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Man kann die frühe Geschichte der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland in die folgenden Abschnitte teilen:
1. Vorformen 1750-1850 (s. Thauer 11-28)
Die Vorformen der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland sind teilweise ähnlich wie diejenigen in Grossbritannien:
1. Lesegesellschaften
Unter dieser Sammelbezeichnung entwickelten sich unterschiedliche Formen. Sie
"reichten von der losen Form blosser Gemeinschaftsabonnements über
Umlauflesezirkel bis hin zu klubähnlichen Einrichtungen mit eigenen, grosszügig
ausgestatteten Räumlichkeiten." Angesichts der hohen Mitgliederbeiträge
blieben der niedere Adel und das gehobene Bürgertum meist unter sich. Die
Mitgliederzahl bewegte sich meist zwischen 60-120. Die Gründung ging meist
von den Dorf- oder Stadthonoratioren aus.
Lesegesellschaften entstehen seit den 60er Jahren des 18. Jhs.; sie haben ihren Höhepunkt zwischen 1770 und 1790. Nach 1789 wurden sie teilweise unterdrückt und verboten oder mutierten zu Geselligkeitsvereinen oder Handwerkervereinen mit stark berufsbildender Orientierung. Thauer (S. 14) erwähnt bis zum Jahr 1800 rund 430 solcher Einrichtungen - selbst in Gemeinden unter 1000 Einwohnern.
2. Kommerziell orientierte "Leihbibliotheken"
"Zu einer Zeit, als man an die Errichtung öffentlicher Volksbibliotheken
nicht im entferntesten dachte, waren die Leihbibliotheken die einzigen Anstalten,
die dem Lesebedürfnis der Mehrheit der lesefähigen Bevölkerung
entgegenkamen. Insofern sind sie von ihrer Funktion her den Vorformen öffentlicher
Bibliotheken zuzuzählen, bei aller Kritik, die gegen sie erhoben wurde."
(Thauer, S. 16)
Es ist zu unterscheiden zwischen Leihbibliotheken, die einen eigentlich literarisch-wissenschaftlichen Charakter hatten, und solchen, die v.a. Trivialliteratur boten. Erstere konnten z.T. einen beträchtlichen Umfang annehmen, so sind für eine Institution in Leipzig 10'500 Titel und 70'000 Bände nachgewiesen.
Die letzteren waren umstritten, doch musste selbst der Pionier des öffentlichen Bibliothekswesens, Karl Benjamin Preusker, eingestehen: "So sehr auch die Klage verbreitet ist, dass die letzteren durch öftere Darbietung schädlicher Lectüre manches junge Gemüth auf eine unrechte Bahn verleiten, so muss ihnen dennoch ein hoher bildender Nutzen zugestanden werden; denn während bisher die öffentlichen Bibliotheken nur für die Gelehrtenbildung sorgten, waren sie es, welche die übrige Literatur dem Publicum darboten, und selbst bei einer errichteten Stadt-Bibliothek werden sie, zumal in grössern Orten, nicht zu entbehren seyn." (Thauer, S. 16)
3. Volksschriftvereine versuchten seit den 1840er Jahren der Bevölkerung geeignetes Lesegut zur Verfügung zu stellen.
4. Die Idee von allgemeinen öffentlichen Volksbibliotheken, z.B. als "Dorfbibliotheken", ist in Deutschland durch Heinrich Stephani (1761-1850) schon 1797 geäussert worden, ohne dass sie sich hätte durchsetzen können.
Ähnlich erging es den Bemühungen von Karl Benjamin Preusker (1786-1871), der v.a. in den 30er und 40er Jahren wirkte:
Vor dem Hintergrund des Niedergangs des Handwerks und der einsetzenden Industrialisierung schlug er ein ganzes Netz von Bibliotheken auf verschiedenen Stufen vor (Stadt-, Dorf-, Kreis-, Wanderbibliotheken etc.). Der beschränkte Erfolg dieser Bemühungen hatte auch mit den politischen Auseinandersetzungen um 1848 und der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution zu tun.
Ein weiterer Initiant war Friedrich v. Raumer (1781-1873), der in den USA staunend amerikanische Public Libraries kennengelernt hatte. Er schlug in einer Denkschrift 1846 vor, in Berlin vier Volksbibliotheken zu eröffnen. Ein privater Verein sollte dazu 4000 Taler stiften, sofern die Stadt sich bereit erklärte, für den weiteren Unterhalt zu sorgen. - Und dies war nun für Deutschland das entscheidend Neue - auch wenn sich diese Berliner Bibliotheken eher bescheiden entwickelten.
Wegen der 48er Revolution nahm die Stadt die Stiftung zwar erst 1850 an. Positiv daran war, dass damit auch in Deutschland die öffentliche Hand die Verantwortung für öffentliche Bibliotheken übernahm. Negativ fiel ins Gewicht, dass der Bestand mit zusammen 7'400 Werken bescheiden war und die Bibliotheken nur an drei Tagen zu je einer Stunde offenstanden. Vor allem aber nahm die Stadtregierung auf den Bestandesaufbau insofern Einfluss, als sie dekretierte, dass "alle Schriften, welche eine die Sittlichkeit, die Religion oder den Staat gefährdende Tendenz verfolgten, auf das Sorgsamste von der Bibliothek fern gehalten, und dagegen solche Schriften vorzugsweise für dieselbe ausgewählt werden, welche auf Befestigung von Sitte, Glauben und Unterthanentreue zielen". (Thauer 30)
Diese Unterstützung durch die Öffentliche Hand blieb aber in Deutschland zu diesem Zeitpunkt die Ausnahme. Die Bibliothekshistoriker Thauer und Vodosek glauben, dass damit die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland im Vergleich zu den angelsächsischen entscheidend in Rückstand geraten sind:
"Obwohl der Inhalt dieser Gesetze [in den USA und in Grossbritannien], besonders der des englischen dürftig war, wenn positive Auswirkungen auch nur sehr langsam eintraten, war der Staat doch ein für allemal in die Pflicht genommen, der Institution als solcher sein Augenmerk zuzuwenden. Die Public Libraries gewannen solcherart einen Vorsprung, den aufzuholen in Deutschland bis heute [1978] nicht gelungen ist. Nimmt man die politische Situation in Mitteleuropa zwischen der Revolution von 1848 und der Reichsgründung 1871 hinzu, wird verständlich, warum die Volksbildungsbestrebungen im allgemeinen und die volksbibliothekarischen Aktivitäten im besondern in diesem Zeitabschnitt ein Bild der Zersplitterung und divergierender Interessen bieten." (Thauer, 31)
2. "Ideologiegeprägte" Richtungen ca. 1850-1895
Ein zentraler Faktor für die Entstehung des Volksbibliothekswesens in Deutschland und anderswo bildeten die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als auch in Deutschland die Industrialisierung voll einsetzte. Mit der Entstehung eines Industrieproletariats trat eine neue Schicht in Erscheinung, die als Gefährdung der gesellschaftlichen Ordnung angesehen wurde. Für verschiedene Organisationen und Instanzen bildete dies den Anstoss, der breiten Masse das Buch zugänglich zu machen, glaubte man doch, durch die Beseitigung von Bildungsgegensätzen Klassengegensätze überwinden zu können. Zudem hofften diese Organisationen, das Volk für die eigene Weltanschauungen zu gewinnen. In dieser Absicht entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Netz von kleinen, öffentlich zugänglichen Volks(ausleih)bibliotheken, die von christlich-konservativen Vereinen katholischer oder protestantischer Prägung, von sozialistischen Arbeitervereinigungen bis hin zu freisinnig orientierten Gesellschaften getragen wurden. Allerdings konnte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mittel und Methoden dieser Bibliotheken im Vergleich zum Ausland beschränkt blieben. Sie waren in der Regel nur ehrenamtlich betreut, hatten eingeschränkte Ausleihzeiten und ungenügende Buchbestände. Charakteristisch war im weiteren der ideologische Hintergrund und die dadurch hervorgerufene Zersplitterung der Aktivitäten.
So sammelten die neu gegründeten sozialistischen Arbeiterbildungsvereine in erster Linie die politische, freiheitliche Dichtung sowie Werke von Marx, Feuerbach etc.
Nach der Niederwerfung der Revolution 1848 und nach dem Verbot aller Arbeitervereine 1854 traten an die Stelle sozialistischer Arbeiterbibliotheken die Bildungsvereine des Deutschen Nationalvereins und der Deutschen Fortschrittspartei, deren Führung zumeist freisinnig-bürgerliche Kräfte innehatten. Deren Bibliotheken pflegten die Allgemeinbildung und beschafften überwiegend naturwissenschaftliche und technische Literatur.
Auch nach dem Bruch zwischen Freisinn und Arbeiterbewegung und der Gründung der SPD 1869, mit der die Arbeiterbibliotheken wieder neue Impulse erhielten, blieb die politische Bildungsarbeit der Linken weiterhin schwierig, indem vor allem das zwischen 1878 und 1890 gültige Sozialistengesetz behindernd wirkte. Die Arbeiterbibliotheken mussten sich, um der Gefahr der polizeilichen Auflösung zu entgehen, in mehr oder weniger harmlose Lesezirkel zurückverwandeln. Erst nach 1890 nahm das Arbeiterbibliothekswesen einen neuen Aufschwung.
Auf kirchlicher Seite entstanden in den 1830er und 40er Jahren die katholischen Literaturverbreitungsvereine, die eigene Bibliotheken einrichteten. Diese schafften meist nur unpolitische, mit der katholischen Glaubens- und Sittenlehre zu vereinbarende Literatur an.
Vergleichbare Bestrebungen gab es auch auf evangelischer Seite.
Im bürgerlich-liberalen Lager schliesslich konzentrierte man sich nach der Trennung von der Arbeiterbewegung auf Aktivitäten in den neugegründeten Organisationen des "freien" Volksbildungswesens. Man beanspruchte damit eine Stellung zwischen dem Bildungswesen der öffentlichen Hand und der Bildungsarbeit der Parteien und Konfession. Vor dem Hintergrund der 1871 erfolgten Einigung Deutschlands war es das Ziel, mittels Bildungsarbeit unabhängig von politischen, wirtschaftlichen und religiösen Bindungen der politischen Einigung eine auf sozialem und kulturellem Gebiet folgen zu lassen. Man glaubte, dass sich soziale Gegensätze durch verbesserte Bildung ausgleichen liessen.
1871 nahmen diese Tendenzen in der Gründung der "Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung", die als eine Art Dachverband verschiedener liberaler Organisationen gedacht war, konkrete Gestalt an. Die im Zuge dieser Bestrebungen zahlreich gegründeten Volksbibliotheken wiesen allerdings weiterhin die bereits genannten Mängel auf: fehlende Mittel, ehrenamtliche Betreuung, beschränkte Ausleihzeiten und beschränktes Literaturangebot. Letzteres hing nicht nur mit den nicht vorhandenen Finanzmitteln zusammen, sondern auch damit, dass die bürgerlichen Trägerschichten der Bibliotheken der Ansicht waren, dass kleine Bibliotheksbestände den Ansprüchen der Volksbildung genügten. Schliesslich fehlte mit Ausnahme von Ansätzen in Sachsen und Württemberg für das gesamte Volksbibliothekswesen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die staatliche Unterstützung, die die erwähnten Mängel hätten beheben helfen können. Erst die neunziger Jahre brachten mit neuen Bildungsvorstellungen wirksame Reformbestrebungen in Gange, die unter dem Begriff Bücherhallenbewegung in die Literatur eingegangen sind.
3. Die Bücherhallenbewegung der Jahrhundertwende
Entscheidend war dabei die Begegnung deutscher Bibliothekare mit dem angelsächsischen Bibliothekswesen. So erregte ein Aufsatz des Wiener Geologieprofessors Eduard Reyer (1849-1914) im "Centralblatt für Bibliothekswesen" 1886 über die angelsächsischen Public Libraries grosses Aufsehen. Seine Forderungen nach einer Reform der Stadt- und Volksbibliotheken wurde dann nachdrücklich vom Kieler Universitätsbibliothekar Constatin Nörrenberg (1862-1937) verfochten. Beindruckt von den anlässlich einer 1893 unternommenen Reise in den USA besuchten Public Libraries forderte er in den nachfolgenden Jahren immer wieder die Schaffung allgemeiner Bildungsbibliotheken nach angelsächsischem Vorbild, sogenannte Lese- und Bücherhallen. Sein im Mai 1895 gehaltener Vortrag "Die Volksbibliothek, ihre Aufgabe und Reform" wurde zur Hauptschrift der Bücherhallenbewegung.
Diese von Nörrenberg stammende Bezeichnung sollte die Reformbestrebungen von den Volksbibliotheken alten Stils abgrenzen, denen das Attribut anhaftete, sich lediglich an die alleruntersten Schichten, an die Geistesärmsten, zu richten. Der neue Bibliothekstypus sollte allen Bevölkerungsschichten vorbehaltlos und ohne Einschränkungen offenstehen. Die Hauptforderung Nörrenbergs war die Errichtung öffentlicher Bibliotheken, die unter fachlicher Leitung stünden, mit genügend finanziellen Mitteln versehen wären und weit angesetzte, günstige Öffnungszeiten hätten. Sie sollten im weiteren nicht nur Ausleihbibliotheken sein, sondern nach angelsächsischem Vorbild mit gut ausgestatteten Leseräumen bzw. -hallen ausgestattet sein. Nörrenberg verlangte im weiteren, dass das Literaturangebot durch die in den Volksbibliotheken vernachlässigte Unterhaltungsliteratur (Belletristik) erweitert werden sollte.
Da bis anhin die Kommunen und der Staat nur vereinzelt (so in Sachsen und Württemberg) die Volksbibliotheken unterstützten, nahmen sich auch bei der Bücherhallenbewegung zunächst die bestehenden und neugegründeten Bildungsvereine dessen Verwirklichung an, allerdings bemüht, die verschiedenen Bestrebungen national zu koordinieren, was etwa in einer 1896 durch Nörrenberg einberufenen Konferenz in Berlin zum Ausdruck kommt. Federführender Verein bei der Bücherhallenbewegung war die 1892 gegründete Comenius-Gesellschaft, die sich 1899 mit einem Aufruf "Schafft Bücherhallen!" an die Magistrate der deutschen Städte wandte und dabei eine Reihe von Empfehlungen herausgab:
Leitung der Bibliotheken durch hauptamtliche Bibliothekare, tendenzlose Auswahl der Bücher, zentrale Verwaltung, günstige Lage in der Stadt, freier Zugang für jedermann und ausreichende Öffnungszeiten. Schon kurze Zeit nach dem Aufruf der Comenius-Gesellschaft zeitigte die Initiative einen ersten Erfolg, als noch im selben Jahr 1899 in Preussen erlassen wurde, dass der Staat die Gründung von öffentlichen Bibliotheken in den Städten fördern und staatliche Beihilfen gewähren sollte. Insgesamt 50'000 Mark sollten jährlich aufgeworfen werden. Die ersten öffentlichen Bibliotheken in deutschen Städten - so in Berlin, Frankfurt a.M. und Freiburg i.Br. - waren allerdings noch Vereinsgründungen.
Erst 1898 wurde die erste kommunale öffentliche Bibliothek in Charlottenburg ins Leben gerufen. Neben Neugründungen wurden vielerorts auch die bestehenden Volksbibliotheken im Sinne der Bücherhallenbewegung reformiert.
In Berlin beispielsweise öffnete 1907 eine zentrale Bibliothek ihre Tore, die als Oberbau die bestehende Volksbibliothek ergänzen sollte. Dieses Modell machte in der Folgezeit vielerorts Schule und bildet noch heute die Struktur vieler öffentlicher Bibliotheken mit einer zentralen Bücherei und mehreren Filialen für die Literaturversorgung in den Quartieren und Vororten.
Insgesamt war allerdings der Anteil der Städte an den Neugründungen und dem Unterhalt von öffentlichen Bibliotheken in den ersten Jahren der Bücherhallenbewegung gering: 1902 waren gemäss dem Statistischen Jahrbuch deutscher Städte von den 179 öffentlichen Bibliotheken lediglich 70 städtische Anstalten. Neben den Vereinen waren es ebenfalls Firmen, die sich aktiv an der Gründung und finanziellen Unterstützung von öffentlichen Bibliotheken beteiligten, wie etwa in Jena (Carl Zeiss) oder in Essen (Krupp). Aber auch rein private Stiftungen, wie jene von Hugo Heimann, dem Inhaber der Guttentagschen Verlagsbuchhandlung und Berliner SPD-Stadtverordneten, trugen die Anfänge der Bücherhallenbewegung mit.
Langsamer als in den Städten entwickelte sich das Bibliothekswesen auf dem Lande. Zum einen fehlten häufig die finanziellen Mittel, zum anderen sahen die Protagonisten der Bücherhallenbewegung mit den bestehenden kleinen Volksbibliotheken das Land ausreichend versorgt.
Erst nach der Jahrhundertwende setzte sich langsam die Erkenntnis durch, auch dem Land eine verbesserte Literaturversorgung zu gewähren. Allmählich wurden in den grösseren Orten Kreisbibliotheken eingerichtet, kleinere Orte sollten mit Wanderbibliotheken versorgt werden. Die Bücher wurden dabei den Ortschaften für ein Jahr überlassen und in Kästen versandt, die gleichzeitig als Bücherschränke dienten und die Kataloge enthielten. Mit Ausnahme von Oberschlesien und Posen dauerte es allerdings bis gegen das Ende des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts, bis auch auf dem Lande der Staat die neuen Büchereien unterstützte.
Trotz der beachtlichen Erfolge der Bücherhallenbewegung und ihrer unbestreitbaren Leistung für die Entwicklung des öffentlichen Bibliothekswesens in Deutschland blieben verschiedene Probleme ungelöst.
So reichten die räumlichen, organisatorischen und finanziellen Mittel der neuen Bibliotheken nicht überall aus, um den Anforderungen der Reformbewegung zu genügen. Schwer taten sich viele Bibliotheken auch mit der Forderung, tendenzlos Literatur zur Verfügung zu stellen. Nicht selten sahen die politischen Verantwortlichen in den öffentlichen Bibliotheken ein wirksames Mittel, der stärker werdenden sozialistischen Arbeiter- und Gewrkschaftsbewegung Gegensteuer zu geben. Dabei spielte auch eine Rolle, dass im letzten Jahrzehnt des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Arbeiterbüchereien einen Aufschwung erlebten und dadurch ein Konkurrenzverhältnis zwischen den Bücherhallen und den Arbeiterbibliotheken entstand.
Mit der Bücherhallenbewegung, die ein fachlich geschultes hauptamtliches Bibliothekspersonal verlangte, bildete sich ebenfalls ein neuer Berufsstand, jener des Berufsbibliothekars an öffentlichen Bibliotheken aus. Kurz nach der Jahrhundertwende wurden nach angelsächsischem Vorbild auf privater Basis Bibliothekarsschulen gegründet.
Angesprochen waren vor allem Frauen, was sowohl mit der relativ schlechten Bezahlung der Bibliothekarstellen zusammenhing als auch damit, dass der Dienst in öffentlichen Bibliotheken als soziale Tätigkeit verstanden und somit als geeigneter Frauenberuf angesehen wurde.