Universitätsbibliothek Bern |

Erich Fromms Begriffspaar vom "Haben oder Sein" gilt in übertragenem Sinne auch für das Bibliothekswesen; dort wird es allerdings mit "Besitz oder Zugriff" ("ownership or access") ausgedrückt.
Es handelt sich dabei um die zentrale Erscheinung des Bibliothekswesens im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts: um den Wandel der Bibliotheken von Informationsbesitzerinnen zu Informationsvermittlerinnen.
Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind wieder einmal dabei umzulernen: Während es bis ins 19. Jh. zu ihrem Berufsstolz gehörte, eine Anfrage aus eigenem Wissen beantworten zu können, mussten sie sich anschliessend damit bescheiden, zu wissen, wo man in der eigenen Bibliothek die entsprechende Antwort finden konnte. Heute gehört darüber hinaus zur Bibliothekarenausbildung, dass man weiss, wo man (auswärts) eine Information finden und wie man sie möglichst rasch beziehen kann.
Anders als bis Ende der siebziger Jahre werden Bibliotheken künftig nicht nur alle zwei bis drei Generationen Investitionen für einen Neubau benötigen und dazwischen mit einem kontinuierlichen Betriebskredit auskommen, sondern sie brauchen eine regelmässige Erneuerung ihrer Informatikmittel.
Zum Schluss komme ich nochmals auf das Buch und die Printmedien als solche zurück, von denen wir ausgegangen sind.
Ebensowenig wie für die Bibliotheken brauchen wir Angst um das Buch zu haben.
Weltweit steigt trotz der wachsenden Zahl von CDs und Videos, die heute auch in Buchhandlungen angeboten werden, die Buchproduktion von Jahr zu Jahr. - Ganz grob gesagt pro Jahr etwas weniger als 1 Mio. Buchtitel weltweit; 100'000 auf dem deutschsprachigen Markt und 10'000 in der Schweiz.
Dieses Wachstum ist noch viel mehr für den Zeitschriftenmarkt festzustellen - sowohl in bezug auf die Wissenschaften wie den Unterhaltungsbereich.
Auch die Zeitungen werden weiterhin auf Papier gedruckt erscheinen - obwohl bereits viele namhafte Blätter täglich eine elektronische Version auf dem Web anbieten und andere ihre Ausgaben retrospektiv auf CD-ROM herausgeben. (Beides gilt auch für den nichtwissenschaftlichen Zeitschriftenmarkt.) Denkbar wäre eigentlich ein individueller Zuschnitt, eine Auswahl von Informationen nach einem zuvor eingegebenen Profil. - Eine solche Umstellung zeichnet sich aber noch nicht ab.
Die elektronischen Zeitschriften schliesslich (ohne Papierausgabe) werden ein Medium für sehr spezielle Wissenschaftsbereiche bleiben, namentlich für Spezialzeitschriften mit einem kleinen Kreis von Interessenten.
Daneben werden sich Fachzeitschriften mit grosser Auflage auch eine elektronische Parallelversion leisten.
Nicht zuletzt ist die Lektüre am Bildschirm im Vergleich zu derjenigen der Druckform einfach zu wenig attraktiv.
Dazu zwei einfache Beispiele:
Mit anderen Worten:
a) Die konventionelle Form des Informationsträgers, handle es sich um ein
Buch, eine Zeitschrift oder eine Zeitung, ist nach wie vor eine geniale Erfindung
und kommt gerade der Mobilität des heutigen Menschen entgegen.
b) Die meisten wissenschaftlichen Sachverhalte - auch wenn sie komplex sind - lassen sich mit Worten, Tabellen und Grafiken beschreiben.
c) Dies gilt noch mehr für die Mehrfarbigkeit. Diese ist zwar fürs Auge gefällig, für die Vermittlung von wissenschaftlichen Informationen ist sie jedoch nur für kleine Teilbereiche wirklich notwendig.
Kurz: Bei aller Offenheit und Hoffnung auf elektronische und audiovisuelle Möglichkeiten glaube ich an die Zukunft des Buches und der Bibliotheken und bin überzeugt, dass dies nicht aus déformation professionelle geschieht.