| Kontakt | Lageplan | A-Z Index | Sitemap | Drucken 

Universitätsbibliothek Bern

Titelbild

Mittelalter

(vgl. auch Harris 109-116; Handbuch 3,1, 426-439; Schmitz 56-59; Buzás 114-120; Histoire I, 113-123)

Zu den Anfängen der Universitäten nur die folgenden Stichworte: Sie entstehen seit dem 12. Jh. in vielen Fällen an Dom- und Kathedralsschulen durch Hörerkreise, die sich um einzelne hervorragende Lehrer scharen. Bis zum Jahr 1500 sind über ganz Europa verstreut insgesamt knapp 80 Universitäten entstanden. Nach den "Artes" als Vorstufe studierte man an einer der Fakultäten für Theologie, Recht oder Medizin. (Die Artistenfakultät tritt meist erst im 16. Jh. als gleichberechtigte philosophische Fakultät neben die drei anderen.) (Buzás 1976, 33)

Universitäten im Mittelalter sind Gemeinschaften von bescheidener Grösse: Institutionen mit 1000-2000 Studenten waren diesbezüglich bereits in einem Spitzenrang. Dies gilt namentlich für Paris, Oxford, Cambridge, Bologna. (Jochum 71).

Auch die Erwartungen in bezug auf die Bestände von Universitätsbibliotheken sind nicht allzu hoch anzusetzen:

  • Das Collegium Carolinum in Prag besass 1367 nur 114 Codices;
  • in der Artistenfakultät in Köln lagen 1474 342 Stücke. (Jochum 73)
  • Für Heidelberg sind 1396 396 Codices nachgewiesen und 1461 840;
  • Queen's College in Cambridge bringt es 1472 auf 199.
  • Die grösste Universitätsbibliothek des Mittelalters, die Sorbonne, hat 1290 1017 Handschriften und 1338 deren1722.
  • Bestandeszahlen in den Tausenden finden wir also normalerweise erst im Zeitalter des Buchdrucks. (Harris 113)
  • Diese bescheidenen Grössen hängen zusammen mit dem Lehrbetrieb: Im Gebiet des Deutschen Reichs schrieben die Studenten auf Diktat des Magisters die wesentlichen Werke ab.

In Frankreich waren die Studierenden in manchen Kollegien verpflichtet, einige Grundlagenwerke für sich selber zu beschaffen. (Histoire I, 93)

(In Frankreich, England und Italien hielten beauftragte Buchhändler, sog. stationarii, einen Grundstock der im Lehrbetrieb benötigten Literatur.) (Jochum 73)

Diese Bestandeszahlen haben aber natürlich auch mit der verhältnismässig mühsamen handschriftlichen Buchproduktion (bis etwa 1450) zu tun sowie dem Umstand, dass es an den Universitäten weniger um Vermittlung neuester Erkenntnisse oder gar einer Forschung im heutigen Sinne ging als um die Weitergabe eines bekannten Wissens, das auf Standardwerken beruhte. (vgl. Jochum 74)

Universitäten hatten in vielen Fällen zu Beginn überhaupt keine Büchersammlung. Die Gründungsstatuten der Universität Basel von 1460 sagen z.B. nichts über eine Bibliothek aus. (Man weiss aber von bescheidenen Anfängen und Unterbringung in einem Saal des Kollegiengebäudes.)

Die Lehrer besassen eigene kleine Handapparate, aus denen sie für ihren Unterricht schöpften.

Einen Ersatz für die Studierenden stellten in diesen Fällen die Stationarii dar, die rund um die Universität angesiedelt waren.

Eine andere Lösung bildeten die Studentengemeinschaften, die sich als "Nationen" (entsprechend ihrer Herkunft) zusammengeschlossen hatten und einen gemeinsamen Buchbestand besassen. Und in Oxford und Cambridge bildeten sich die Colleges heraus, die eigene Sammlungen besassen. (Harris 109)

Eine ähnliche Funktion hatten die Stiftungen für unbemittelte Studenten, die Kollegien. (Es handelte sich dabei um eine mit einem Stiftungsvermögen ausgestattete Wohn- und Unterrichtsgemeinschaft von Professoren und Studenten. Bekanntestes Beispiel: das um 1250 in Paris vom Priester Robert de Sorbon für Theologen gegründete und später mit weiteren Stiftungen erweiterte Kolleg, das mit der Zeit mit der Pariser Theologischen Fakultät identisch wurde.)

Die Folge dieses Stiftungs- und Kollegienwesens und der Selbstverwaltung der Fakultäten und Kollegien war eine Zersplitterung der Buchbestände.

Nur allmählich bilden sich bei den Artistenfakultäten und in den theologischen Fakultäten Sammelbecken für grössere Bücherbestände heraus.

In den meisten Fällen gehen in Kontinentaleuropa dezentrale Sammlungen einer zentralen grösseren Einheit voraus, die im Extremfall erst einige hundert Jahre nach der Gründung der Universität entstehen. Cambridge erhält z.B. erst 1438 eine allgemeine Universitätsbibliothek. (Harris 112; Handbuch, 3,2, S. 433f)

Das Wachstum war unregelmässig und hing in einem hohen Masse von Schenkungen ab. Dabei handelte es sich in erster Linie um Bücher selber und in zweiter Linie um Geldgaben. Vereinzelt mussten die Studenten Gebühren bezahlen. (Harris 113)

Für die "Stabilität" einer solchen Sammlung sprechen die Statuten der Universität Cambridge, die ich in Übersetzung nach Harris (S. 115) zitiere (leider ohne Jahresangabe):

"Kein Buch darf in die Bibliothek gebracht und dort angekettet werden, es sei denn, es ist von angemessenem Wert und Nutzen, oder es geschehe, um dem Willen des Schenkers zu entsprechen; und keines soll entfernt werden, es sei denn, es gebe bereits eine beträchtliche Zahl von Werken zum gleichen Thema oder dass eine andere Kopie in besserem Zustand und von grösserem Wert an seiner Stelle erworben wurde."

Wo eigens Bibliotheksräume eingerichtet werden, finden wir meist einen langgestreckten, rechteckigen Raum mit seitlichen Fenstern, zwischen denen die Pulte oder - v.a. in England - die Gestelle im rechten Winkel standen. (Grossmünsterstift)

Der - im Vergleich zu einer Klosterbibliothek - wesentlich intensivere Gebrauch der Bücher drückt sich dadurch aus, dass sie nicht mehr in Truhen oder Schränken verwahrt, sondern oft als libri catenati auf Gestellen präsentiert werden. Diese Praxis findet man mit abnehmender Tendenz bis in die Mitte des 17. Jhs. (Jochum 74; Histoire II, 52)

Im Prinzip stellte man thematisch auf, doch bildeten die bei mittelalterlichen Codices relativ häufigen Sammelbände dabei ein Hindernis. (Schmitz 58)

Ein gewisses Malaise in bezug auf die Betreuung, das uns im universitären Bibliothekswesen bis ins 19. Jh. begleiten wird, stellen wir bereits im Spätmittelalter fest: Oft geschah sie nur nebenher durch ein Fakultätsmitglied oder sogar einen Studenten.

Die Benutzung ist meist auf den Bibliotheksraum beschränkt. (Dieser ist übrigens nicht in allen Fällen für die Studenten zugänglich.) Andere Regelungen - v.a. in Deutschland - sehen die Ausleihe für Professoren, nicht aber die Studenten vor. Bei den Leihfristen stossen wir häufig - wie heute noch - auf einen Monat. Bussen oder Gebühren sind auch schon für das Spätmittelalter belegt, z.B. verspätete Rückgabe oder für Studierende, welche ein Buch offen liegenlassen. (Harris 114)

Fünf Stunden tägliche Öffnungszeit, wie wir sie in den Statuten von Oxford 1412 finden, darf als grosszügige Lösung gelten.

Die Regelung der Sorbonne, die ich nach dem Handbuch der Bibliothekswissenschaft (3,2, S. 431) zitiere, war ausserordentlich grosszügig:

"Die Benutzung war auf das freigiebigste geregelt. Nicht nur die Mitglieder der Sorbonne, auch die Mehrzahl der Universitätsangehörigen war zugelassen. Die Bemessung der Leihfrist war sehr ausgiebig. Um so genauer wurden die Leihregister geführt. Nicht nur der Name des Entleihers, Titel und Standnummer wurden notiert, sondern auch ihr Wert, die ersten Worte des zweiten und vorletzten Blattes, die Zahl der Lagen, so dass die Wiedererkennung gesichert war. Die Liberalität der Benutzung hatte auch ihre Schattenseiten. Allein die Tatsache, dass im Jahre 1338 von 1722 Handschriften nicht weniger als 300 verliehen oder nicht auffindbar waren, beweist es. Als vollends im 15. Jahrhundert auch die Bibliotheca parva Nichtmitgliedern zugänglich wurde, riss eine völlige Unordnung ein."

Weitere gutunterhaltene Bibliotheken sind in den anderen Fakultäten und Kollegien vorhanden. Der Engländer Richard von Bury rühmt: "Dort [in Paris] sind Bibliotheken angenehmer als duftende Gewürzkammern, es ist ein grünender Lustgarten mit Früchten der Gelehrsamkeit aller Art." (Handbuch 3,2, S. 432)

Dieser Autor (1287-1345) führt uns aber auch eindrücklich die Problematik der freien Benutzung von wertvollen mittelalterlichen Handschriften vor Augen. In seinem Werk Philobiblon (1345) beschreibt Richardus vor über 650 Jahren drastisch die Probleme mit Benutzern, die uns Bibliothekare auch heute noch beschäftigen:

"Unzählige Strohhalme verteilt er [der Student] da und dort und lässt sie herausgucken; das Hälmchen soll zurückrufen, was das Gedächtnis nicht behalten konnte. Ein Büchermagen verdaut aber kein Stroh; und da niemand es herauszieht, sprengt es zuerst den altgewohnten Einband und verfault dann, sträflich vergessen. Auch Obst und Käse verzehrt unser Jüngling ohne Bedenken auf dem ausgebreiteten Buch, und den Becher stellt er rücksichtslos bald hier, bald dort darauf ab, und weil er gerade keinen Almosensack zur Hand hat, lässt er die Resten der Brocken in das Buch fallen. Pausenlos schwatzt und disputiert er mit seinen Kameraden, und während er eine Menge sinnloser Argumente ins Feld führt, nässt der Sprühregen seines Speichels das aufgeschlagene Buch auf seinem Schoss. Schliesslich kreuzt er die Arme, liegt mit dem Ellbogen auf den Band, liest noch eine kurze Zeit und bittet sich so einen langen Schlaf zu Gaste; und um dann die Knicke und Ecken zu glätten, rollt er den Rand der Blätter ein, was dem Buch gar nicht gut tut. Nun 'st der Winter vergangen, der Regen ist weg und dahin; die Blumen sind hervorkommen im Lande'. Unser Student, sonst eher ein Feind als ein Freund der Bücher, wird jetzt seinen Band mit Veilchen, Primeln, Rosen und Vierblättern vollstopfen, wird mit feuchten, schweissigen Händen die Seiten umdrehen oder mit staubbedeckten Handschuhen auf das weisse Pergament losfahren und mit dem Zeigefinger, den ein altes Stück Leder bedeckt, eine Jagd die Seite hinunter Zeile für Zeile veranstalten; dann spürt er plötzlich den Stachel eines beissenden Flohs und schleudert das heilige Buch in eine Ecke. Dort kann es einen Monat lang warten, bis jemand es schliesst; Staub setzt sich hinein; es schwillt auf und weigert sich, dem Druck der schliessenden Hand zu gehorchen.

Besonders aber heisst es, von der Berührung der Bücher jene frechen Gesellen fernzuhalten, die sich, sobald sie gelernt haben Buchstaben zu machen, auf die schönsten Bände stürzen, wenn sie solche kriegen, sich als unzuständige Glossatoren betätigen und, wo sie einen breiteren Rand um den Text erspähen, ihn mit abscheulichen Buchstabenreihen verunzieren oder mit unbeherrschter Feder sonst einen Unsinn, den ihnen die Phantasie eingibt, aus dem Handgelenk hinsudeln."

Universität Bern | Universitätsbibliothek | Münstergasse 61/63 | CH-3000 Bern 8 | Tel +41 (0)31 631 92 11 | Fax +41 (0)31 631 92 99
© Universität Bern 07.11.2007 | Impressum