschichte. An die Kirchengeschichte schliesst die Heilkunde mit den Patronen der Ärzte und Apotheker Cosmas und Damian, dazu Ärzte und Botaniker des Altertums: Hippokrates, Galenus, Dioskurides. Die Seelenheilkunde wird von den vier grossen Kirchenlehrern vertreten, sodann von Heiligen, aber auch von Irrlehrern Tanchelin, Ziska und Prokop. Die Rechtswissenschaft, westlich vom Tempel des Heiligen Geistes, wird verkörpert von Kaiser Justinian, Kirchenrechtler Gratian und den Päpsten Gregor XIII. und Benedikt XIV. - Die Philosophie wird dargestellt durch bedeutende Gelehrte wie Heinrich Seuse, Albertus Magnus, Thomas von Aquin. Unter dem sogenannten Kategorienbaum sind antike Philosophen wie Aristoteles, Sokrates und Diogenes vereint mit Franz Suarez, Johannes Zahn, Walafried Strabo. - Die Dichtkunst ist mit dem Helikon und Äneas mit seinem Vater Anchises vor dem brennenden Troja vertreten und die Beredsamkeit mit dem Testamentberg und den vier Quellen, den Evangelien. Die römische Rednertribüne mit den Schiffsschnäbeln soll auf Cicero hinweisen und die Kanzel auf Papst Gregor. Dazu jeweils Inschriften in Latein. In Grisaillemalerei in der Decke der Galerie acht Künste und Wissenschaften des Friedens und des Krieges, kopiert nach den Szenen auf der Balustrade der Hofbibliothek in Wien: Kriegskunst, Festungsbau, Vermessungskunst, Bergbau, Numismatik, Heraldik, Schiffsbaukunst, Astrologie. Über diesen vier Hauptthemen mit den acht Wissenschaften thront das Lamm in der Strahlenglorie und die Muttergottes mit dem Kind."
Wir sind hier sehr tief ins Detail gegangen. Angesichts der im 19. und gar im 20. Jh. in der Bibliotheksarchitektur dann dominierenden Zweckfragen und Nützlichkeitsüberlegungen erschien es mir jedoch sinnvoll, einmal aufzuzeigen, welche theologischen und geistes-geschichtlichen Programme in einem Profanbau wie einer Bibliothek überhaupt stecken konnten.
Zum Schluss noch ein kurzer Blick auf die beiden schönsten Bibliotheksräume aus der Barockzeit in der Schweiz, wobei ich mich bei St. Gallen kurz fasse, da hier das gesamte barocke Programm, wie wir es oben kennengelernt haben, vorhanden ist, und wir diese Bibliothek noch besuchen werden.
Einsiedeln (Baur 195*) präsentiert sich dagegen wesentlich zurückhaltender, ja fast asketisch. "Mittelstützen unterteilen den Raum in 2 Schiffe, glatt und streng sind die Bücherwände, die die Empore tragen ... (es) bildet ein spielerischer Schnörkel harte Ecken, kühl und reichlich zweckmässig gibt sich das schmiedeiserne Gitter, das die Empore begleitet..." (Baur 150)
Seltsamerweise wissen wir wenig über die Nutzung dieser Klosterbibliotheken. Die drei Hauptfunktionen der Bibliotheken, das Verwahren, Bearbeiten und Benutzen der Bestände, fanden wohl im Normalfall im selben Raum statt. Meist stand den nicht sehr zahlreichen Benutzern ein grosser Arbeitstisch zur Verfügung, an dem sie nebeneinander arbeiteten. (Fuhlrott 16) Für die Verwendung des Bibliothekssaals für die Benutzer sprechen auch die Klapptische in den Nischen in St. Gallen und in Schussenried, wo sie an der Innenseite jeder Schranktüre angebracht sind. Vereinzelt gibt es aber auch ein besonderes Lesezimmer wie im Kloster Strahov bei Prag. Nebenräume sind aber auch nötig für Dubletten, Rara, Handschriften, Naturalien und Kuriositäten und mathematische Instrumente - ausgenommen allenfalls von Globen, die das Stilgefühl noch am wenigsten störten. (Milkau 30)
Und wenn wir schon bei den Kuriosa sind, so seien hier noch die Leseräder erwähnt (Baur 158), welche die Bearbeitung mehrerer Folianten auf einfache Weise erlauben, wobei der Trick natürlich darin bestand, dass die aufgelegten Bücher unabhängig von ihrer Position auf dem Rad immer in waagrechter Position verblieben. (Fuhlrott 16)
Und damit kommen wir auch unweigerlich zu den Leitern, die ein wichtiges Arbeitsinstrument der Bibliothekare vor 200-300 Jahren waren, deren Beruf damals keineswegs ungefährlich war, wie diese Karikatur von T. Rowlandson (Baur 62) aus der Old University Library in Cambridge von 1800 zeigt. Es gibt aber noch andere Darstellungen, welche die Dramatik der Buchbeschaffung anschaulich belegen (Stadtbibliothek Danzig 1687; kaiserliche Bibliothek Wien 1686 - Baur 151, 152). Mit einiger Sicherheit ist aber mindestens beim letzten Beispiel die wirkungsvolle Dramatik der Raumhöhe übertrieben. Es ging hier sicher auch darum, den kaiserlichen Besitz an Büchern auf engstem Raum so gross als möglich erscheinen zu lassen.
Und da wir es in der heutigen Stunde auch mit der Ästhetik zu tun haben, hier noch ein besonders sinniges Arbeitsinstrument, das als Tisch und als Leiter gleichzeitig dienen konnte. (Baur 236f)
Als Beispiel für eine durch Bücherrücken kaschierte Türe hier eine Aufnahme aus Admont (Baur 230). Dasselbe gibt es auch in der Nationalbibliothek in Wien.
Und in diesen Rahmen gehört natürlich auch die für den lokalen Bezug wichtige Darstellung der Bibliothekskommission der Stadtbibliothek Bern von Dünz aus der Zeit 1696/97. (Das Original hängt im Sitzungszimmer der Burgerbibliothek Bern und wurde während der Ausstellung "Im Schatten des goldenen Zeitalters" 1995 im Kunstmuseum Bern gezeigt.) Die Bibliothekskommission war damals übrigens zahlreicher als das Personal, das sich lediglich aus dem schreibenden Oberbibliothekar und dem Unterbibliothekar (auf der Leiter) zusammensetzte. (Die Stadt- und Universitätsibibliothek und die Burgerblibliothek bildeten bis 1951 eine einzige Institution.)
Wir haben bisher fast ausschliesslich von kirchlichen Bibliotheken gesprochen, und Sie werden sich gefragt haben, wie es mit den Sammlungen der Fürsten, Städte und Universitäten bestellt war. Tatsächlich ist es auf den ersten Blick verblüffend, dass wir trotz der Säkularisierungsbewegung noch zahlreiche kirchliche Bibliotheksbauten aus dem 18. Jh. haben, während es in Deutschland praktisch keine unverändert erhaltene Universitätsbibliothek aus derselben Zeit mehr gibt. - Dies liegt gerade daran, dass für die kirchlichen Bibliotheken in einem gewissen Sinne die Zeit abgelaufen war. Wo sie im 19. Jh. überhaupt noch weitergeführt wurden, und ihr Bestand nicht zu neuen Trägerschaften überführt worden war, blieb ihr Wachstum bescheiden. Bildungsaufgaben erfüllten die Hochschulbibliotheken; die Zahl der Ordensmitglieder stagnierte nach 1800 insgesamt oder ging zurück.
Ähnliches gilt für Bibliotheken der Fürsten, die zu Landes- oder Staatsbibliotheken mutierten, auch wenn sie teilweise den alten Titel bis 1918 weitertrugen - so z.B. die Königliche Bibliothek zu Berlin.