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Universitätsbibliothek Bern

Titelbild

Gebrochene Tradition: Deutschland

Es ist klar, dass vor der Zeit der Erbmonarchie (Habsburg seit 1438) angesichts der wechselnden Herrscherdynastien im Deutschen Reich höchstens eine Sammlung im Sinne der am Anfang von Kapitel 1 beschriebenen ersten Stufe (persönliche Sammlung eines Monarchen, die nach seinem Ableben zerstreut wird) entstehen konnte. Daneben entwickelten sich in der Neuzeit an verschiedenen Höfen des Deutschen Reichs Sammlungen mit Kontinuität (s. Vorlesung über Barock und Aufklärung); die für die Gegenwart wichtigsten sind in Wien, München und Berlin.

Die Geschichte der "Nationalbibliothek" in Deutschland erfolgt in eindrücklicher Weise parallel zur Entwicklung dieses Landes im 19. und 20. Jh. Es ist denn auch nicht zufällig, dass der Ausdruck "Nationalbibliothek" wie in der deutschsprachigen Schweiz nicht verwendet wird.

Ähnlich wie in der Schweiz verzeichnet Deutschland - wenn auch rund 50 Jahre später - vorerst einmal einen "Fehlstart":

1848, als unmittelbare Folge der 48er Revolution, wird eine "Reichsbibliothek" gegründet. Den Anstoss gab ein Verleger, "der dem Frankfurter Paulskirchenparlament die historischen, politischen, juristischen, statistischen und kriegswissenschaftlichen Werke seines Verlags für die Schaffung einer Handbibliothek als Geschenk anbot". Die patriotisch und zentralistisch eingestellten Volksvertreter nahmen darauf dieses Geschenk unter der Bezeichnung "Gabe zur ersten Begründung einer Reichsbibliothek" am 31. August 1848 an. Ein Reichsbibliothekar wurde eingesetzt. Rund 40 andere Verleger erklärten sich daraufhin bereit, ebenfalls Belegexemplare abzugeben. Bereits plante man eine Nationalbibliographie, wie sie Frankreich seit 1811 besass. Doch noch schneller löste sich die Nationalversammlung auf und die deutsche Revolution war gescheitert. Nicht einmal die Rettung der Bibliothek von rund 4600 Bänden als selbständige Institution gelang: "Im Oktober 1851 erklärte die Bundesversammlung, der Deutsche Bund sei für eine Nationalbibliothek nicht zuständig, auch bestehe daran kein nationales Interesse." Der Bestand kam 1855 in die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg und 1938 in die Deutsche Bücherei Leipzig. (Deutsche Bibliothek 1980, 17-19)

Es waren in der Folge vor allem zwei Sammlungen, die - namentlich nach der wiedergewonnenen politischen Einheit des Reiches 1871 - mehr oder weniger offen miteinander rivalisierten und dem Charakter einer Nationalbibliothek nahekamen: die preussische Königliche Bibliothek in Berlin und die Bayerische Staatsbibliothek in München. Formell lehnte allerdings die erstere 1884 die offizielle Umwandlung in eine "Reichsbibliothek" ab, wie dies drei Jahre zuvor der Deutsche Schriftsteller-Verband gefordert hatte. (Man befürchtete eine Flut von unwissenschaftlichen und unbedeutenden Pflichtexemplaren und den Verlust des Charakters einer Forschungsbibliothek.) De facto sammelte die Königliche Bibliothek in Berlin aufgrund eines Statuts von 1885 aber die Literatur des Deutschen Reichs mit grosser Vollständigkeit. Von dieser Bibliothek gingen auch wichtige Impulse aus für die Vereinheitlichung der Formalkatalogisierung und für die Ausbildung von Fachpersonal. Die Führungsrolle wurde jedoch selbst innerhalb des preussischen Staates und erst recht ausserhalb mit Misstrauen beobachtet. - Die Hegemonie dieser Institution spiegelt jedoch in auffälliger Weise den Aufstieg Preussens zur führenden Macht innerhalb des Deutschen Reiches wider.

Galt die Bayerische Staatsbibliothek in der 1. Hälfte des 19. Jhs. noch als die bedeutendere Institution - Antonio Panizzi hielt sie 1836 für die zweitwichtigste Sammlung nach der Bibliothèque Nationale in Paris (Olson 27-33; Deutsche Bibliothek 1980, 18-22) -, so hatte am Ende des 19. Jhs. Berlin München den Rang abgelaufen, auch wenn beide Sammlungen aufgrund der Mittel, die zur Verfügung standen, und der Neubauten, die für diese beiden grossen deutschen Bibliotheken errichtet wurden, mit den grossen Nationalbibliotheken Europas durchaus mithielten. (München: 1834-39 Neubau durch Friedrich von Gärtner an der Ludwigstrasse im Stil eines Frührenaissance-Palazzos; Berlin: Neubau "unter den Linden" 1914.)

(Die deutsche Geschichte beeinflusst übrigens auch das weitere Schicksal der ehemaligen stolzen Königlichen Bibliothek in Berlin [ab 1918 "Preussische Staatsbibliothek"]: Nach Auslagerungen in den Kriegsjahren und schweren Zerstörungen fühlte sich im Westen die Staatsbibliothek der Stiftung Preussischer Kulturbesitz und in der DDR die Deutsche Staatsbibliothek als Rechtsnachfolgerin. 1991 wurde beschlossen, dass das alte Stammhaus im Osten die Literatur bis 1955 und die Sondersammlungen aufnimmt und der moderne Bau im Westen die später erschienene Literatur pflegt.)

Schliesslich sollte beim Ringen um die Nationalbibliothek eine andere Stadt das Rennen machen: Leipzig. Auf Initiative des Börsenvereins des deutschen Buchhandels schlossen 1912 dieser traditionelle Mittelpunkt des deutschen Buch- und Verlagswesens, das Land Sachsen und eben die deutschen Buchhändler einen Vertrag über die Gründung einer Deutschen Bücherei in Leipzig.

1916 konnte der auch heute noch beeindruckende Neubau fertiggestellt werden.

Drei Dinge waren an dieser Konstruktion auffallend:

- Formell waren die Buchhändler und Verleger Träger der Institution, auch wenn Leipzig, Sachsen und das Reich (seit den Inflationsjahren 1921ff) zum Unterhalt beitrugen. Der Börsenverein verpflichtete sich, die Verleger zur Belegsablieferung zu bewegen. (Deutsche Bibliothek 1980, 22,24)

  • Es gab lediglich eine freiwillige Abgabe durch die Verleger (und damit bestand eine Parallele zur Situation in der Schweiz).
  • Ebenfalls analog zu unserem Land hatte die Deutsche Bücherei einen beschränkten Sammelauftrag, nämlich die "gesamte vom 1. Januar 1913 an erscheinende deutsche und fremdsprachig Literatur des Inlandes und die deutsche Literatur des Auslandes" zusammenzutragen (Deutsche Bibliothek 1980, 22).

Dennoch wurde in einer Festschrift stolz verkündet: "Nun wird der Traum, den Franzosen, Engländer, Amerikaner für ihre Literatur bereits lange verwirklicht haben, auch für die deutsche Literatur, die an Umfang den aller anderen Länder übertrifft, Wirklichkeit. Eine möglichst lückenlose National-Bibliothek ersteht in Leipzig, dem Mittelpunkt des Deutschen Buchhandels." (Deutsche Bibliothek 1980, 22)

Dies galt in Wirklichkeit nur mit grossen Einschränkungen: Nichtverlagsliteratur und amtliche Druckschriften (diese erst sei 1924) wurden anfangs nur unvollständig gesammelt, und eine eigentliche Nationalbibliographie erschien erst ab 1931.

Es war dann das nationalsozialistische Regime, das die Deutsche Bücherei in Leipzig definitiv in die Rolle einer Nationalbibliothek drängte: "Noch 1933 kam die Bibliothek unter die Aufsicht des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda." Das Pflichtexemplarrecht wurde de facto 1935 eingeführt und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels definitiv aus der Verantwortung entlassen. "Damit besass Deutschland zwar, was es seit 1848 gewünscht und was ihm der Börsenverein dann sozusagen vorgeleistet hatte: eine weitgehend vom Reich getragene vollständige Sammlung des nationalen Schrifttums und eine nationalbibliographische Zentrale, aber unter der Herrschaft eines totalitären Staates." (Deutsche Bibliothek 1980, 26)

 Die Folgen waren zwar weniger verheerend als für die Bibliotheken in Berlin, dennoch musste das Haus im Januar 1944 für die Benutzung geschlossen werden, nachdem die Stadt Leipzig 1943 bombardiert worden war. Ca. 1,6 Mio. Bände wurden ausgelagert.

Nach 1945 verliert Leipzig die führende Position im Buchwesen an die alte Rivalin Frankfurt. Und dort entsteht mit der Deutschen Bibliothek aus sehr bescheidenen Anfängen als Annex der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a.M. (in der amerikanischen Besatzungszone) eine Parallelbibliothek mit grundsätzlich gleichem Auftrag. Erstaunlich ist deren Gründungsdatum: Bereits 1946 beginnt die bibliothekarische Teilung Deutschlands. Seit diesem Jahr erscheinen auch mit der "Deutschen Nationalbibliographie" und der "Bibliographie der Deutschen Bibliothek, Frankfurt a.M." zwei inhaltlich sehr ähnliche Verzeichnisse des deutschen Schrifttums. (Mit Nuancen: So nahm in der DDR-Reihe der Abschnitt "Marxismus/Leninismus" immer eine prominente Rolle ein; auch wurden politisch heikle Titel manchmal verstümmelt.).

Die Institution im Westen wird 1969 eine bundesunmittelbare Anstalt des öffentlichen Rechts, und die Pflichexemplarablieferung wird gesetzlich eingeführt (in der Ostzone schon 1955). (Deutsche Bibliothek 1994, S.65f)

Dieser Dualismus war gewiss in vielen Belangen wenig sinnvoll. Dass ein Land in der Grösse von (Gesamt-)Deutschland seine Literaturproduktion jedoch an zwei Standorten aufbewahrte, war aber durchaus gerechtfertigt. Nach der Einigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 werden die beiden Institutionen denn auch unter dem neuen Namen Die Deutsche Bibliothek zusammengefasst, der parallele Sammelauftrag aber grundsätzlich beibehalten. (Organigramm) (Ab 1991 erscheint nur noch eine Bibliographie unter dem Titel "Deutsche Nationalbibliographie".)

Anzumerken wäre noch, dass Die Deutsche Bibliothek (wie schon ihre zwei Vorgängerinnen) auch die im Ausland hergestellte oder verlegte deutschsprachige Literatur sammelt und damit die Literaturporduktion der Deutschen Schweiz aufnimmt.

Wie die Bibliothèque de France, die British Library oder die Dänische Nationalbibliothek ist auch die Deutsche Bibliothek zur Zeit am Bezug eines grossen Erweiterungsbaus in Frankfurt, der genügend Raum für die Neueingänge der nächsten 50 Jahre bieten soll. (Deutsche Bibliothek 1994, S. 26)

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