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Universitätsbibliothek Bern

Titelbild

Historisch gewachsene Sammlungen

Wir haben vorerst verschiedene Etappen herauszuschälen:

  1. persönliche Sammlung eines Monarchen, die u.U. nach seinem Ableben zerstreut wird;
  2. königliche Bibliothek im Sinne einer Schloss- oder Hofbibliothek mit Kontinuität;
  3. königliche Bibliothek im Sinne eines Verwaltungs- und Forschungsinstruments, das dem Publikum offensteht. Damit sie diese Funktionen erfüllen kann, muss sie auch mit regelmässigen Erwerbsmitteln und ausreichendem Personal ausgestattet sein.

Frankreich

Die erste Stufe dauert in Frankreich ziemlich genau bis an die Wende zur Neuzeit.

Beispiele dafür sind die Sammlungen von Karl dem Grossen, Karl dem Kahlen oder Ludwig dem Heiligen (1226-1270), deren Bestände nach ihrem Tod an Erben oder Orden verteilt werden.

Ohne die Wirren, die durch den Hundertjährigen Krieg entstanden waren, wäre vielleicht Karl V. (1364-1380) zum eigentlichen Gründer der französischen Bibliothèque du Roi geworden. Er hat seine Sammlung im Louvre untergebracht, sie geäufnet und das Amt eines "garde de la bibliothèque" eingerichtet. Die Bestände sind mit seinem Tod nicht unmittelbar verlorengegangen, aber Teile davon wurden in der ersten Hälfte des 15. Jhs. veräussert oder kamen sonstwie abhanden.

Erst nach dem Tode von Ludwig XI. (1461-1483), rund hundert Jahre später, sorgte dann seine Gattin (Charlotte von Savoyen, die auch das berühmte Stundenbuch des Duc de Berry in die Ehe gebracht hat) dafür, dass ein grosser Teil der Bestände auf ihren Sohn übergingen und nicht mehr zerstreut wurden. - Mit ihm, Karl VIII. (1483-1498), beginnt dann auch die Bestandesäufnung durch Kriegsbeuten: 1140 Manuskripte und Druckwerke werden dem besiegten König von Neapel (Haus Aragon) entwendet und nach Frankreich geführt.

Sein Nachfolger, Ludwig XII. (1498-1515) bereichert sich 1499-1501 auf gleiche Weise anlässlich der Eroberung des Herzogtums Mailand an den Beständen der Visconti und Sforza.

(Daneben spielten natürlich auch immer die Geschenke, Käufe und die Auftragsabschriften eine Rolle bei der Erwerbung.) - Die italienischen Fürstenbibliotheken im 15. Jh. waren übrigens wesentlich bedeutender als die entstehende Bibliothèque du Roi.

Unter Ludwig XII. wird aber auch die 2. Stufe, also eine königliche Bibliothek im Sinne einer Schloss- oder Hofbibliothek mit Kontinuität, erreicht. Er richtet dafür 1504 Räume in seinem Schloss in Blois ein, und fünf Jahre später führt der Bibliotheksbeauftragte erstmals den Titel eines "libraire du roi". Die Sammlung ist Gelehrten und äusländischen Gästen zugänglich. Ein Inventar ergab über 1600 Bände. (Histoire I, 311-328)

François Ier beschloss Ende der zwanziger Jahre, eine neue Schlossbibliothek in Fontainebleau einzurichten. Gezielt wurden nun in Italien griechische Klassiker gesucht, und auch französische Klöster wurden durchforstet.

1552 standen in Fontainebleau 550 wertvolle Handschriften.

Dieser aktive Sammelwille findet in einer andern Form noch seinen Ausdruck: 1537 wird in Frankreich als erstem Land das dépot légal, die Pflichtabgabe von neuen Druckwerken, eingerichtet (zugunsten der Sammlung in Blois). Sie fand allerdings nur in geringem Masse Beachtung, indem noch bis ins 17. Jh. nur knapp die Hälfte der Neuerscheinungen abgeliefert wurden.

In einem gewissen Sinne bedeutet 1544 die eigentliche Gründung der Bibliothèque Nationale, als die beiden Schlossbibliotheken in Fontainebleau zusammengeführt wurden. In den 1560er Jahren kam sie nach Paris. Sehr viele Standortwechsel und ein geringeres Interesse der Monarchen führten dann aber während 100 Jahren in eine Phase der Stagnation.

Der Übergang zur 3. Phase (königliche Bibliothek im Sinne eines Verwaltungs- und Forschungsinstruments, das dem Publikum offensteht) fällt in die Zeit von Minister Colbert (1664-1683), unter dem sie an die Rue Vivienne kam, wo sie nach vielen Erweiterungs- und Umbauten noch heute ihren Standort hat. Sie kann ihre Aufgaben bis zur Revolution auch in weitgehend vorbildlicher Weise erfüllen. (Histoire II, 77-84, 209-234)

Das Handbuch für Bibliothekswissenschaft (3,1, S. 696) fasst den Zustand vor der Revolution folgendermassen zusammen: "Die Bibliothek befand sich am Ende des Ancien Regime in einem Zustande der Wohlgeordnetheit und liberalen Benutzbarkeit. Der Beamtenstab von 54 Personen umfasste eine Anzahl gelehrter Geistlicher, eine Hauskapelle und einen Hauskaplan.

Spezialisten für die europäischen und orientalischen Sprachen standen zur Verfügung. Die Bibliothek war zweimal wöchentlich von 9 bis 14 Uhr für die Allgemeinheit geöffnet, Gelehrte hatten auch ausserhalb dieser Zeit Zutritt. Man zählte an den Öffnungstagen oft über 100 Besucher."

Aus der Revolution sollte die Bibliothèque Nationale, wie sie sich seit März 1791 nennt, gestärkt hervorgehen und ihren Bestand von 300'000 auf 600'000 Druckwerke verdoppeln können. Man behandelte sie mit Respekt (auch wenn vorübergehend das Budget sehr stark reduziert wurde) und man wollte sie in den Dienst des einfachen Volkes stellen, andererseits profitierte sie vom Misstrauen, das man den kirchlichen, privaten und akademischen Sammlungen entgegenbrachte. - Seltsam ist, dass die Umbenennung in der doch sonst dekretfreudigen Revolutionszeit keinen Niederschlag findet. Sie ist lediglich aufgrund der Benennung auf den Rechnungsformularen festellbar.

Mit der Umbenennung wird aber definitiv signalisiert, in wessen Besitz die Sammlung ist.

Die weitere Entwicklung der Bibliothèque Nationale ist in unserem Zusammenhang nicht zu verfolgen. Wir haben rund 1000 Jahre (800-1800) bibliothekarisches Sammeln am französischen Hof abgesteckt.

Die weiteren Beispiele, England und Österreich, werden wir nicht mehr in dieser Ausführlichkeit behandeln.

England

In Grossbritannien taucht die Idee einer nationalen Bibliothek erstmals in den 1530er Jahren auf. Der Humanist John Leland schlägt Heinrich VIII. vor, die Werke antiker Schriftsteller, wie auch diejenigen anderer Länder und natürlich die von Grossbritannien selber sollten aus der Dunkelheit ans Licht gebracht werden.

Auffallend ist, dass Leland diese Aufgabe an den König trägt und nicht als eine Verpflichtung der Unversitätsbibliotheken von Oxford und Cambridge sieht. Eine halbprivate königliche Sammlung gibt es seit Edward IV. (1470/71).

Angesichts der Zerstreuung der klösterlichen Bibliotheksbestände in alle Winde, gab es auch während der Regierungszeit von Elisabeth I. Bestrebungen, eine Bibliothek am Hofe zu errichten, um das Studium der Vergangenheit zu erleichtern. Die kleine Sammlung, die darauf zustande kam, wurde jedoch bald vernachlässigt und war im 17. Jh. in einem sehr schlechten Zustand.

Nach einem erneuten Vorstoss 1697 sollte es bis 1753 dauern, bis eine britische Nationalbibliothek im Rahmen des British Museums gegründet wurde. Der Kern wurde gebildet durch Zusammenlegung einer Reihe von wertvollen schon bestehenden Sammlungen, zu denen vier Jahre später die königliche Bibliothek dazukam. Interessant ist dabei der museale Kontext, den wir sonst bei Nationalbibliotheken im Gegensatz zu Stadtbibliotheken nicht finden. Bis heute ist die British Library im Komplex des British Museums untergebracht. (Der Bezug des Neubaus von St. Pancras verzögert sich immer wieder.)

Dabei dachte man schon 1697 an eine alle Wissensgebiete umfassende Sammlung ohne ausschliessliche Einschränkung auf Grossbritannien. (Willison 33-45)

Die eher zögerliche Gründung erfolgte übrigens durch das Parlament eher am König vorbei, der wenig Interesse zeigte und seinen Bestand etwas später beisteuerte. (Miller, 43)

Die Library of the British Museum (heute British Library) entwickelte sich dann allerdings seit der Mitte des 19. Jhs. zu einer der führenden bibliothekarischen Institution auf der Welt.

Ziemlich überraschend für das sonst eher zentralistische Vereinigte Königreich ist das Bestehen von drei weiteren Nationalbibliotheken:

  • Schottland - seit 1603 ohne eigenen Hof - besass in der "Advocates Library" in Edinburgh (gegr. 1682) seine wichtigste Büchersammlung, die 1925 zur "National Library of Scotland" avancierte.
  • Wales: seit 1907 National Library of Wales in Aberystwyth.
  • Irland: National Library of Ireland in Dublin, gegründet 1877.

Diese Bibliotheken haben wie die Universitätsbibliotheken von Oxford und Cambridge das Recht auf ein Pflichtexemplar.

Österreich

Die Entwicklung bis zur Hofbibliothek Wien verläuft ähnlich wie das französische Muster: "Die kaiserliche Bibliothek hatte bei der Eröffnung des neuen Hauses [1726] bereits eine jahrhundertealte Tradition - die ersten Anfänge liegen im 14. Jahrhundert. Die Aufbewahrungsorte der Büchersammlungen wechselten. Die Bibliothek wuchs aus landesfürstlichen Buchbeständen zusammen, die zunächst an verschiedenen Orten in Innsbruck, auf Burgen und Schlössern aufbewahrt wurden, bis sie in dem Bibliotheksbau des Vischer von Erlach vereinigt werden konnten. Wissenschaftliche und bibliophile Neigungen liessen eine Illuminatorenschule, eine Schreibschule, unter dem Landesfürsten Herzog Albrecht III. (1365-1395) entstehen. Zur Gründung der eigentlichen Hofbibliothek kam es 1520 unter Ferdinand I." (Baur, S. 280)

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