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Viele Architekturgeschichten fassen Renaissance und Barock im Bibliotheksbau zusammen. Tatsächlich ist der Grundtyp - eine Halle, oft mit Tonnengewölbe - vergleichbar. Gemeinsam ist auch die eher bescheidene äussere Erscheinung der Bauten sowie die Tatsache, dass sie als besondere Flügel eines weiteren Komplexes erscheinen - also nie selbständige Bauten sind. Jedoch ist der Innenausbau im Barock entsprechend der Stilepoche reicher und vielgestaltiger konzipiert; man muss von einem Gesamtkunstwerk sprechen. Deshalb widme ich beiden Epochen je einen besonderen Abschnitt.
Eine weitere Vorbemerkung zu diesem Abschnitt:
Den Übergang von der mittelalterlichen Pultbibliothek zur Saalbibliothek
der Renaissance beschreibt der deutsche Bibliotheks-historiker Rolf Fuhlrott
bestechend einfach, anschaulich und überzeugend. Allerdings sind in der
Realität die Übergänge fliessend, indem wir z.B. schon Renaissance-Säle
finden, die aber noch "mittelalterliche" Einbauten haben; und die
Entwicklung auf den britischen Inseln lässt sich ebenfalls nicht ins gleiche
Schema pressen, das für den Kontinent - beeinflusst v.a. von Italien -
gilt.
Ich behandle deshalb zuerst die Bibliotheksbauten in Kontinentaleuropa und gehe anschliessend auf Grossbritannien separat ein.
Um Ihnen gleichsam den Kontrast, das Neue zu zeigen, gehen wir aus von zwei typischen Saalbibliotheken, zeigen also zwei "reine" Beispiele des 16. Jhs., und machen dann einen Schritt zurück und schauen uns die etappenweisen Übergänge an, die von der Pultbibliothek zur Saalbibliothek geführt haben.
Juan de Herrera errichtete 1567 für Philipp II. die erste eigentliche Saalbibliothek in dessen Palast im Escorial in der Nähe von Madrid.
Vorab fällt das neue Raumgefühl auf: Man hat den Saal freigelegt von Gestellen und Pulten, um den Raum wirken zu lassen. Nur wenige besondere Exponate werden in der Mitte überhaupt aufgestellt. Es wird deutlich, dass es hier nicht allein um die Buchaufbewahrung geht, sondern auch um das Repräsentationsbedürfnis eines Fürsten. Grundsätzlich folgen die fürstlichen wie auch die kirchlichen Bibliotheken diesem Muster bis zum Ende des Ancien Régime.
Für die weitere Beschreibung der Bibliothek im Escorial folge ich Fuhlrott (1983, 104): "Der 54m lange und 10m breite [nach Milkau 17 allerdings: 65x10,7m und 11m Höhe!], tonnenüberwölbte Raum trägt an den Wänden bereits 4m hohe Wandregale oder offene Bücherschränke aus den verschiedensten Edelhölzern wie Ebenholz, Zedernholz, Nussbaum-, Orangen- und Wachholderholz von aussergewöhnlicher Kostbarkeit. Die Fachböden sind von kannelierten Säulen mit ionischen Kapitellen eingerahmt. Die Basen, Kapitelle und Triglyphen der die offenen Schränke gliedernden toskanischen Ordnung sind vergoldet, desgleichen die die Attika bekrönenden Kugeln. Eine Besonderheit sind Lesepulte, die in 80cm Höhe an den Schränken angebracht sind. Es ist ein Makrokosmos, den Philipp II. hier angestrebt und den sein Architekt Juan de Herrera verwirklicht hat: Der Renaissancestil der Architektur ist in der gesamten Ausstattung beibehalten. Sogar die nach Sachgebieten und Grössen geordneten Bücher stehen mit ihrem vergoldeten Schnitt nach aussen, was den Raum noch kostbarer erscheinen lässt und den Wert der Bücher hervorhebt."
Der Raum diente übrigens nur der Aufbewahrung der Bücher (Milkau 17)
Deutete Herrera die Einschliessung der Buchbestände erst an, so machte man diesen Schritt in der Vaticana definitiv. In der ebenfalls überaus reich geschmückten Vaktikanbibliothek verbannte man die Werke in Wand- und Säulenschränke, die deren Inhalt nicht einmal andeuten. (Diese Einrichtung erstellte man allerdings erst 1645, ursprünglich befanden sich Pulte im Raum.) Da die Bibliothek zum damaligen Zeitpunkt in erster Linie zur Aufbewahrung der rund 12'000 in Form, Farbe und Erhaltungszustand recht unterschiedlichen Handschriften diente, war ihre "Verbannung" in Schränke naheliegend. Es gab übrigens daneben auch noch ein separates Zimmer für die Benutzung.
Domenico Fontanas Bau (1587) ist 20 Jahre jünger als derjenige von Herrera im Escorial. Er ist zweischiffig mit Tonnengewölben und Stichkappen, getragen von 7 Pfeilern (rund 71x16m). Die Höhe ist übrigens auf den Darstellungen meist übertrieben. Sie beträgt nur 9m. Der reiche Freskenschmuck dient der Verherrlichung des Pontifikats des Bauherrn Sixtus V. An den Pfeilern befinden sich Darstellungen von angeblichen Erfindern der Alphabete und andere Idealfiguren. Die Wänden tragen Veduten von Rom, v.a. mit den von Sixtus errichteten Bauten, sowie allegorische Darstellungen aus Lehre und Forschung. (Baur 103; Milkau 17)
Als Beispiel einer Bibliothek im Übergang, zwar ganz im Renaissance-Stil, aber noch mit Pulteinbauten, die Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz. Sie ist auch schon als die künstlerisch bedeutendste Renaissance-Bibliothek bezeichnet worden und hatte eine ausserordentlich lange Bauzeit (1525-1571). (Michelangelo, der sie plante, konnte ihre Eröffnung nicht mehr erleben. - Auftraggeber war Papst Clemens VII.) Der Raum hat übrigens ganz ähnliche Dimensionen wie derjenige des Escorial (rund 48x11m). Darin sind links und rechts eines Mittelgangs je 44 reich geschnitze Pulte hintereinander aufgereiht. (Milkau 9)
In einem gewissen Sinne ist die Innenausstattung der Bibliothek allerdings ein Anachronismus: Über 100 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks wurde hier nochmals eine Bibliothek gestaltet, die eher zur Aufbewahrung von Handschriften als für eine Masse von gedruckten Werken geeignet war.
Auf die weiteren, z.T. bedeutenden italienischen Renaissance-Bibliotheken in Rom, Florenz, Venedig, Mailand etc. kann ich hier nicht eingehen, möchte nur noch beifügen, dass bei den italienischen Barockbibliotheken der "Tessiner" Francesco Borromini - sie kennen ihn von unserer Hundert-Franken-Note - eine besonders herausragende Rolle spielte. Er erstellte nicht weniger als vier Bibliothekssäle allein in Rom. (Milkau 18)
Die britischen Bibliotheken zwischen 1450 und 1800
Der Sonderweg von England sei hier vorweg nochmals mit einem Zitat unterstrichen: "Es ist kaum möglich, bei der Betrachtung der Bibliotheken Englands, wie bei den Räumen auf dem Festland, eine präzise Zäsur zwischen den mittelalterlichen und den nachmittelalterlichen Bibliotheken zu sehen. Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, d.h. von den mittelalterlichen Pultbibliotheken zur neuzeitlichen Saalbibliothek ist fliessend, oder findet eigentlich gar nicht statt, denn bis in das 18. Jh. hinein wird neben der Saalbibliothek die (...) stall library mit Pulten eingerichtet." (Baur 55)
Ein Blick auf dieses Land lohnt sich aber auch, weil hier eine ausserordentlich grosse Zahl von Bibliotheken im originalen Bauzustand erhalten geblieben sind.
Mit je einem Beispiel möchte ich einerseits die Kontinuität der
Gestellbibliothek und - eher als Ausnahme - eine Saalbibliothek erläutern:
Trinity College in Cambridge: (Baur 71*) Der bedeutende englische Architekt
Christopher Wren, der auch an der St. Pauls-Kathedrale in London tätig
war, verwirklichte 1675-1690 einen der schönsten Bibliotheksbauten
Englands, der in diesem Land trotz dem Festhalten an den Quergestellen bis ins
19. Jh. nachwirkte (z.B. bei der Universitätsbibliothek von Edinburgh aus
dem Jahr 1831). Auch wenn Wren Elemente des italienischen Renaissance-Stils
einarbeitete, so wirkt der Raum im Innern doch weitgehend anders.
Im Untergeschoss befindet sich eine offene Säulenhalle (Baur 72), die an die Säulenhallen der Gymnasien der Antike erinnert. das Obergeschoss enthält einen 46x12m langen Bibliothekssaal mit auf beiden Seiten je 14 Doppelgestellen, die 3m in den Raum hineinragen und 3,60m hoch sind. Diese starke Raumsegmentierung ist nur möglich, weil ausserordentlich grossflächige und hohe Fenster eine ausreichende Lichtzufuhr ermöglichen und so ein bequemes Arbeiten in den Nischen zwischen den Gestellen gestatten. Der Hauptgang zwischen den Gestellen ist immer noch breit genug, um ein gutes Raumgefühl zu geben. Kannelierte Pilaster, korinthische Kapitelle und eine kassettierte Decke gliedern und schmücken u.a. den Raum. Dazu kommen die weissen Büsten von antiken und englischen Autoren. (Milkau 13; Baur 58)
Als Beispiel einer englischen Bibliothek mit teilweisem Saalcharakter nun die Bodleian Library in Oxford (Baur 59, 68), eine der schönsten historischen Bibliotheken überhaupt.
Es handelt sich um einen Umbau der sog. Duke Humphrey's Library (fertiggestellt ca. 1470). Thomas Bodley liess den Raum 1598/1600 völlig neu ausstatten. Im Kern bestand er aus einem 26m langen und 10m breiten Saal, erhellt durch je 10 Fenster auf beiden Seiten, zwischen denen je 9 Doppelgestelle errichtet wurden. (Sie enthielten Bücher und Handschriften vermischt, ohne Signatur, mit dem Schnitt nach vorn; an der Stirnwand jedes Gestells war aber eine Bücherliste in einem Holzrahmen befestigt.) Soweit eine typische englische Bibliothek im Gestell-System (stall system).
1612 und 1640 wurde dieser Längsbau an seinen beiden Enden jedoch durch je zwei Querbauten ergänzt. (Und meistens werden diese beiden dargestellt.) Diese hielten den eigentlichen Raum frei und waren lediglich mit Wandgestellen bestückt. Wobei ich besonders auf die Galerie aufmerksam machen möchte, ein Element, das uns im Barock immer wieder begegnen wird. Sie war nicht allgemein zugänglich und enthielt kleinformatige Werke und Handschriften. Unten befanden sich die angeketteten Folianten, und für die Bequemlichkeit der Benutzer lief eine Tischplatte mit einer Bankreihe rund um den Raum. Anschriften über den Gestellen orientierten über den Buchbestand darunter. (Baur 57-59; Milkau 12f)
Besonders bemerkenswert am Bau sind die schönen Kassettendecken in den offenen Dachstühlen, welche den flachen Satteldächern unterlegt sind. Gerade die offene Raumsituation der beiden Seitenflügel wurde jedoch in der weiteren englischen Bibliotheksentwicklung nicht berücksichtigt und blieb eine Ausnahme.