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Universitätsbibliothek Bern

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Exkurs Die gesellschaftliche Bedeutung der öffentlichen Bibliothek als Instrument der Demokratisierung

In einem Artikel von Arthur B. Hafner und Jennifer Sterling-Folker halten diese Autoren folgendes fest:

"The public library was the product and expression of political and social ideals developed in these countries [i.e. die angelsächsischen Demokratien]. ... The public library is the only agency in American society that makes knowledge, ideas, information freely available to all citizens. ... No other municipal agency in our society has such an intangible and entirely value-laden function."
(Hafner und Sterling-Folker, in: Democracy and the Public Library. 1993)

Was die historische Entwicklung von öffentlichen Bibliotheken betrifft, so ist allerdings der Vorstellung, dass die angelsächsischen Länder allein die Idee der Allgemeinen öffentlichen Bibliothek entwickelt haben, mehr als im Detail zu widersprechen. Selbst für die Situation in den USA ist sie falsch, wie die folgenden Zahlen über die Zugänglichkeit von Bibliotheken für afro-amerikanische Einwohner der USA belegen:

1913 gab es im ganzen Süden nur 14 öffentliche Bibliotheken, die der afro-amerikanischen Bevölkerung offenstanden. Und auch 1947 standen nur 188 der 597 öffentlichen Bibliotheken dieser grössten ethnischen Minderheit offen. (Völlige Öffnung erst mit dem Civil Right Act von 1965.)

Im folgenden geht es aber um etwas anderes, um die Idee von der gesellschaftlichen Bedeutung der öffentlichen Bibliotheken am Beispiel der USA. Ausgehend von der arbiträren Bestandeszusammensetzung und dem restriktiven Zugang von Bibliotheken und Archiven in Mesopotamien schlagen die Autoren einen grossen Bogen zur demokratischen und im Bestandesaufbau neutralen Public Library der USA.

Nach einer Definition von 1965 von George Chandler ist die Public Library für jedermann offen, unabhängig von Alter, Beruf, Rasse oder Farbe, und es besteht darin freier Zugang zu jeder Art von Literatur (zitiert nach Hafner und Sterling-Folker, S. 13).

Die öffentliche Bibliothek und die öffentliche Schule werden demnach als wesentliche Grundlagen für die demokratische Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft definiert. Dabei wird Rückgriff genommen auf Thomas Jefferson, der 1787 schrieb:

"Educate and inform the whole mass of the people. Enable them to see that it is in their interest to preserve peace and order, and they will preserve them." Jefferson soll auch schon 1809 die Verbindung von Demokratie, deren Bedarf an Wissen und Erziehung und der Verbreitung von Bibliotheken gesehen haben. "I have often thought that nothing would do more extensive good at small expense than the establishment of a small circulating library in every country, to consist of a few well-chosen books, to be lent to the people of the country. ... These should be such as would give them a general view of other history, and particular view of that of their own country, a tolerable knowledge of geograpy, the elements of Nature, Philosophy, or Agriculture, and Mechanics."

Es mag deshalb erstaunen, dass es bis zum Jahr 1852 dauerte, bis in Boston die erste amerikanische Public Library eröffnet wurde. Hafner und Sterling-Folker führen dies auf widersprüchliche Kräfte zurück: Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sei der durchschnittliche Amerikaner formeller Erziehung gegenüber eher skeptisch gewesen und habe sie sogar als Widerspruch zur Demokratie empfunden. Erziehung, Bücher und Wissen waren für die meisten Amerikaner bis zu diesem Zeitpunkt ein Privileg der Aristokratie. Die neue amerikanische Gesellschaft dagegen sollte auf dem freien Willen der Bevölkerung beruhen, und diese sollte gleichsam durch ihren gesunden Menschenverstand wissen, was sie wollte und was zu tun sei.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts soll es dann nach diesen Vorstellungen zu einer Interessenkoalition der Arbeiter- und der Oberschicht gekommen sein in dem Sinn, dass die Vertreter der Grundschicht zur Überzeugung kamen, dass sie zur Erreichung von gleichen politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten eine bessere Ausbildung benötigten, während man in der Oberschicht mit Beunruhigung den starken Zufluss von schlecht ausgebildeten Immigranten beobachtete und darin eine Gefahr für die Stabilität von Kapitalismus und demokratischem System sah.

Ein wichtiges Instrument für die Hebung der Bildung sah man dabei in den Bibliotheken, die damit zu einer Art Garanten der Demokratie wurden.

Die Autoren überhöhen dabei die Bedeutung der Bibliotheken auch insofern, als sie sie deutlich abheben sollten von anderen öffentlichen Leistungen eines Gemeinwesens wie Spitäler, Polizei, Feuerwehr, ja sogar die Schulen. Die Public Library mit ihrem Ziel der Erhaltung und freiem Zugang zum Wissen sei einzigartig für das demokratische politische System.

Man mag diese idealisierende Vorstellung des Bibliothekswesens und besonders der öffentlichen Bibliotheken belächeln, sie ist in der vorgebrachten Form denn auch etwas naiv. Trotzdem haben solche Vorstellungen das Bibliothekswesen in den angelsächsischen, skandinavischen und den übrigen westeuropäischen Demokratien stark mitbeeinflusst. Eine ganze Reihe von Ländern ist im 20. Jahrhundert dazu übergegangen, durch gesetzliche Massnahmen ein flächendeckendes Netz von Bibliotheken aufzubauen und diese zu Zentren der kommunalen Aktivitäten zu machen. In Skandinavien, aber auch in den Niederlanden war dies ausgeprägt der Fall. (Während wir in der Schweiz aufgrund der kommunalen und kantonalen Kulturhoheit keine allgemeine Verpflichtung für Gemeinden zur Errichtung von Allgemeinen öffentlichen Bibliotheken oder Schulbibliotheken kennen.)

Gerechterweise muss man erwähnen, dass auch die sozialistischen Länder während der Zeit ihrer Existenz ein Bibliotheksnetz errichteten, das dasjenige der Länder im Westen zum Teil an Dichte noch übertraf, wobei natürlich der Bestand nicht nach unserem Verständnis frei zusammengesetzt war, sondern der Erziehung der Massen im Sinne des Marxismus/Leninismus diente.

(Democratic Ideals and the American Public Library, von Arthur W. Hafner und Jennifer Sterling-Folker in: Democracy and the Public Library. Hrsg. Arthur W. Hafner. Greenwood Press Westport, Connecticut und London, 1993, S. 9-43)

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